Fanreporter Jakob Kunz: Dieter Nuhr im Interview

"Elf Egomanen und Treter"

Von Interview: Fanreporter Jakob Kunz
Donnerstag, 21.06.2012 | 10:03 Uhr
Fanreporter Jakob Kunz traf sich mit Comedy-Star Dieter Nuhr (r.) zum Interview
© Getty

Treffpunkt EM: INTERSPORT/adidas-Fanreporter Jakob Kunz bat Dieter Nuhr zum Interview von Fan-Experte zu Fan-Experte. Der Comedy-Star über EM-Flop Niederlande, die eigenwilligen Olli Kahn und Jens Lehmann sowie ein Stadionverbot für Tom Bartels.

SPOX: Herr Nuhr, Sie haben vor der EM die Aussage von Jens Lehmann, dass er kein gutes Gefühl habe für die deutsche Nationalmannschaft, getwittert und ihm daraufhin geraten, er solle sich vielleicht eine andere Partnerin suchen. Mal ehrlich: Hätten Sie gedacht, dass es für die deutsche Nationalmannschaft in der Gruppenphase so gut läuft?

Dieter Nuhr: Ich kann mir keinen Zustand vorstellen, in dem ich Jens Lehmann ein gutes Gefühl zutraue. Der Mann hat ja häufig einen Gesichtsausdruck, als würde er versuchen, eine Zitrone zwischen den Pobacken auszupressen. Ich habe eigentlich schon damit gerechnet, dass es sehr gut läuft. Ich glaube, dass wir sehr gute Einzelspieler haben und einen Trainer, der es jetzt schon mehrfach geschafft hat, die Spieler zum richtigen Zeitpunkt auf die Spur zu bringen. Ich hatte keine Zweifel, obwohl ich natürlich trotzdem vor jedem Spiel die Hosen voll hab.

SPOX: Mit Russland, Polen und den Niederlanden sind schon drei Teams, die zum erweiterten Favoritenkreis gezählt haben, ausgeschieden. Welche Mannschaften überraschen mit ihren Leistungen und welche enttäuschen auf ganzer Linie?

Nuhr: Bisher sehr enttäuscht haben mich natürlich die Holländer. Aber das ist ja traditionell so, dass die bei Turnieren nicht schaffen, aus elf egomanischen Spielern eine Mannschaft zu formen. Ganz vorneweg Arjen Robben, der wie bei den Bayern völlig für sich alleine spielt. Plus die ganzen anderen Diven, die da auf dem Platz stehen. Bis hin zu ein paar Tretern, die total untypisch spielen für niederländische Verhältnisse wie zum Beispiel Mark van Bommel. Das macht keinen Spaß, denen zuzusehen. Wer mich wirklich positiv überrascht hat, sind die Italiener. Denen hatte ich eigentlich nichts zugetraut. Aber die haben im ersten Spiel gegen Spanien eine Weltklasse-Leistung abgeliefert. Das war echt super!

SPOX: Wie bitter ist es für Polen, als Gastgeber in der vermeintlich leichtesten Gruppe auszuscheiden?

Nuhr: Da sieht man mal, was Jürgen Klopp in Dortmund leistet. Ich glaube, Piszczek und Kuba sind keine Weltklasse-Spieler, am ehesten noch Lewandowski, aber Klopp macht eben ein Superteam daraus. Aber diese drei Dortmunder Polen alleine bilden eben noch keine Spitzennationalelf. Der Rest ist nicht gerade erstklassig. Es war nicht zu erwarten, dass die da durchmarschieren. Auch ein Heimvorteil ist nicht unbedingt eine Sieggarantie, das hat man schon in Südafrika gesehen.

SPOX: Ihre Prognose vor dem Turnier war, dass Spanien Europameister wird. Bleiben Sie dabei?

Nuhr: Ich glaube immer noch daran, dass Spanien Europameister wird. Die haben absolut die stärkste Mannschaft. Ich halte diesen Tipp auch aufrecht, weil ich damit nur gewinnen kann. Wenn es Spanien nicht schafft, holt Deutschland den Titel. Und dann freue ich mich umso mehr.

SPOX: Sie sind Experte bei "Sky", obwohl Sie sich selbst nicht als Fußballexperten bezeichnen würden. Was qualifiziert Sie dennoch, Ihren Kommentar zu Spielszenen abzugeben?

Nuhr: Der Mut. Mann muss in der Öffentlichkeit seine Fresse aufreißen können. Ich habe einen Wahlspruch, der heißt: "Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten!" Aber wenn ich mich selber daran halten würde, wäre ich quasi berufslos. Ich werde immer wieder gefragt und dann sage ich halt, was ich meine. Und ich glaube, es liegt auch daran, dass ich dazu neige, die Dinge ab und zu mal witzig zu formulieren. Ich bin da eher als Witznase statt als Experte eingeladen. Aber ich rede auch kein dümmeres Zeug als manch anderer Experte. Über Jens Lehmann haben wir ja schon gesprochen. Auch Olli Kahn presst sich ja manch eigenwillige Meinung aus den Zähnen. Und ich sehe dabei auch nicht so schlecht gelaunt aus. Ich glaube, das ist der Grund.

