Mittwoch, 26.05.2010

Bundestrainer Uwe Krupp im Interview

"Wir sind ein Entwicklungsland"

Macht er weiter oder hört er nach der überragenden Heim-WM auf? Bundestrainer Uwe Krupp spricht bei SPOX über seine Zukunft und sagt deutlich, was jetzt im deutschen Eishockey passieren muss.

Uwe Krupp trainiert die deutsche Auswahl bereits seit dem 15. Dezember 2005
© Getty
Uwe Krupp trainiert die deutsche Auswahl bereits seit dem 15. Dezember 2005

SPOX: Herr Krupp, das Ende der grandiosen Heim-WM ist einige Tage her: Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie an das Erreichte denken?

Uwe Krupp: Das Wichtigste für mich: Wir waren in allen Spielen im Spiel und sind nicht einmal abgefertigt worden. Darauf bin ich als Trainer am meisten stolz. Ralph Krueger hat mir gesagt, dass er mit der Schweiz auch in guten Turnieren immer einmal eine Klatsche bekommen hat. Dass du einfach mal 6:0 weggemacht wirst, aber das ist uns nicht passiert. Unseren Torhütern, der gesamten Abwehrleistung, auch von den Stürmern, gebührt ein großes Lob. Es war unglaublich, wie konzentriert die Jungs die Spiele durchgezogen haben. Das war schon sehr, sehr gut. Und wenn deine Goalies eine Fangquote von 93 Prozent haben, hilft das natürlich. So was hatten wir in der Vergangenheit nicht.

SPOX: Gerade die Abwehr war unglaublich jung.

Krupp: Das stimmt. Die Resultate waren die Resultate, aber die Art und Weise, wie wir gespielt haben, war gut. Unsere ganzen jungen Verteidiger werden seit Jahren von unserem Trainerstab betreut, das zahlt sich jetzt aus. In jedem Lehrgang geht es um Zweikampfverhalten, um Eins-gegen-eins-Verhalten, um Schüsse blocken - um all die Dinge, die man erlernen kann. Und obwohl wir in der Defensive kompakt standen, waren wir offensiv gefährlich. Genau so müssen wir spielen. Was natürlich bleibt, ist unsere Problematik, dass wir zu wenige Tore schießen. Auch wenn wir im Training praktisch nur offensive Konzepte ansprechen.

SPOX: Was können wir denn überhaupt noch machen, damit wir mal häufiger treffen?

Krupp: Das ist eine gute Frage. Es ist eben nicht so einfach, international Tore zu schießen, wie in der DEL. Wenn du national ein Torjäger bist, musst du trotzdem ein vielseitiger Spieler sein und der Mannschaft auf andere Weise helfen können - weil die Chance groß ist, dass du international nicht die Durchschlagskraft hast. Paradebeispiel ist Michael Wolf, der unabhängig davon, wie viele Tore er schießt, einer unserer wichtigsten Spieler ist. Weil er arbeitet, marschiert und Chancen kreiert. Tore sind dann ein Bonus.

SPOX: Am Ende stand eine Art Enttäuschung, weil es nicht zur erträumten Medaille gereicht hat. War das nicht eine skurrile Situation?

Krupp: Dass die Spieler im ersten Moment enttäuscht waren, ist normal. Aber die Enttäuschung hat sich innerhalb von kürzester Zeit in Stolz umgewandelt. Schweden war uns an dem Tag überlegen, es war nicht so, dass wir 50 Mal auf das schwedische Tor geschossen haben. Das mussten wir dann klar anerkennen, dass der Gegner besser war. Gegen Russland waren wir im Halbfinale näher dran.

SPOX: Wann haben Sie gewusst, dass Sie eine spezielle Gruppe zusammen haben, die solche Leistungen in sich hat?

Krupp: Als Marcel Goc sehr schnell aus Nashville angekommen ist, hat das der Mannschaft in der Vorbereitung einen Schub gegeben. Später dann natürlich das Kommen von Christian Ehrhoff. Auch Alex Sulzer, Robert Dietrich und Felix Schütz haben uns sehr verstärkt. Wir wollten eine junge, unbeschwerte Mannschaft ins Rennen schicken, die mit der besonderen Situation der Heim-WM und dem Schalke-Spiel umgehen kann, das ist perfekt aufgegangen.

SPOX: Sie haben jedem Spieler eine Kette mit einer Kapsel gegeben, in die er seine Ziele reinschreiben sollte. Was war die Idee hinter dieser Maßnahme?

