Formel 1

Extrem enttäuschend und hochgradig unfair

Von Alexander Mey
BMW-Sauber feierte seinen einzigen Sieg beim Kanada-GP 2008 durch Robert Kubica
© Getty

BMW steigt aus der Formel 1 aus. Ein Schock - für die Mitarbeiter im Team, für die Formel 1, für die Fans und auch für die Presse. Natürlich konnte man nach den Entwicklungen der vergangenen Monate etwas ahnen, aber jetzt, da der Entschluss feststeht, bleibt die Frage nach dem Warum, nach Sinn und Unsinn des Ausstiegs und nach den Konsequenzen. SPOX stellt Aussagen und Meinungen zum Thema zusammen.

Das meint SPOX:

Wie auf einer Beerdigung. So war die Stimmung am Mittwochmorgen in München, als die BMW-Oberen verkündeten, was spätestens seit der Einladung zu einer außerordentlichen Pressekonferenz am späten Dienstagabend jeder ahnte.

Es ist aus mit der Formel 1, und damit stehen schlimmstenfalls 740 Angestellte an den Standorten Hinwil, München und Landshut auf der Straße. "Keine Ahnung, was aus mir wird. Darüber konnte ich noch nicht nachdenken. Ich arbeite nur noch im Tunnel, seit ich von dem Ausstieg erfahren habe", sagte mir der BMW-Pressesprecher vor der Pressekonferenz.

Viele Menschen stehen vor einer ungewissen Zukunft, und sie konnten sich so gut wie gar nicht darauf vorbereiten. Wenn der Konzern schon betont, dass der Ausstieg nichts mit der aktuellen sportlichen Lage zu tun hat, warum hat er diese Entscheidung nicht schon zu Saisonbeginn getroffen und bekanntgegeben, sondern erst jetzt, wo er es wegen der anstehenden Unterschrift des Concorde Agreements nicht mehr hinauszögern konnte? Dann hätte sich jeder auf das Ende vorbereiten können.

Die kurzfristige Entscheidung impliziert entweder, dass man sich an der Konzernspitze nicht getraut hat, früher die unangenehme Wahrheit auf den Tisch zu legen, oder dass entgegen der Beteuerungen eben doch noch auf eine sportliche oder sportpolitische Wende gehofft wurde.

Heißt konkret: Wäre BMW um den Titel gefahren und hätte das vom Konzern durchgeboxte Hybridsystem KERS perfekt funktioniert, anstatt einen verheerenden Werbeeffekt zu haben, dann wären die Bosse noch einmal ins Grübeln gekommen. Hätte die Teamvereinigung FOTA sich mit ihren Forderungen nach Regeländerungen gegen die FIA vollständig durchgesetzt, dann würde BMW vielleicht sein Ziel, so kreativ und innovativ wie möglich zu sein, noch verwirklichen können.

Weder das eine noch das andere wird man bei BMW offiziell zugeben. Aber schon das offiziell Gesagte und Getane reicht aus, um zu folgender Feststellung zu kommen:

Der Ausstieg von BMW aus der Formel 1 ist nachvollziehbar, weil ohne Erfolg aus der nach wie vor teuren Formel 1 kein Profit zu ziehen ist. Er ist aber in der Form, in der er beschlossen und verkündet wurde, unfair. Unfair gegenüber den Mitarbeitern, die plötzlich vor einem schwarzen Loch stehen. Und unfair gegenüber den anderen Teams, mit denen man bis zuletzt für eine bessere Zukunft der Formel 1 gekämpft hat.

Das meinen die Verantwortlichen:

Norbert Reithofer (BMW-Vorstandschef): "Natürlich ist uns diese Grundsatzentscheidung schwer gefallen, auch mir persönlich. Aber ich habe immer klar gesagt, dass ich auch vor harten Maßnahmen nicht halt mache, wenn sie dem langfristigen Erfolg der BMW Group dienen. Das ist ein entschiedener Schritt im Zuge der Konzern-Umstrukturierung. BMW möchte sich in Zukunft mehr auf Nachhaltigkeit und ökologische Aspekte konzentrieren. Da passt die Formel 1 nicht mehr hinein."

Klaus Draeger (BMW-Entwicklungs-Vorstand): "Im Zuge der geplanten Kostenreduzierung nehmen Standardisierung und Homologation von Komponenten zu. Die Kreativität der Ingenieure wird dadurch eingeschränkt. Das entspricht nicht unbedingt unseren Idealvorstellungen. In einer Zeit der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen müssen wir handlungsfähig und flexibel bleiben. Dieser Tatsache haben wir nun Rechnung getragen. Ausschlaggebend für diese Grundsatzentscheidung waren nicht die aktuelle sportliche Performance in der Formel 1 und nicht die allgemeine wirtschaftliche Situation, sondern die strategische Neuausrichtung des Unternehmens."

