Mittwoch, 06.11.2013

DEB-Coach Pat Cortina im Interview

"Wenn die Sonne scheint, hilft es allen"

Pat Cortina ist seit gut einem Jahr deutscher Eishockey-Bundestrainer und Sportdirektor. Im Interview spricht der 49-Jährige über eine anstrengende Bestandsaufnahme im Sommer, die Nachwehen des bitteren Olympia-Aus und den bevorstehenden Deutschland-Cup (DEB v. Schweiz, Fr., 20 Uhr im LIVE-TICKER).

Für Pat Cortina und das DEB-Team steht der Deutschland-Cup bevor
© getty
Für Pat Cortina und das DEB-Team steht der Deutschland-Cup bevor

Frage: Pat Cortina, Sie hatten sich für die Sommerpause vorgenommen, Ihr Deutsch zu verbessern. Wie waren die Fortschritte?

Pat Cortina: Ich habe versucht, eine Deutschlehrerin zu finden, aber im Sommer machen auch alle Lehrer Pause. Ich hatte bisher nur zwei Termine. Ich hätte mir mehr gewünscht, aber jetzt haben wir zumindest losgelegt.

Frage: Pause hatte auch der Trainer Cortina, der Sportdirektor war dagegen gefragt. Wie war ihr erster Sommer in dieser Position?

Cortina: Der Sportdirektor war extrem beschäftigt. Ich habe versucht, ein Gefühl für das deutsche Eishockey zu entwickeln. Ich habe Zeit mit allen Nachwuchsnationalmannschaften und der Frauen-Nationalmannschaft verbracht, bin 9000 Kilometer in neun Wochen mit dem Auto gefahren. Es war eine Menge Arbeit, aber ich habe auch eine Menge Begeisterung gespürt, viel Enthusiasmus, großen Willen. Es hat auch mir viel Energie gegeben. Ich habe natürlich auch Verbesserungspotenzial gesehen.

Frage: Was ist Ihnen konkret aufgefallen?

Cortina: Es gibt eine Reihe guter Leute, die viel Energie in ihre Arbeit hineinstecken. Was wir benötigen, ist einen gemeinsamen Nenner. Wir müssen weg von einer punktuellen Vorgehensweise hin zu einer integrierten. Wir müssen deshalb einen gemeinsamen Standard finden. Der ganze Aufwand muss in eine gemeinsame Richtung gehen. Ich will dafür sorgen, dass wir auf eine Spur kommen.

Frage: Wie wollen Sie das erreichen?

Cortina: Zunächst über viele Gespräche, in denen ich allen Beteiligten die Situation klarmache. Dann geht es darum, es umzusetzen. Ich will, dass der U18-Trainer oder U16-Trainer weiß, was der U20-Trainer macht. Ein Spieler muss immer das Gefühl haben: das ist die deutsche Nationalmannschaft.

Frage: Stellen sich personelle Fragen?

Cortina: Ich bin mit den Leuten hier sehr zufrieden, sie sind alle kompetent genug. Es ist meine Verantwortung, ihnen zu helfen. Wir gehen den Weg zusammen. Sie sind viel länger als ich beim DEB, sie wissen besser über die Abläufe Bescheid als ich. Aber im gleichen Atemzug darf ich nicht vergessen, wohin wir wollen. Wenn sie mitziehen, wunderbar, wenn nicht, müssen wir Lösungen finden.

Frage: Sie haben angedeutet, dass Sie Experten von außen hinzuziehen wollen. Können Sie dazu schon Konkretes sagen?"

Cortina: Beim letzten Deutschland-Cup hatten wir Clement Jodoin von den Montreal Canadiens hier. Ich stehe mit ihm seither in Kontakt. Er will uns auch weiter unterstützen. Wir haben auch tolle Trainer in Deutschland, in der DEL, oder welche, die den Sommer in Deutschland verbringen. Wir haben Ex-Spieler, die während des Sommers helfen würden. Wir müssen solche Leute involvieren.

Frage: Das Ganze ist angesichts der finanziell eingeschränkten Möglichkeiten beim DEB kein Wunschkonzert...

Cortina: Deshalb habe ich gesagt, wir müssen uns öffnen. Ein einfaches Beispiel: Wenn wir einen Fitnesstrainer brauchen, aber ihn nicht bezahlen können, können wir vielleicht in der DEL fragen, ob ein Klub seinen Coach eine Woche für die U16 ausleiht, der dann von uns honoriert wird. Das ist keine große finanzielle Last, aber wir profitieren davon.

Frage: Wie ist generell das Verhältnis zwischen DEB und DEL derzeit?

