"Widerstände gegen grundlegende Reformen"

Von Interview: Richard J. Flohr
Mittwoch, 23.11.2011 | 13:56 Uhr
Ex-Nationalspieler Bernd Truntschka beendete 2001 seine aktive Eishockeykarriere
© Getty
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Am späten Montagabend erklärte Bernd Truntschka auf der Website der Landshut Cannibals, deren Geschäftsführer er seit 13 Jahren ist, seinen geordneten Rückzug vom Eishockey: Er steht dem DEB und der DEL nicht mehr als möglicher Sportdirektor zur Verfügung, verläßt sofort deren gemeinsames Kompetenzteam Sport und wird zum Ende der Saison auch als Cannibals-Geschäftsführer ausscheiden. Hockeyweb sprach mit dem 46-Jährigen über seine Beweggründe.

Hockeyweb: Nachdem Sie seit Juli einzig erklärter Kandidat zur Übernahme des neu zu schaffenden Sportdirektorpostens von DEB und DEL waren und danach über Monate kein Fortschritt in der Angelegenheit verzeichnet wurde, kam nach dem Deutschland-Cup Bewegung in diese Frage und sollte morgen im Rahmen der Direktoratssitzung von DEB und DEL finalisiert werden. Warum ausgerechnet jetzt der Rückzug von Ihrer Kandidatur?

Bernd Truntschka: Weil ich nicht das Gefühl habe, in den gegebenen Strukturen etwas Positives bewegen zu können und auch nicht, daß sich an diesen Strukturen etwas ändern soll. Nur als Frühstücksdirektor zu fungieren, dafür möchte ich nicht bezahlt werden.

Hockeyweb: "Bezahlung" ist ein gutes Stichwort: In einem Eishockey-Print-Medium wurde zuletzt behauptet, daß Ihre finanziellen Forderungen unangemessen hoch seien für diese Position.

Truntschka: Nun, die "Angemessenheit" ist für mich wiederum ein guter Aufhänger: Wenn man, wie vom DEB kolportiert, nur jemanden sucht, der Länderspiele vereinbart, Hotelbuchungen vornimmt und ein einheitliches Spielsystem für alle Auswahlmannschaften vorgibt, dann wären meine finanziellen Vorstellungen wohl unangemessen gewesen. Tatsächlich sieht das Konzept des Kompetenzteams Sport aber einen im Wesentlichen anderen Aufgabenbereich des Sportdirektors vor. Dafür waren meine finanziellen Vorstellungen eher bescheiden.

Hockeyweb: Skizzieren Sie uns kurz diesen geplanten Tätigkeitsinhalt!

Truntschka: Es geht darum, eine Stelle im deutschen Eishockey zu schaffen, die für alle sportlichen Fragen, von oben bis unten und von alt bis jung zuständig ist. Diese soll die Auf- und Abstiegsfragen aller Ligen endlich lösen, eine zufriedenstellende Förderlizenzregelung entwickeln, die sportliche Zusammenarbeit von DEB, Landesverbänden und Ligen koordinieren, ein deutschlandweites Nachwuchssichtungs- und -förderungsprogramm einführen und betreuen, ähnlich wie es im Fußball zu Anfang des Jahrzehnts geschehen ist. Es geht um die Reformierung des kompletten deutschen Eishockeys. Dafür bedarf es nicht nur guter Konzepte, sondern auch der konsequenten Umsetzung und vielseitigen Kommunikation. An all diesen Fragen krankt unser Eishockey sowohl in seiner Entwicklung als auch in seiner Außenwirkung. Wenn eine Person diese Probleme löst, wäre sie Gold wert - und das habe ich nicht für mich gefordert. (lacht)

Hockeyweb: Sie sprechen von einer Mammutaufgabe. Wie kann es dann Stimmen geben, die meinen, Bundestrainer Köbi Kölliker könne die Sportdirektoraufgaben nebenbei mit erledigen?

Truntschka: Der beschriebene inhaltliche Zuschnitt der Position liegt seit Monaten in schriftlicher Form bei den zuständigen Herren des DEB vor. Ich glaube, es gibt so viele interne Baustellen. Die haben das Konzept vermutlich mal eben so überflogen. Die Widerstände gegen grundlegende Reformen sind beim DEB einfach zu groß und deshalb gibt es auch fundamentale Auffassungsunterschiede mit den DEL_Kompetenzteammitgliedern über den Zuschnitt der Sportdirektor-Position.

Hockeyweb: Das sind harte Vorwürfe. In Ihrem Interview auf der Website der Cannibals sprechen Sie zudem von Machtpolitik und Verzögerungstaktik seitens des DEB. Enttäuscht, wie mit Ihnen in dieser Frage vom Verband umgegangen wurde?

Truntschka: Nicht enttäuscht. Es war mir zunehmend unangenehm, wie über mich diskutiert und berichtet statt mit mir gesprochen wurde. Und ich wollte nicht, daß die DEL jetzt für mich "sammeln" geht.

Hockeyweb: Hatten Sie schon Kontakt zu Ihren Kollegen im Kompetenzteam Sport, die sich ja von Anfang an für Sie als neuen Sportdirektor ausgesprochen haben?

Truntschka: Ich habe Peter John Lee und Charly Fliegauf vorab von meiner Entscheidung unterrichtet. Sie kennen mich. Deshalb waren sie zwar enttäuscht, konnten meinen Standpunkt aber nachvollziehen.

Hockeyweb: Gleichzeitig haben Sie auch Ihren Rückzug als Cannibals-Geschäftsführer zum Saisonende bekannt gegeben. Hatten die Vorkommnisse um den Sportdirektorposten Einfluß auf diese Entscheidung?

Truntschka: Nein. Das stand für mich schon vorher fest. Bereits im Sommer habe ich ja die Geschäftsführung des Vereins abgegeben. Einen besseren Zeitpunkt als nach dem Gewinn der DNL-Meisterschaft konnte es dafür kaum geben. Und auch die Cannibals, also die GmbH, werden nach dieser Saison wohl sportlich und in jedem Fall finanziell, mit der Übernahme durch Rainer Beck, super dastehen. Darauf konzentriere ich mich jetzt. Man soll ja gehen, wenn es am schönsten ist. Das tue ich.

Hockeyweb: Ihr Verbleib als Geschäftsführer war eine der drei Bedingungen von Beck zur Übernahme der Cannibals. Gerät dieses Geschäft durch Ihren Rückzug nun ins Wanken?

Truntschka: Nein, das habe ich mit ihm schon besprochen. Wir werden meine Nachfolge noch gemeinsam regeln. Und dann wird es mir gut gefallen, Rainer Beck weiterhin in Eishockeyfragen zu beraten.

Hockeyweb: Wie sieht denn Ihre Zukunft aus, wenn Eishockey für Sie erstmals nur noch Hobby ist?

Truntschka: Das Geschäft meines Bruders Gerd läuft prima. Er will weiter expandieren, auch ins Ausland. Dafür braucht er viele gute Leute. Und so hat er mir das Angebot gemacht, die Vertriebsleitung zu übernehmen. Schließlich habe ich nicht umsonst BWL mit Schwerpunkt Marketing und Vertrieb studiert. Dann kann ich nur noch Spaß haben, wenn ich zum Eishockey gehe.

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