Mario Theissen (BMW-Motorsportdirektor): "Natürlich bin ich persönlich über diese Entscheidung enttäuscht. Sportlich hätte einiges für den Verbleib in der Formel 1 gesprochen, aber aus Sicht des Unternehmens kann ich diese Entscheidung nachvollziehen. Das ganze Team hätte gerne gezeigt, dass die aktuelle Saison nach drei erfolgreichen Jahren ein Ausrutscher war. Wir werden uns nun voll auf die verbleibenden Rennen konzentrieren und uns mit Kampfgeist und einem guten Ergebnis aus der Formel 1 verabschieden."

Das komplette Interview von Mario Theissen zum Ausstieg

Das meint die Formel-1-Welt:

Statement von Peter Sauber (Ex-Sauber-Teamchef): "Die Ankündigung von BMW, sich zum Saisonende aus der Formel 1 zurückzuziehen, kam für mich völlig überraschend. Ich akzeptiere und respektiere den Entscheid, kann ihn allerdings persönlich nur schwer nachvollziehen. Ich werde jetzt alles in meiner Macht stehende versuchen, eine Lösung zu finden, die den Fortbestand des Teams am Standort Hinwil in irgendeiner Form ermöglicht. Die Ausgangslage dazu ist sehr schwierig."

Statement der Teamvereinigung FOTA: "Nach der BMW-Entscheidung haben sich die FOTA-Teams sofort gegenseitig konsultiert und sind bereit, alles zu tun, um das Sauber-Team, dessen Zugehörigkeit zur FOTA bestätigt ist, zu unterstützen, damit es sein Engagement in der Formel 1 fortsetzen kann."

Bernie Ecclestone (Formel-1-Boss): "Sie wollten in drei Jahren die WM gewinnen. Es schien so, dass das nicht klappen könnte. Vielleicht haben sie sich deshalb entschieden, aufzuhören. Das BMW-Formel-1-Team war ja mal das Sauber-Team aus der Schweiz. Den Peter Sauber gibt es ja immer noch. Er ist nach wie vor 20-prozentiger Teilhaber. Ich gehe davon aus, dass man eine gute Lösung findet."

Statement von FIA-Präsident Max Mosley: "Die FIA bedauert die Bekanntgabe des beabsichtigten Ausstiegs von BMW aus der Formel 1, ist darüber aber nicht überrascht. Es ist schon seit einiger Zeit klar, dass der Motorsport die weltweite Wirtschaftskrise nicht ignorieren kann. Aus diesem Grund hatte die FIA Regeln vorbereitet, um die Kosten dramatisch zu reduzieren. Hätten einige Teamchefs diese Regeln nicht so entschlossen abgelehnt, hätte man den Ausstieg von BMW und weitere solche Bekanntgaben in der Zukunft verhindern können."

Nick Heidfeld (Fahrer BMW-Sauber): "Die Entscheidung zum Formel-1-Ausstieg von BMW kommt für mich unerwartet und tut mir speziell für das Team und alle Mitarbeiter, mit denen ich über Jahre hinweg das Projekt aufbauen durfte, sehr leid. Ich werde weiterhin mein Ziel,  das Maximum in der Formel 1 zu erreichen, nicht aus den Augen verlieren und die Mannschaft so gut ich kann unterstützen, um die Saison bestmöglich abzuschließen. Was meine persönliche Zukunft angeht, so werden wir die Gespräche unter den neuen Voraussetzungen weiter fortführen."

Statement von Mercedes: "Wir bedauern den Formel-1-Ausstieg von BMW. Diese Entscheidung hat keinerlei Einfluss auf unser Formel-1-Engagement."

Statement von Toyota: "Durch die Kostensenkungen werden wir unser Formel-1-Engagement fortführen. Unsere Situation bleibt unverändert. Das wurde uns aus Japan mitgeteilt."

Marc Surer (Sky-Experte): "Ich bin überrascht von der Entscheidung meines früheren Arbeitgebers. In der Vergangenheit war es immer so, dass man eine Richtung, die man eingeschlagen hat, auch beibehielt. So war die Übernahme des Sauber-Teams für mich eine langfristige Investition, mit dem Ziel die WM zu gewinnen. Dass man jetzt - nach so wenigen Jahren mit diesem Team - schon aufgibt, hinterlässt für mich einen faden Beigeschmack. Auch wenn heute andere Gründe genannt wurden, habe ich den Eindruck, dass doch die aktuell schlechten Ergebnisse, den Ausschlag für den Rückzug gegeben haben."

Jacques Schulz (Sky-Experte): "Die Entscheidung kam für mich nicht völlig überraschend, da sich in den letzten Wochen die Anzeichen für uns verdichteten, dass die Konzerne intensiver die Kosten und Nutzen Ihrer Engagements hinterfragten. Ich und alle Motorsportfans bedauern den Entschluss und ich hoffe, dass diese Entscheidung keine weiteren Erdbeben auslöst, sprich Toyota, Renault und alle anderen Teams das Concorde-Agreement schnellstmöglich unterschreiben werden."