Cortina: Wir nähern uns. Die Nationalmannschaft wird ja nun gemeinsam betreut und vermarktet. Die Nationalmannschaft muss im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Sie ist die Sonne. Wenn die Sonne scheint, hilft es allen drumherum. Ich habe den Eindruck, jeder versteht das jetzt und möchte anfangen, auch so zu handeln. Es ist der einzige Weg. Alle sind sich einig, jetzt müssen wir dauerhaft so handeln.

Frage: Denken Sie noch oft an das Olympia-Aus?

Cortina: Es tut immer noch weh. Wir haben verloren, aber wir müssen trotzdem vorwärts gehen. Ich glaube, kurzfristig wäre Olympia natürlich besser für uns gewesen. Aber die strukturellen Probleme, die schon vorher da waren, wären nicht angegangen worden. Dass wir nicht dabei sind, zwingt die Leute, sich an den Tisch zu setzen. Wir haben jetzt die Chance, das, was falsch läuft, zu korrigieren.

Frage: Wie konkret machen Sie sich bereits Gedanken über die nächsten olympischen Zyklus bis 2018 mit der Heim-WM im Jahr davor?

Cortina: Wir wollen uns für die nächsten Olympischen Spiele über die Weltrangliste qualifizieren. Das Team für 2017 und 2018 müssen wir jetzt aufbauen. Wir müssen in dieser Saison potenzielle Kandidaten finden, wir müssen mit Sommerlehrgängen beginnen und spezielle Maßnahmen für diese Gruppe finden. Wenn einer fünf Minuten in der DEL spielt, bringt ihn das nicht weiter. Als Bundestrainer und Sportdirektor muss ich mich um die 35 bis 40 Kandidaten kümmern, die wir dafür herausfiltern. Wir müssen ein Konzept für diese Spieler entwickeln.

Frage: Kann die Schweiz als Beispiel für Deutschland herhalten?

Cortina: Dass die Schweiz so gut ist, ist Motivation für Länder wie uns. Wenn sie es geschafft haben, können wir es auch. Es ist ziemlich leicht für die Leute hier, das deutsche Eishockey mit der Schweiz zu vergleichen, aber in der Schweiz ist es der Nationalsport. Ihr Programm ist anders strukturiert als bei uns. Sollten wir uns da etwas abschauen? Ja! Aber ich würde mir auch ansehen, was die Norweger gemacht haben, die Dänen, die Slowenen, die Österreicher. In diesen Ländern hat Eishockey einen ähnlichen Stellenwert wie in Deutschland. Und das Eishockey dort hat Fortschritte gemacht.

Frage: Wie sieht die Vision des Sportdirektors Cortina aus?

Cortina: Ich möchte, dass Deutschland einen festen Platz unter den Top-Acht der Welt hat. Die Nationalmannschaft macht eine guten Job, wenn man die Umstände betrachtet, aber vor allem im Nachwuchs müssen wir besser werden. Wenn wir in der U20 konstant ein A-Gruppen-Land wären und eine breitere Basis an Talenten hätten, dann könnte man uns als wirkliches Eishockey-Land bezeichnen. Wir sind aber keine Top-10 U20-Nation, wir müssen das werden. Wir machen dafür nicht genug.

Frage: Welche Erwartungen haben Sie an den Deutschland-Cup?

Cortina: Den Weg von der WM fortzusetzen. Wir hatten ein Team mit viel Leidenschaft, großer Motivation, wir haben etwas Respekt zurückgewonnen. Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass uns das nicht wieder entgleitet. Ich möchte eine Mannschaft, die stolz ist, das deutsche Eishockey zu repräsentieren.

Frage: Ist die erfolgreiche Titelverteidigung möglich?

Cortina: Es ist schwierig, aber möglich. Es wird ein sehr interessantes Turnier, das sehr wichtig für uns ist. Wir spielen zu Hause und treffen auf drei Nationen, die bei Olympia dabei sind. Es gibt für die nicht so viele Möglichkeiten, vor Olympia zu testen. Die Slowaken werden um ihre Plätze so hart kämpfen wie die Schweizer. Einige Amerikaner werden auf eine Außenseiterchance hoffen, die Mehrzahl des Olympia-Kaders wird ja aus der NHL kommen. Es ist eine extrem große Herausforderung für uns.

Frage: Wann ist das Turnier ein Erfolg für Sie?

Cortina: Es kling banal, aber, wenn wir drei gute Spiele machen, wenn wir das fortsetzen, was wir bei der WM begonnen haben, wenn die Fans begeistert sind, wenn wir das Eis verlassen und mit unserer Leistung zufrieden sind, wenn wir in allen drei Spielen eine Chance auf den Sieg haben, dann bin ich zufrieden. Ich will ein Team, das an sich glaubt und diese Überzeugung auch zeigt.


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