SPOX: Jens Lehmann ist ja auch bei "Sky". Weiß er, dass Sie nicht sonderlich viel von ihm halten?

Nuhr: Ich halte viel von Lehmann. Er ist ein guter Torhüter gewesen. Aber gerade Torhüter sind ja sehr eigenwillige Gestalten und oft sehr egomane Menschen, eher Einzelkämpfer und verbissen. Ich meine das auch gar nicht despektierlich. Ich kenne den Mann ja nicht und würde mir kein persönliches Urteil über ihn erlauben. Ich rede nur von meinem sehr subjektiven Eindruck.

SPOX: Auch Mehmet Scholl ist Experte, gleichzeitig aber auch Trainer. Seine Kritik an Mario Gomez nach dem ersten Spie hat hohe Wellen geschlagen. Ein Spruch, der auch von Ihnen stammen könnte, oder?

Nuhr: Nein, eigentlich nicht. Ich neige dazu, erst hinzuschauen und dann zu reden. Ich weiß nicht, was den Mehmet da geritten hat. Er ist immer gerne mal für einen Spruch bereit, der ist dann manchmal aber auch völlig an der Realität vorbei.

SPOX: Also war die Kritik nicht berechtigt?

Nuhr: Man kann Gomez ja vieles vorwerfen, dass er oft den Ball wegprallen lässt oder ihn nicht gut genug behauptet wie ein Lewandowski, der den Ball mit der Halsschlagader stoppen kann, aber nicht, dass er nicht laufen würde. Ich glaube, er läuft sich schon die Beine in den Bauch. Insofern war die Kritik völlig daneben. Aber man schwätzt im Stress auch oft mal Blödsinn. Das mache ich auch, das sollte man nicht auf die Goldwaage legen.

SPOX: Gegen Dänemark hat Jogi Löw mit Lars Bender als Ersatz für den gesperrten Boateng einen Mittelfeldspieler als Rechtsverteidiger aufgestellt. Höwedes scheint raus zu sein. Eine gute Entscheidung?

Nuhr: Ich bin immer begeistert, wenn ein Trainer Spieler einsetzt, die auch nach vorne was reißen können. Diese Außenverteidigerposition, die Seite, auf der Lahm nicht spielt, ist ja sowieso unser einziger Schwachpunkt. Aber es hat sich doch gelohnt, einen Spieler aufzustellen, der außer grätschen noch was kann.

SPOX: Gehen wir in die Bundesliga. Sie sind großer Fan von Fortuna Düsseldorf. Was ist drin in der nächsten Saison?

Nuhr: "Drin" ist schon ein gutes Stichwort. Wenn was "drin" bleibt, dann sind wir alle zufrieden.

SPOX: Zweifeln Sie von vornherein am Klassenerhalt?

Nuhr: Zweifel sollte man am Klassenerhalt immer haben, wenn man nicht gerade Fan von Bayern München ist. Das hat man ja in Berlin gesehen. Oder auch in Hamburg, wo es fast schief gegangen wäre. Dass Fortuna zur deutschen Meisterschaft durchmarschiert, halte ich zumindest mal für unwahrscheinlich.

SPOX: Augsburg hat es letzte Saison vorgemacht und war mit wenig Mitteln erfolgreich. Fortuna hat sich mit Nando Rafael und Axel Bellinghausen zwei Spieler der Augsburger geschnappt. Wo sehen Sie trotzdem noch Bedarf?

Nuhr: Ich hätte es auch lieber gesehen, wenn sich Fortuna zwei Spitzenspieler von Bayern München geholt hätte. Das wäre aber finanziell leider nicht im Rahmen gewesen. Bellinghausen ist keiner, der für die nächste Nationalmannschaftsendrunde in Frage kommt. Aber das sind zwei solide Spieler, die die Fortuna sicherlich verstärken werden. Wie war nochmals die Frage?

SPOX: Auf welchen Positionen gibt es noch Bedarf?

Nuhr: In der Abwehr. Es ist nicht so, dass wir da 100-Meter-Weltmeister hätten. Da brauchen wir noch einen, der das Ganze organisiert. Mit Lukimya haben wir leider den besten Verteidiger verloren. Aber das passiert Fortuna alle zwei Jahre und immer denkt man, die Welt geht unter. Als Bamba Anderson wegging, dachte man auch, das war's für Fortuna. Irgendwie holen die immer wieder einen aus dem Hut. Ich bin auch immer wieder erstaunt.

SPOX: Fortuna geht mit einem Geisterspiel und 100.000 Euro Strafe in die neue Saison, als Konsequenz für die Ausschreitungen im Relegationsspiel gegen die Hertha. Berlin muss dagegen nur 50.000 Euro zahlen und darf ein Spiel vor maximal 20.000 Zuschauern austragen. Sind Sie mit dem Strafmaß einverstanden?

