Donnerstag, 09.04.2015

Alba vor dem entscheidenden Spiel gegen Maccabi

Mit Willen in die Geschichtsbücher?

Beim Spiel gegen Maccabi Electra Tel Aviv (20 Uhr im LIVE-TICKER) kann sich Alba Berlin unsterblich machen und Geschichte schreiben. Der Saisonverlauf und der Sieg in Athen machen Mut. Doch es lauern Gefahren.

Alex Renfroe führte Alba Berlin (r.) zum Sieg in Athen
© getty
Alex Renfroe führte Alba Berlin (r.) zum Sieg in Athen

Alex Renfroe zählt eher nicht zu jener Art Point Guard, dessen körperliche Voraussetzungen allein sein verteidigendes Pendant vor unangenehme Aufgaben stellen. Renfroe misst zwar immerhin 1,91 Meter, verteilt sind diese 191 Zentimeter jedoch auf lediglich 80 Kilo. "Die Erwartungen an mich waren immer gering", sagt Albas Playmaker deshalb im SPOX-Interview. "Niemand erwartete, dass ich es ans College schaffe, niemand, dass ich Profi werde."

Renfroe hat es geschafft - und übertraf wahrscheinlich auch in Athen die Erwartungen einiger großgewachsener Griechen. Weshalb hätten Panathinaikos' Big Men schließlich davon ausgehen sollen, dass zwei Minuten vor dem Ende plötzlich dieses 80-Kilo-Hemd in der Zone auftaucht? Renfroe tauchte auf. Nach Leon Radosevic' Fehlwurf stieg der Point Guard zwischen all den Hünen hoch und tippte den Ball durch den Ring.

Es waren die letzten, die entscheidenden Punkte des Spiels. Doch Renfroe hatte Alba mit seinem Tip In nicht nur den Sieg beschert, er stand auch stellvertretend für den gesamten Auftritt der Berliner. Für den Willen, mit dem im bis dahin wichtigsten Euroleague-Spiel der Saison eine der höchstdekorierten Mannschaften Europas in deren Halle besiegt wurde. Für den Willen, dank dem Alba eine schwache Anfangsphase überstand und auch einen Neun-Punkte-Rückstand zu Beginn des Schlussviertels aufholte.

Als erstes deutsches Team in die Playoffs?

Und nun? Nun können sich die Berliner belohnen. Sie können sogar Geschichte schreiben. Immerhin ist es seit Gründung der Euroleague im Jahr 2000 noch keinem deutschen Team gelungen, das Viertelfinale zu erreichen. Alba hat die Chance dazu. Ein Spiel, ein Sieg trennt die Berliner noch von den Playoffs.

Und die Ausgangssituation könnte kaum klarer sein. Gewinnt der deutsche Pokalsieger am letzten Spieltag des Top 16 sein Heimspiel gegen Maccabi Electra Tel Aviv, schließt er die Gruppe E auf Rang drei ab und trifft in den Playoffs auf ZSKA Moskau oder Fenerbahce Ülker. Verliert Alba, beschließt es die Top 16 auf Rang 5 und ist ausgeschieden.

"Jeder im Klub ist unglaublich glücklich, nun diese Chance zu besitzen", beschreibt Reggie Redding im Interview mit Euroleague.net die Berliner Gefühlswelt. Nur geben sich Sportler in den seltensten Fällen allein damit zufrieden, unter Umständen etwas erreichen zu können - und sei es auch noch so unerwartet.

Denn wirklich zugetraut hat Alba eine solche Saison niemand. "Einige Teams haben nicht gedacht, dass wir spielen wie wir spielen", sagt Redding. Am Ende beginne in Berlin alles in der Defense und "wenn wir dann auch noch Würfe treffen, können wir jedes Team schlagen."

Maccabi als Spiegel der Saison

Es klingt selbstbewusst, aber keinesfalls überheblich oder realitätsfern. Denn die Berliner haben in dieser Saison bereits mehrfach bewiesen, dass sie im Grunde mit jedem Team mithalten können. Mit dem FC Barcelona. Mit Panathinaikos.Und mit Maccabi, dem amtierenden Champion.

