Boris Becker besucht Laureus-Projekt in Haiti

Fußball als Hoffnung für Haitis Kinder

Von dapd
Dienstag, 23.08.2011 | 11:49 Uhr
Boris Becker engagiert sich für die Laureus-Stiftung im zerstörten Haiti
© Getty

Haiti steht nach dem Erdbeben im Jahr 2010 noch immer vor dem Nichts. Boris Becker machte sich auf dem Weg zum neuesten Projekt der Stiftung Laureus, die weltweit soziale Projekte fördert.

Der Flug von Miami nach Port-au-Prince dauert nicht einmal zwei Stunden. Und dennoch ist es eine Reise in eine andere Welt. Dass Haiti eines der ärmsten Länder dieser Erde ist, dass es unter dem verheerenden Erdbeben vom 12. Januar 2010 unvermindert leidet, wird schon auf der Flughafenstraße deutlich, über die das Auto holpert, und die zerfurcht ist wie alle Straßen der Hauptstadt. Im Wagen sitzt Ex-Tennisstar Boris Becker. Er ist auf dem Weg zum neuesten Projekt der Stiftung Laureus Sport for Good, die weltweit soziale Projekte fördert.

Draußen sind nirgends spielende Kinder zu sehen, kein Lachen, kein Toben - Trauer, Mutlosigkeit und verloren Hoffnungen spiegeln sich auf den Gesichtern der Menschen. Wenige Meter vom zerstörten Flughafen entfernt erstreckt sich eines der riesigen Zeltlager, die von der UN nach dem Beben der Stärke 7,0 aufgebaut worden sind.

Vom Wiederaufbau keine Spur

Weit mehr als eine Million Menschen leben nach über eineinhalb Jahren noch in diesen provisorischen Zentren des Elends. Vom Wiederaufbau keine Spur. Kein Baulärm, keine Gerüste, keine Kräne.

Als im Januar vergangenen Jahres die Erde bebte, verlor das bettelarme Land seine Hoffnung und seine Zukunft. 222.570 Menschen starben, mehr als 300.000 wurden verletzt. 105.000 Häuser wurden völlig zerstört, 1,5 Millionen Haitianer verloren ihr Zuhause, davon 320.000 Kinder. 1.300 Schulen und 50 Krankenhäuser wurden zerstört.

"Hier stehen die Menschen vor einem Garnichts"

"Das ist für jeden Menschen, der ein bisschen Sensibilität hat, nicht leicht zu verarbeiten. Das dauert eine Weile", sagt Becker, der mit der Stiftung hilft, weltweit das Leid von Kindern ein bisschen zu lindern. "Ich habe das ja schon ein paar Mal erlebt. Ich war in Afrika unterwegs, in Südamerika und in Asien - aber jedes Mal kommt wieder diese Fassungslosigkeit. Hier stehen die Menschen vor einem Garnichts." Weltweit unterhält Laureus 83 soziale Projekte in 28 Ländern auf allen Kontinenten dieser Erde.

Die vielen Helfer, die nach dem Erdbeben nach Haiti gekommen sind, stoßen an Grenzen, weil die Strukturen im Land fehlen. "Es fehlen Pläne und konkrete Vorhaben", beklagt Nicole Bergmann von der Aktion Deutschland hilft. Deshalb würden Spenden in Millionenhöhe nicht freigegeben. Dazu kommen Korruption und Vetternwirtschaft, die schon vor der Naturkatastrophe ein allgegenwärtiges Problem waren. Manchen Menschen geht es in den Notlagern aus Zelten sogar besser als vor dem Beben in den Elendsvierteln, den Shanty-Towns.

Fußball-Camp als Oase im Elend

Im Camp des haitianischen Fußball-Verbandes ist davon nichts zu spüren. Vorbei am stählernen Tor, das von zwei Posten bewacht wird, bietet sich dank der Hilfe aus Deutschland eine Oase für Kinder und Jugendliche. Ein Internat für 120 Mädchen und Jungen entsteht hier mit dem Geld aus einem von Sat.1 organisierten Benefiz-Fußballspiel und der Unterstützung des Rotary Clubs. "Spätestens im Oktober können die Kinder einziehen", erzählt Bauleiter Gregor Werth von der Hilfsorganisation Help.