Krupp: Es geht bei so was ja immer um Teambuilding. Wie wollen wir spielen? Was ist unsere Identität? Diese Fragen haben wir für uns beantwortet und unsere Ziele symbolisch in der Kette verwurzelt. Die hat jeder Spieler an- und nicht mehr ausgezogen, nur die Ziele wurden immer verändert.

SPOX: Es gibt sicherlich auch Stimmen, die den deutschen Erfolg mit der Schwäche der anderen Nationen verbinden. Wo steht Deutschland wirklich?

Krupp: Da hat sich in meiner Einschätzung nicht viel geändert. Nach der WM ist wie vor der WM. Wir stehen nach wie vor zwischen Rang 9 und 16 in der Welt. In dieser Gruppe hängen wir drin. An einem guten Tag kannst du oben mitspielen und an einem schlechten Tag kämpfst du ums Überleben gegen Ungarn oder Slowenien. Daran hat sich nichts geändert. Im nächsten Jahr hast du wieder Slowenien und Deutschland, die in einem Spiel darum kämpfen, ob alles gut oder alles schlecht ist.

SPOX: Nicht nur Deutschland hat überrascht, auch sonst gab es sensationelle Ergebnisse. Hatten Sie so einen Aufstand der Kleinen erwartet?

Krupp: Es gibt einfach immer noch ein paar Nationen, die nicht ernst genommen werden. Die Dänen zum Beispiel haben die Finnen und Slowaken auf dem falschen Fuß erwischt. "Naja, die Dänen", heißt es dann, gegen die Top-Nationen passiert das diesen Mannschaften nicht. Und man vergisst schnell, dass die Dänen zwei NHL-Spieler dabei hatten, die zum Besten gehören, was im Turnier rumgelaufen ist.

SPOX: Wie überrascht sind Sie, dass der Weltmeister Tschechien und nicht Russland heißt?

Krupp: Die Russen sind immer schwer einzuschätzen. Von den Namen her hatten die ja im Grunde alles dabei, was Rang und Namen hat. Interessant ist, dass Russland dann eben Silber holt, wenn es nicht läuft. Die USA landen in der Abstiegsrunde - und wir würden absteigen. So sind die Unterschiede. Für die Russen war das sicher eine herbe Enttäuschung, weil für sie nichts anderes zählt als Gold.

SPOX: Nun ist die WM vorbei - und die Frage bleibt, welchen Schwung das deutsche Eishockey mitnehmen kann. Wie groß ist die Sorge bei Ihnen, dass es einfach nur ein zweiwöchiges Märchen war und sich nichts ändert?

Krupp: Dazu kann ich im Moment wenig sagen. Die Strukturen und Planungen stehen, es geht darum, dass die finanzielle Lage der Vereine es zulässt, sie umzusetzen. Theoretisch könnte man eine harte Linie fahren und sagen: Wer nicht mitmacht, darf in der Liga nicht mitspielen. Oder du erlaubst es weiterhin. Es kommt darauf an, mit welcher Philosophie du die Ligen leitest. Ob es akzeptiert wird, dass ein Klub nur eine Profi-Abteilung hat. Oder man schneidet sich eine Scheibe vom Fußball ab, wo es keine Profi-Abteilung ohne Sport-Internat und Nachwuchsförderung ohne hauptamtliche Trainer gibt. Die ZSC Lions haben in der Schweiz zehn hauptamtliche Nachwuchstrainer - das haben wir in ganz Deutschland gerade so.

Die besten Bilder zum Eröffnungspiel GER - USA
Deutschland - USA 2:1 n.V.: Die Rekordkulisse (77.803 Zuschauer) in der Arena auf Schalke sorgte für eine beim Eishockey noch nie zuvor erlebte Stimmung
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Und dann ist es passiert! Michael Wolf (l.) brachte Deutschland in der 25. Minute mit 1:0 in Führung und feiert seinen Treffer mit Nicolai Goc
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Bis zum Ende des zweiten Drittels fanden die Amis keine Mittel, um zum Ausgleich zu kommen. DEB-Torhüter Dennis Endras (r.) brachte seine Gegner teilweise zur Verzweiflung
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Im letzten Drittel musste die deutsche Bank um Coach Uwe Krupp eine Sturmlauf der Amerikaner beobachten. Doch Deutschland verteidigte leidenschaftlich
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In der 49. Minute schlugen die Amis schließlich zurück - Ausgleich! Anschließend drückten die US-Boys auf das 2:1, doch Deutschland rettete sich in die Overtime
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Nach 21 Sekunden war die Overtime schon beendet. Schütz traf zum 2:1 und verwandelte die Arena in ein Tollhaus. Der erste WM-Sieg gegen die USA seit 17 Jahren war perfekt
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SPOX: Aber immerhin hat man eine Welle ausgelöst.

