"Sportlicher Erfolg allein reicht nicht"

Von Interview: Bärbel Mees
Mittwoch, 02.02.2011 | 14:38 Uhr
Verena Bentele wurde für den Laureus World Sports Award 2011 nominiert
© Imago

Zwölf paralympische Goldmedaillen hat sie im Laufe ihrer Karriere gewonnen, davon allein fünf 2010 in Vancouver: Verena Bentele - Langläuferin und Biathletin. Für ihre Leistungen ist die blinde Sportlerin für den Laureus World Sports Award nominiert. Bei SPOX spricht die 28-Jährige über die Ehre dieser Auszeichnung, die Lust auf's Fallschirmspringen und ihre Pläne für die Zukunft.

SPOX: Am 7. Februar werden die Laureus World Sports Awards in Abu Dhabi verliehen. Sie sind in der Kategorie "Behindertensport" nominiert. Wie sehr freuen Sie sich auf die Reise?

Verena Bentele: Ich freue mich total. Auf die vielen bekannten Persönlichkeiten in der Jury, die auch bei der Verleihung anwesend sein werden, auf das besondere Hotel, in dem wir einquartiert sind, und darauf, ein arabisches Emirat kennenzulernen. Für mich ist das sehr aufregend, es wird richtig spannend.

SPOX: Wissen Sie schon, was Sie bei der Verleihung anziehen wollen?

Bentele: Nein, noch nicht. Aber ich bekomme von einer Firma, der Lilo Basedow GmbH, Kleider zur Verfügung gestellt, aus der Auswahl werde ich mir ein sehr schönes Kleid aussuchen.

SPOX: In Abu Dhabi wird die Creme de la Creme des Sports erwartet. Wen würden Sie denn gerne kennenlernen?

Bentele: Das ist ganz schwer zu sagen. In der Laureus-Academy sind viele Sportler, die sowohl sportlich als auch persönlich Außergewöhnliches geleistet haben. Ich freue mich auf jeden neuen Kontakt, den ich dort knüpfen kann.

SPOX: Mitte Januar wurden bereits die Nominierten in jeder Kategorie bekanntgegeben. Wie und wann haben Sie erfahren, dass Sie dabei sind?

Bentele: Ich wurde vor ein paar Wochen angerufen und informiert, dass ich für den Laureus Award vorgeschlagen bin. Außerdem wurde ich gefragt, ob ich zur Verleihung nach Abu Dhabi fliegen könne, denn Laureus ist es sehr wichtig, dass die Nominierten persönlich vor Ort sind. Leider habe ich im Vorfeld nicht in Erfahrung bringen können, wer mit mir nominiert ist - das habe ich wie alle anderen erst auf der Pressekonferenz erfahren.

SPOX: Sie wurden inzwischen unzählige Male geehrt - was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Bentele: Laureus ist riesig. Es ist der bekannteste Sportpreis, quasi der Oscar des Sports. Diese Auszeichnung zu bekommen wäre schon etwas ganz Besonderes. Denn die Jury, bestehend aus Sportlegenden, kann die sportliche Leistung am besten einschätzen, bezieht aber auch die Persönlichkeit und das Engagement der Nominierten mit ein.

SPOX: Welche Chancen räumen Sie sich selbst ein?

Bentele: Das ist sehr schwierig zu sagen. Ich habe in meiner Kategorie eine starke Konkurrenz. Die Skirennläuferin Lauren Woolstencroft hat in Vancouver wie ich fünf Goldmedaillen gewonnen. Esther Vergeer, eine fantastische Rollstuhl-Tennisspielerin, hat den Laureus bereits 2002 und 2008 eingeheimst. Aller guten Dinge sind vielleicht drei. Ich kann wirklich nicht einschätzen, wer in meiner Kategorie gewinnen wird.

SPOX: Nominiert sind mit Martin Kaymer, Sebastian Vettel und Thomas Müller noch drei weitere Deutsche. Wer von ihnen hat Sie letztes Jahr am meisten beeindruckt?

Bentele: Neben ihrer beeindruckenden sportlichen Leistung im vergangenen Jahr finde ich sie alle drei zudem sehr sympathisch. Bei der "Sportler des Jahres"-Wahl in Baden-Baden habe ich Sebastian Vettel kennengelernt. Von ihm war ich positiv überrascht, er ist ein richtig Netter. In den Interviews wirkt auch Thomas Müller immer sehr sympathisch und auf dem Boden geblieben, Martin Kaymer kenne ich von den dreien am wenigsten. Aber gönnen würde ich den Laureus Award natürlich ihnen allen.

SPOX: Sie wurden für Ihre Leistungen im Jahr 2010 nominiert, in dem Sie fünf paralympische Goldmedaillen gewonnen haben. Kann man das Jahr noch toppen?

Bentele: Es war für mich ein besonderes Jahr, ein absolutes Hammer-Jahr. Nach meinen fünf Goldmedaillen wurde mir in meiner Heimatstadt Tettnang ein ganz besonderer Empfang bereitet und ich wurde zur Ehrenbürgerin ernannt. Ich wurde wohl genauso empfangen wie ein Fußballklub nach der Meisterschaft. Außerdem war ich beim Bambi, durfte bei der Bundesversammlung als Wahlfrau teilnehmen und habe meine Magisterarbeit im Studium geschrieben. 2010 ist wahnsinnig viel passiert. Ich glaube nicht, dass es immer darum geht, etwas zu toppen. Es warten vielleicht nicht im sportlichen, aber in anderen Lebensbereichen wieder neue Herausforderungen auf mich.