Schließlich ist das Finale um den Playoffeinzug nicht das erste Aufeinandertreffen beider Teams. Drei Mal spielten Alba und Maccabi in der laufenden Saison bereits gegeneinander und irgendwie symbolisiert dieses Duell auch die Entwicklung, die der deutsche Pokalsieger seit Oktober in der Euroleague genommen hat. Spiel Nummer eins wurde deutlich verloren, Spiel Nummer zwei schon deutlich knapper, ehe die Berliner in den Top 16 in Tel Aviv gewannen.

Dem Gesetz der Serie nach folgt nun also eigentlich ein deutlicher Erfolg. So weit möchte selbstverständlich niemand gehen, doch der Sieg in Tel Aviv hilft definitiv. "Dass wir sie in ihrer Halle geschlagen haben, gibt uns Selbstvertrauen", sagt Redding. "Wenn wir sie dort schlagen können, können wir auch diesmal gewinnen."

Auch der Champ zittert noch

Deutlich erschwert wird die Aufgabe jedoch durch Maccabis eigenen Kampf. Die Israelis stehen ihrerseits nämlich noch nicht sicher im Viertelfinale und benötigen im Falle einer Niederlage in Berlin schon Belgrader Schützenhilfe gegen Panathinaikos, wollen sie nicht zum erst zweiten Mal nach 2004 die Playoffs verpassen.

Doch im Gegensatz zu den Berlinern kennt sich der amtierende Champion bestens mit Drucksituationen auf höchster europäischer Ebene aus. "Sie waren schon Millionen-mal in dieser Situation, wir noch nicht", sagt Coach Sasa Obradovic. Und Manager Marco Baldi fügt im Interview mit der vereinseigenen Homepage an, dass es wichtig sein werde, "dass wir vor der Größe der Aufgabe nicht verkrampfen."

Nicht minder essentiell dürfte werden, dass Alba Devin Smith in den Griff bekommt. Der fühlt sich in der O2 World nämlich mehr als wohl, hält mit 35 Punkten den Rekord in der Berliner Arena. Mit 15,2 Zählern im Schnitt ist Smith zudem Maccabis bester Scorer der Saison und greift sich gleichzeitig mehr Rebounds als jeder seiner Teamkollegen (6,2).

Ein alter Bekannter bereitet Sorgen

Doch Smith ist bei weitem nicht Albas einziges Problem. Da wären noch Jeremy Pargo und sein aggressives Spiel, Alex Tyus oder natürlich Sofoklis Schortsanitis, der dank seiner unglaublichen Masse noch jeden Big Man Europas irgendwann irgendwie durch die Zone geschoben hat.

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Auch einen alten Bekannten müssen die Berliner irgendwie in den Griff bekommen. Brian Randle spielte während der Saison 2012/13 kurz für Alba und ist gegen seinen alten Verein immer ganz besonders motiviert. "Mein ehemaliges Team möchte ich immer schlagen", erklärt Randle Euroleague.tv. "Es war mir immer wichtig, nicht gegen Leute zu verlieren, für die ich schon mal gespielt habe. Das hat sicherlich etwas mit Stolz oder Ego zu tun."

Stolz hin, Ego her, Randles Worte sind mehr als nur klassische Phrase vor einem Spiel gegen den Ex-Klub. Zwei der drei bisherigen Duelle prägte der athletische Flügel nachhaltig. 25 Punkte (8/9 FG) bei Maccabis erstem Sieg ließ er beim zweiten 21 Zähler (9/13 FG) folgen.

Wenngleich Maccabi nach den Abgängen von Coach David Blatt (Cleveland Cavaliers), Tyrese Rice (Unics Kazan) und Ricky Hickman (Fenerbahce Ülker) nicht mehr dasselbe Team ist, das beim vergangenen Final Four alle überraschte, sollte die Defense der Berliner also einen ihrer berüchtigten Abende erwischen. Dann ist auch im "größten Spiel der Saison" (Obradovic) ein Sieg drin. Dann kann Alba tatsächlich Geschichte schreiben. Am Willen wird es nicht scheitern.

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Max Marbeiter

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Max Marbeiter(Redaktion)

Max Marbeiter, Jahrgang 1984, ist seit 2012 bei SPOX.com. Während seines Anglistik- und Politikstudiums in Erlangen knapp 3 Jahre lang freier Mitarbeiter bei kicker.de und im Anschluss an ein Praktikum auch einige Monate in der Lokalsportredaktion der Süddeutschen Zeitung. Bei SPOX.com festes Mitglied im Basketball-Ressort. Neben Texten zur NBA zählt der europäische Basketball zum Hauptaufgabenbereich.

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