Nuhr: Ich empfinde das als einen absoluten Witz. Die einzige Gefahr bei diesem Relegationsspiel ging von Hertha-Fans aus, die Raketen und Feuerwerkskörper auf die Tribüne und in die Polizisten geschossen haben. Auf Fortuna-Seite ist im Grunde nichts passiert. Es sind, glaube ich, drei Bengalos gezündet worden und ansonsten war Schützenfest auf dem Rasen. Das war natürlich völlig idiotisch, aber rechtfertigt nicht eine solch drakonische Strafe. Das ist typisch, da wird jetzt nach Law and Order geschrien, weil am Tag vorher in Karlsruhe die Sau los war und am Wochenende vorher in Köln. Und dann will man ein Zeichen setzen. Ich finde es albern, das auf dem Rücken eines frischgebackenen Bundesligisten zu machen und dem das erste Heimspiel zu versauen. Das ist völlig lächerlich!

SPOX: Hochgerechnet sind es 650.000 Euro, die Fortuna damit durch die Lappen gehen. Gleich zu Beginn eine ordentliche Last.

Nuhr: Ja, es ist einfach eine Sauerei. Das kann man nicht anders sagen. Ich finde das völlig ungerechtfertigt. Es ist überhaupt nichts Gefährliches passiert. Wer da von Todesangst redet, braucht dringend einen Psychologen. Wie Otto Rehagel, der meinte, er hätte zuletzt solche Situationen im Krieg erlebt. Da scheint sein Erinnerungsvermögen, was den Krieg angeht, stark getrübt zu sein.

SPOX: Das heißt, Ihrer Meinung nach hätte die Strafe andersherum ausfallen müssen?

Nuhr: Die Hertha-Fans waren mit Sicherheit die wesentlich gefährlicheren an dieser Stelle. Ich will die Fortuna-Fans gar nicht per se verteidigen. Da sind wirklich auch Volldeppen dabei, die nicht begreifen, dass man 1000 Grad heiße Feuerwerkskörper nicht mit in einen Raum nimmt, in dem sich 40.000 Menschen aufhalten. Das ist völlig idiotisch. Aber man muss einfach sehen, dass von Fortunas Seite im Grunde nichts passiert ist.

SPOX: Und der Platzsturm?

Nuhr: Die Leute haben einfach anderthalb Minuten zu früh gedacht, das Spiel sei beendet. Es waren Frauen mit Kindern auf dem Platz. Und das hat die Berliner offenbar so erschrocken, dass sie Todesängste hatten. Das ist ein so lächerlicher Vorgang.

SPOX: Inwiefern lächerlich?

Nuhr: Noch lächerlicher war die Berichterstattung von sogenannten Journalisten, die gar nicht im Stadion waren und offenbar nichts anderes gesehen hatten als die Berichterstattung der "ARD". Wahrscheinlich aus Sparmaßnahmen. Deswegen konnten sie sich kein eigenes Bild machen und haben alles hinterher geplappert, was in den anderen Medien stand, die auch keine eigenen Reporter da hatten. Die mittelbayerische Zeitung zum Beispiel, die einen eigenen Reporter im Stadion hatte, hat auch dementsprechend anderes geschrieben. Leider waren das so wenige Zeitungen, dass das öffentliche Bild von einem Kölner Reporter geprägt wurde, der den Düsseldorfern ganz offenbar nicht sonderlich freundschaftlich gesinnt gegenüber steht. Tom Bartels würde ich persönlich nicht mehr in ein Fortuna-Stadion reinlassen.

SPOX: Aber wenn so eine Menschenmenge mal ins Rollen kommt, ist sie schwer wieder aufzuhalten.

Nuhr: Deswegen hat es auch 20 Minuten gedauert, bis man die Leute wieder vom Platz hatte. Nicht weil irgendwelche Unruhen gewesen wären, sondern weil es schwierig war, das Ganze wieder zu organisieren. Natürlich ein idiotischer Vorgang und auch durchaus eine Bestrafung wert, aber die drakonischen Bestrafungen hätte man wegen der Ausschreitungen in Karlsruhe aussprechen müssen. Oder vielleicht auch wenn jemand eine Rauchbombe im Block von Köln zündet, dann ist das möglicherweise erheblich gefährlicher. Oder wenn Hertha-Fans Feuerwerkskörper in besetzte Tribünen schießen. So etwas ist auf unserer Seite nicht passiert und die Düsseldorfer kriegen die härteste Strafe. Ich kann das gar nicht begreifen.

SPOX: Wie sollte man in Zukunft allgemein besser reagieren?

Nuhr: Man reduziert das gerne auf den Fußball, aber wir haben eine Masse von gewaltbereiten Vollidioten, die offenbar Schwierigkeiten mit ihrem Adrenalinpegel haben. Wenn es keinen Fußball gäbe, würden sie das woanders raus lassen. Man sagt immer, Fußballvereine sollten mehr in die Verantwortung gezogen werden. Ich sehe das genau umgekehrt. Fußballvereine baden ja das aus, was die Gesellschaft ihnen bereitet. Dafür sollte man ihnen mehr als Dank zollen. Vielleicht sollte man Hooligans Gummizellen am Rande der Stadt bauen, wo sie sich dann gegenseitig auf die Fresse hauen können. Vielleicht wäre es in unseren Fußballstadien dann ein wenig familienfreundlicher.

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