SPOX: Sie haben im November gemeinsam mit Verena Sailer den Bambi in der Kategorie "Sportler des Jahres" gewonnen, jetzt sind Sie gemeinsam mit Müller, Vettel und Kaymer nominiert. Ein Zeichen dafür, dass der Behindertensport endlich ernst genommen wird?

Bentele: Auf jeden Fall. Der Behindertensport hat in Punkto öffentliche Aufmerksamkeit einen großen Sprung nach vorne gemacht und wird immer mehr als Sport anerkannt, bei dem es um körperliche Höchstleistungen geht. In den letzten Jahren hat sich viel getan, aber die Entwicklung ist noch nicht zu Ende. Ich hoffe, dass sich die Übertragungszeit der Paralympics in den nächsten Jahren noch weiter steigert.

SPOX: Wie weit ist es noch, bis der Behindertensport "normal" wird?

Bentele: Ich bin Optimistin und hoffe, dass die Aufmerksamkeit weiter steigt, denn der Behindertensport kriecht immer mehr aus seiner Nische hervor. Ein großer Schritt wäre es natürlich, wenn die Paralympics und die Olympischen Spiele in München stattfinden würden. Real wirkt der Behindertensport noch einmal ganz anders auf die Zuschauer als am Fernsehbildschirm. Die Wettkämpfe live zu sehen, dürfte hierzulande noch mal für einen ganz anderen Auftrieb sorgen.

SPOX: Dennoch können Sie von Ihren sportlichen Erfolgen nicht leben...

Bentele: Es ist in der Tat keine optimale Situation, weil das Training sowohl uns Sportler als auch unsere Begleitläufer viel Zeit kostet. Ich allerdings habe in den letzten Jahren von meinem Sport gelebt, einerseits habe ich Sponsoren, andererseits habe ich Vorträge gehalten. Man braucht neben dem Sport noch andere Kompetenzen, um sich finanzieren zu können. Der sportliche Erfolg allein reicht nicht.

SPOX: Sie sind neben Ihrem Dasein als Leistungssportlerin, Freiberufliche, Studentin auch noch eine Art Abenteurerin. Vergangenes Jahr haben Sie Houserunning ausprobiert. Würde Sie, wie Martina Navratilova, eine Besteigung des Kilimandscharo reizen?

Bentele: Ich hätte keine Angst davor, diesen Berg zu besteigen, schließlich erfordert er keine großartigen Kletterkünste. Aktionen, die einen gewissen Mut erfordern, aber eben auch Kitzel bieten, mache ich sehr gern. Dieses Jahr schwebt mir auch einiges vor.

SPOX: Und zwar?

Bentele: Unter anderem habe ich für dieses Jahr einen Fallschirmsprung geplant. Voraussichtlich mit Jochen Schweizer im Allgäu.

SPOX: Sie überzeugen durch ein unglaubliches Selbstvertrauen. Gibt es überhaupt Situationen, in denen Sie sich unwohl fühlen?

Bentele: Natürlich. Wenn ich in großen Menschenmengen unterwegs bin, keinen kenne, aber einen Ort suchen muss - dann renne ich nicht einfach los und sage "Macht alle Platz", sondern spreche Leute an und frage mich durch, bis ich am Ziel bin.

SPOX: Woher haben Sie dieses Vertrauen in sich selbst? Welchen Anteil hat der Sport daran?

Bentele: Es sind zwei wichtige Punkte: Sport und Familie. Durch den Sport weiß ich ganz genau, wo meine Grenzen, aber auch worin meine Fähigkeiten liegen. Man lernt außerdem, um Hilfe zu bitten, mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten und ganz klar zu artikulieren, was man braucht. Man kann nicht erwarten, dass andere sehen, wo man Probleme hat. Beim Sport habe ich gelernt, dass ich vieles gut beherrsche, manches auch besser als jemand, der sehen kann. Der andere Aspekt ist die Familie. Ich habe sehr nette Eltern, die mir viel Selbstvertrauen gegeben habe. Eine schöne Kindheit spielt aber für jeden Menschen eine wichtige Rolle, egal ob behindert oder nicht.

SPOX: Und die nächsten Herausforderungen stehen bereits an: Sie wollen sich einen Job suchen...

Bentele: Richtig. Ich halte in den nächsten paar Wochen noch einige Vorträge, werde mich parallel aber schon nach einem Job umgucken und dann hoffentlich irgendwann in einer Festanstellung arbeiten. Als Bereiche stelle ich mir Personalentwicklung, Personaltraining, Öffentlichkeitsarbeit oder Unternehmenskommunikation vor. Vielleicht sehen Sie mich ja in Sotschi als TV- oder Radio-Expertin - wenn ich dort nicht selbst starte.

SPOX: Wie lange werden Sie denn noch in der Loipe zu finden sein?

Bentele: Nach der Saison werde ich meine Entscheidung treffen. Es hängt von einem eventuellen Berufseinstieg, aber auch den Plänen meines Begleitläufers ab.

SPOX: Wird Ihnen der Abschied schwerfallen?

Bentele: Auf der einen Seite kann ich mir nicht vorstellen, an keinen Wettkämpfen mehr teilzunehmen und keinen Winter mehr unterwegs zu sein. Auf der anderen Seite freue ich mich riesig auf den Berufseinstieg und all meine neuen Projekte. Auf jeden Fall werde ich mehr Mountainbike und Rennrad-Tandem fahren - und eine Tour über Alpenpässe ist auch schon geplant. Langweilig wird mir bestimmt nicht.

Laureus World Sports Awards 2011: Deutsches Quartett nominiert

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