Mittwoch, 09.01.2008

Elektronik schürt Spionage-Angst

Die böse schwarze Kiste

München - McLaren-Mercedes kommt nicht zur Ruhe. Während das Team selbst versucht, die Spionageaffäre hinter sich zu lassen, holen Störfeuer von Ferrari die Silbernen immer wieder in die Realität des schwärzesten Kapitels der Teamgeschichte zurück.

mclaren, präsentation, airbox
© Getty

Neuestes Beispiel war die harte Kritik von Ferrari-Generaldirektor Jean Todt an der Herkunft der neuen Einheitselektronik. Die kommt nämlich von der McLaren-Tochterfirma MES. "Es ist klar, dass McLaren zumindest zu Beginn der Weltmeisterschaft einen Vorteil haben wird", sagte er: "Wir hätten es lieber gesehen, wenn die einzige Kontrolleinheit für alle Formel-1-Teams von einer anderen Firma gebaut worden wäre."

Die Anspielung ist angekommen. Wenige Tage später titelte "Bild-Online": "Neue Spionage-Angst" und zitierte weitere betroffene Teamchefs. "Wie soll ich einer Firma trauen, die in einen Spionagefall verwickelt war?", hatte Renault-Teamchef Flavio Briatore schon im Sommer 2007 gesagt. BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen fügte nun hinzu: "Der Schritt zur Einheitselektronik war ein Fehler. Dass sie von einem anderen Wettbewerber geliefert wird, der auch noch Einblick in unsere Abläufe erhält, macht die Sache nicht besser."

FIA überwacht Nutzung der Daten

Von Seiten von McLaren-Mercedes beteuert man zwar, dass "McLaren Electronic Systems" (MES) zwar eine McLaren-Tochter sei, jedoch vollkommen unabhängig arbeite. Dennoch bleiben Restzweifel.

Denn die Telemetrie-Daten, die jedes Team bezüglich der Elektronik sammelt, werden in einer Black-Box gespeichert. Könnte es theoretisch möglich sein, dass ein Spion sich darüber heimlich nützliche Informationen beschafft?

Nein, sagt Premiere-Experte und Ex-F-1-Pilot Marc Surer SPOX.com: "Es ist nicht möglich, dass jemand die Daten studiert, ohne dass die FIA ein Auge darauf hat. Da braucht man keine Angst zu haben."

Also alles halb so wild. "Die FIA hat die Aufsicht über alles und ist auch verantwortlich", erläutert Surer. "Dass ein Hersteller nicht damit einverstanden ist, wenn jemand anderes seine Daten einsehen kann, ist klar. Aber seien wir doch mal ehrlich: Wer soll es denn sonst machen? Es muss ja eine Firma sein, die sich auf dem Gebiet auskennt."

Kein Verständnis für Ferrari-Kritik

Know-How ist bei einer so sensiblen Technik entscheidend, denn die Gefahren bei Fehlfunktionen der Elektronik sind enorm. Man stelle sich nur vor, das elektronisch gesteuerte Gaspedal wird vor einer Kurve aufgrund eines Kurzschlusses automatisch durchgetreten. Mit Vollgas in die Kurve - die Folgen wären fatal.

"Das ist ja das Gute an einer Firma, die das schon lange macht. Die kennt sich aus", sagt Surer. Dass diese Firma aus dem Formel-1-Umfeld kommen musste, war klar. Dass sie ausgerechnet aus dem Hause McLaren kommt, entbehrt für Surer nicht einer gewissen Ironie.

"Normalerweise macht die FIA meistens das, was Ferrari will. Von daher ist es schön zu sehen, dass es auch einmal anders herum läuft", sagt Surer. Er macht keinen Hehl daraus, dass er die fortwährende Kritik der Roten für unberechtigt hält.

"Die Sache wird von Ferrari aufgebauscht. Theoretisch kann es zwar schon einen kleinen Vorteil für McLaren geben, weil sie das System kennen", sagt Surer. "Aber im vergangenen Jahr hatte Ferrari den Vorteil, weil sie als einziges Spitzenteam die Bridgestone-Reifen gekannt haben. Es ist schon komisch, dass jetzt ausgerechnet die am lautesten schreien, die 2007 einen klaren Vorteil hatten."

"Spionagegefahr sehe ich keine"

Es ist offensichtlich, dass die Eitelkeiten zwischen Ferrari und McLaren-Mercedes langsam aber sicher der ganzen Formel 1 auf die Nerven gehen.

Keine Frage, dass die FIA schon glücklichere Entscheidungen getroffen hat, als ausgerechnet einer McLaren-Tochterfirma den Zuschlag für die Einheitselektronik zu geben. Aber daraus gleich neue Spionage-Horrorszenarien zu stricken, ist übertrieben.

Surer: "Spionagegefahr sehe ich keine."

Alexander Mey

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