Das meinen die mySPOX-User:

mary33: "Für mich ist das schon eine Sensation. Die F1 hat jetzt schon deutlich an Wert verloren. Erst die Doppel Diffusoren-Geschichte am Anfang des Jahres, wo es auch für BMW schlecht lief, dann der Budgetstreit mit der FIA und jetzt, bevor das neue Agreement raus ist, steigt BMW aus. Evtl. kommen Toyota und Renault noch dazu. Bedauerlich die ganze Sache, aber die Krise ist noch längst nicht überwunden."

rblackman: "Schämt euch bei BMW! Da baut ein Herr Peter Sauber über Jahrzehnte ein riesiges Unternehmen auf, verkauft es dann an einen eigentlich potentiellen Motorenhersteller und der zieht nach nur einer schlechten Saison gleich den Schwanz ein - Schande! Peter Sauber musste immer mit solchen Resultaten in der F1 umgehen und hat sich durchgeschlagen. McLaren-Mercedes und Ferrari haben auch Mühe in diesem Jahr, warum gerade alles hinschmeißen? Ich bin mehr als nur enttäuscht von BMW!"

Weizensack: "So kann man's natürlich auch machen. Kurz vor der endgütigen Absegnung des neuen Agreements abspringen. Und ja, wenn ich Peter Sauber wäre, kämen mir wohl auch die Tränen, wenn ich mein sportliches Lebenswerk so den Bach runtergehen sehen würde! Der eventuelle Ausstieg hat mit der Krise absolut gar nichts zu tun. Die wird nur als naheliegender Deckmantel benutzt, um solche Entscheidungen - jedenfalls bei der leichtgläubigen, zweidimensional denkenden Öffentlichkeit - begründen zu können. Mir tut sowas echt leid. Ich persönlich empfand BMW-Sauber immer als eines der sympathischsten Teams der F1."

C0unterzer0: "Ich sehe das als richtig an. Die F1 ist einfach ein Luxussport, teuer ohne Ende und meiner Meinung nach das Geld nicht wirklich wert. Da gibt's andere Rennserien, in denen die Zuschauer auch noch Wert auf die Marke legen, die gewinnt. F1 is nur noch Publicity und Show. Es gibt Rennserien, in denen wird 10 Mal mehr von den Fahrern und den Autos abgefordert, aber kaum einer im Vergleich zur F1 schaut diese. Und nach den ganzen negativen Ereignissen der letzten Zeit ist das die richtige Entscheidung, zumal es wieder Millionen kostet, ein Auto für nächstes Jahr zu entwickeln, und da gibt es wohl sinnvollere Investitionen. Vielleicht stecken sie die Millionen in die Entwicklung ihres Wasserstoffantriebs und er kann vielleicht in 10 Jahren in Serie gehen. Dann würde ich den Hut vor BMW ziehen!"

Dresdner: "Erstmal ist abzuwarten, ob die F1, wie es sie jetzt gibt, überhaupt noch lange besteht. Wenn die ganzen Teams abspringen, rentiert sich die F1 doch gar nicht mehr."

Sebastinho: "Wow, ich habe gestern Abend noch mitbekommen, dass BMW eine Pressekonferenz abhalten möchte, und diesen Schritt befürchtet. Wirtschaftlich sicherlich nachvollziehbar, allerdings dennoch sehr erstaunlich, wenn man sich überlegt, wie sehr BMW in Zusammenarbeit mit der FOTA um die Weichenstellung für die kommenden Jahre gekämpft hat. Allerdings wird dieser Schritt sehr wohl massiv von den sportlichen Resultaten beeinflusst sein. BMW hatmit KERS sehr stark gefloppt und liegt in der Konstrukteurs-WM nur auf Rang 8! Für einen Premiumhersteller ist dies nicht akzeptabel."

Andreana: Jetzt läuft das Ruder in die andere Richtung, die Werkteams werden immer weniger, die Privatiers erobern die F1. Ich befürchte nur, die Qualität wird dadurch drastisch sinken und die eigentlich fast nicht duchsetzbaren, weil viel zu wenigen, 45 Millionen pro Saison von Mosley scheinen wieder überhaupt nicht so unrealistisch zu sein. Diese Saison war der größte Crash für die Formel 1, den ich persönlich erlebt habe. Imagemäßig war es so oder so ein Verlust im Super-GAU-Bereich. Jetzt hoffe ich persönlich für die Formel 1 und für Eclestone, dass sich Schumacher in dieser Saison wieder in den Ferrari setzt, das gibt einen neuen zusätzlichen Schub, den die F1 jetzt dringend braucht."

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