Krupp: Die Welle ist auch positiv fürs deutsche Eishockey, viele werden sagen, dass Eishockey ein toller Sport ist. Aber die Ergebnisse kommen nicht aus dieser Welle, sie kommen aus der Strukturierung und der Umsetzung dieser Konzepte.

SPOX: Verspüren Sie nach der Kritik der letzten Jahre so etwas wie eine persönliche Genugtuung?

Krupp: Eigentlich weniger. Für mich war in den letzten fünf Jahren immer nur eine Frage wichtig: Wie war die Leistung der Mannschaft? Und im letzten Jahr in Bern war die Leistung nicht gut. Aber das ist das einzige Turnier, bei dem ich mich gefragt habe, was wir hätten anders machen können. Es war eines von 15 Turnieren in den letzten 5 Jahren. Sonst hat die Mannschaft konstant gutes Eishockey gespielt, für unsere Verhältnisse sogar auf gutem Niveau.

SPOX: Über Ihre Zukunft wird viel spekuliert. Welchen Einfluss hat die WM auf Ihre Entscheidung?

Krupp: Sie hat, denke ich, schon einen Einfluss, weil es keine Option gegeben hätte, wenn wir 14. geworden wären. Dann wäre ich wohl zurückgetreten oder man hätte sich geeinigt, dass es mal Zeit ist, eine andere Richtung einzuschlagen. Jetzt muss man mal überlegen. Für mich ist wichtig, unter welchen Bedingungen ich arbeiten kann. Zu sagen, ich bin Nationaltrainer und alles ist gut, hilft niemandem. Man hat jetzt gesehen, was eine gute Leistung der Nationalmannschaft national auslöst und was für eine Bedeutung sie haben kann. National, nicht regional. Wenn Berlin gut spielt, interessiert das in Straubing keinen. Es geht darum, dass diese Wertigkeit der Nationalmannschaft, die das Aushängeschild sein soll, auch berücksichtigt wird, wenn strukturelle Entscheidungen getroffen werden. Zum Beispiel bei der Frage, wann die Liga Pause macht. Das würde den Job attraktiver machen. Sonst hängst du wieder am Roulette-Tisch.

SPOX: Auf dem Höhepunkt abzutreten, hätte doch auch was für sich.

Krupp: So gravierend sehe ich das nicht, ob ich jetzt als Vierter oder 14. aufhören würde. Das ist egal. Es geht um die Arbeitsbedingungen.

SPOX: Was wären für Sie die Alternativen? Wie realistisch ist ein Schritt nach Nordamerika?

Krupp: Es ist nicht unrealistisch, denke ich. Aber ich habe mich darum in letzter Zeit nicht bemüht, weil die Arbeit mit der Nationalmannschaft klar im Vordergrund stand.

SPOX: Vor 57 Jahren war Deutschland auch Vierter, weil nur vier Teams dabei waren. 2067 sind wir also wieder an der Reihe. Oder doch früher?

Krupp: Wir waren zum ersten Mal im Halbfinale, das muss man noch mal herausstellen. Die Denkweise, Sachen zu vergleichen, die man nicht vergleichen kann, würde ich gerne in Frage stellen. Bei Olympia wurde vom schlechtesten Abschneiden aller Zeiten gesprochen. 1992 in Albertville wird als großer Erfolg hingestellt, aber dass Kanada da mit einer Nachwuchsmannschaft angetreten ist, will niemand wissen. Alles wird über einen Kamm geschoren. Unser Ziel muss es sein, irgendwann mal wieder ins Halbfinale zu kommen, aber dann darf es nicht mit einem Märchen verbunden sein. Wir sind ein Eishockey-Entwicklungsland und müssen entwickeln. Zur Relation: Wir haben 25.000 Spieler, Kanada hat 45.000 Frauen, die Eishockey spielen.

Fazit nach der WM: Eigentlich müsste Krupp aufhören

Interview: Florian Regelmann

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