Er freut sich über den Besuch von Laureus-Botschafter Becker, der von der früheren Tagesthemen-Moderatorin Sabine Christiansen begleitet wird. Sie kennt das Land und die Nöte der Kinder von ihren Reisen für UNICEF - doch auf dem Fußballplatz lässt sie Becker und dessen Frau Sharlely den Vortritt. Auf dem holprigen Lehmboden geht es ordentlich zur Sache. Endlich vergessen die Kinder ihre Scheu.

Die Chance auf ein besseres Leben

"Hier bekommen die Kinder nicht nur die schulische, sondern auch die fußballerische Ausbildung", erklärt Becker. Tropfnass geschwitzt ist der dreimalige Wimbledonsieger nach dem Spielchen mit den 14-jährigen Talenten des Landes, das 1974 in Deutschland einmal sogar bei einer WM dabei war.

"Wir wollen die Jungen und Mädchen zu guten Fußballern ausbilden. Aber wir wollen ihnen vor allem auch Hoffnung und die Chance auf ein besseres Leben geben", sagt Haitis Fußball-Präsident Yves Jean-Bart. Bei dem Beben wurde er schwer verletzt, momentan ermittelt der Weltverband FIFA wegen Bestechlichkeit gegen ihn.

Pierre-Marie will berühmte Fußballerin werden

Dass in Deutschland gerade die Frauen-WM war und Boris Becker ein großer Tennisspieler, wissen die Jungen und Mädchen im Camp in Kwadabouke nicht. Egal. Sie wollen es im Fußball zu etwas bringen und wissen, dass der Sport ein Weg ist, dem Elend zu entfliehen. Disziplinlosigkeit oder Egoismus - "das kennen wir hier nicht", sagt Jean-Bart.

Still und zurückhaltend sind die Kinder - so wie die 14-jährige Pierre-Marie Sendy. Ihre beiden Brüder, erzählt sie, seien ganz neidisch auf sie. Passen und schießen mag sie am meisten. Und wie alle hier hat sie einen großen Traum: "Ich will eine berühmte Fußballerin werden."

Im Internat wird sie unterstützt auf dem Weg in eine bessere Zukunft und von der Laureus-Stiftung. Das Credo hat Nelson Mandela formuliert: "Sport hat die Macht, die Welt zu verändern", sagt der frühere südafrikanische Staatspräsident.

Becker macht den "Hampelmann"

Becker und Christiansen besuchen eine der Holzhaus-Siedlungen, die nach dem Beben weit außerhalb der Stadt gebaut wurden. In Reih und Glied stehen die Hütten, in einigen Vorgärten blühen sogar Blumen. Es wimmelt von Kindern an diesem Ort weit draußen in der Einöde.

Auf dem Schotterplatz inmitten der Siedlung sind die Fünf- bis Siebenjährigen mit Feuereifer bei der Sache beim "Sport ohne Grenzen". Die Freude ist riesengroß, als der hellhäutige Fremde den Hampelmann vormacht.

Becker hat Spaß an der schweißtreibenden Gymnastik in praller Mittagssonne und verlangt hernach vom Barbier des Ortes eine Rasur. Dem Bodyguard treibt das den Angstschweiß auf die Stirn.

Engagement nur "ein Tropfen auf den heißen Stein"

"Was wir hier machen, ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Das weiß ich schon", sagt Becker. "Ich versuche mein Bestes, versuche durch mein Engagement bei Laureus, durch meine Position als bekannter Mensch immer wieder darauf aufmerksam zu machen."

Es ist still im Auto auf dem Weg zum Flughafen. Der Müll stapelt sich am Straßenrand, das Wasser ist schmutzig und verseucht.

Seit Oktober vorigen Jahres sind fast 6000 Menschen an Cholera gestorben.

Jemand fragt, wer denn wiederkommen wolle nach Haiti.

Die Frage verhallt im Lärm und Gedränge vor dem Abflugschalter nach Miami - zurück in eine andere Welt.

Open Air zugunsten der Laureus-Stiftung

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