Dienstag, 05.02.2008

Investoren im Profi-Fußball

Von Fans und Heuschrecken

München - 50+1-Regel, Investoren, Asienvermarktung - das sind nur einige Schlagworte, die im Moment durch die Bundesliga geistern.  

Prof. Dr. Tobias Kollmann
© virtual kicker league

Prof. Dr. Tobias Kollmann, Präsident der Virtual Kicker League, berichtet im SPOX-Interview über die Ergebnisse einer großen Umfrage in seiner Online-Bundesliga und bezieht Stellung zu den aktuellen Entwicklungen im Fußball.

SPOX: Die Verpflichtung von Jürgen Klinsmann als neuer Bayern-Trainer war das zentrale Thema der Winterpause. Schnell machten auch Gerüchte über radikale Veränderungen die Runde. Werden Geheimtrainings und Motivationstrainer nun zum Alltag?

Kollmann: Trainer, Mannschaft und Vereinsführung stehen vor einer umfassenden Modernisierung. Und das gilt wie bei Klinsmann gesehen auch für das Trainingsumfeld. Um hier einen ruhigen Rahmen zu schaffen, wird immer häufiger "konstruktiv abgeschirmt" werden. Das ist in anderen internationalen Ligen bereits jetzt an der Tagesordnung.

SPOX: Was den Fans allerdings nicht sonderlich gefallen dürfte.

Kollmann: Nicht unbedingt. Doch der deutsche Fan steht dieser Frage durchaus offen gegenüber. Bei einer großen Umfrage in unserer Virtual Kicker League gaben 41,4 Prozent der Fans an, dass es in Bezug auf Geheimtrainings durchaus einen Kompromiss zwischen Fan-Nähe und Abschirmung der Mannschaft geben kann. Weitere 18,6 Prozent waren sogar für einen grundsätzlichen Ausschluss der Öffentlichkeit vom Mannschaftstraining.

SPOX: Neben eventuellen Geheimtrainings stehen sicher noch andere Veränderungen auf Klinsmanns Zettel. Vieles davon wird sich direkt auf den Verein auswirken, oder?

Kollmann: Berichten zufolge hatte das Klinsmann-Konzept für den FC Liverpool mehr als zehn Seiten. Das lässt viel Platz für ein neues Selbstverständnis der sportlichen und wirtschaftlichen Entwicklung. Und Klinsmann ist bekannt dafür, dass er beide Ebenen miteinander verbinden kann. Deshalb werden auch Maßnahmen dabei sein, die sich nicht nur auf die Mannschaft, sondern auch auf den Verein auswirken.

SPOX: Kostspielige Maßnahmen. Kosten, die kleinere Vereine kaum bewältigen können. Droht hier nicht eine noch deutlichere Zwei-Klassen-Gesellschaft?

Kollmann: In der Tat. Wenn die Klubs nichts unternehmen, wird der Abstand zwischen den international spielenden und gut verdienenden Vereinen und denen die das nicht tun, immer größer. Deshalb müssen andere Geldquellen gefunden werden. Und da die Mittel bei Fanartikeln, Tickets und Sponsoren in der Regel weitgehend ausgeschöpft sind, muss man über externe Finanzinvestoren nachdenken. Und wenn man die Aussagen von Herrn Kind von Hannover 96 so verfolgt, dann scheinen hierfür bereits Konzepte in der Schublade zu liegen.

Spox: Will der Fan das? Hier wird doch schnell das Bild der bösen Heuschrecke gezeichnet, die alles an sich reißen will. Vereinsfarben, -logo und -kultur werden geändert und wenn der Erfolg ausbleibt, dann wird der Klub wieder abgestoßen. Ist das die Zukunft?

Kollmann: Die Fans sind da geteilter Meinung: Immerhin 43,9 Prozent waren bei unserer Umfrage der Ansicht, dass der Kontostand der Klubs immer mehr auch über deren sportlichen Erfolg entscheidet. Und eines ist doch ganz klar: Am Ende des Tages will der Fan einem erfolgreichen Verein zujubeln. Zwar schießt Geld bekanntlich keine Tore, doch mit Geld kann man gute Spieler verpflichten und die Wahrscheinlichkeit für Tore erhöhen.

SPOX: Aber was ist mit den Investoren?

Kollmann: Solange das Geld sinnvoll verwendet wird, muss es nicht schlecht sein. Immerhin fast jeder dritte Fan unserer Online-Bundesliga war der Meinung, dass externe Investoren sinnvoll eingebunden werden sollten. Ich denke daher durchaus, dass es eine Symbiose aus Kapital und Sport, aus Tradition und Zukunft geben kann. Das Beispiel Hoffenheim scheint dies im Übrigen zu belegen. Laut eigener Aussage braucht Herr Hopp als 49,9-prozentiger Eigner des Klubs nicht die Mehrheit am Verein, wenn dort Leute sitzen, denen er vertraut und die sowohl die sportliche als auch wirtschaftliche Kompetenz haben.

SPOX: Na gut, doch sind die klassischen Vereinsstrukturen überhaupt geeignet, um Finanzinvestoren aufzunehmen und diese Symbiose zu schaffen?

Kollmann: Bereits jetzt ist immer häufiger die klare Zweiteilung zwischen kaufmännischer und sportlicher Leitung bei den Vereinen zu beobachten. Während sich eine Seite klar mit den Finanzen beschäftigt, kümmert sich die sportliche Leitung ausschließlich um den Spielbetrieb. Der klassische Allround-Manager, der sich um alle Vereins-Angelegenheiten kümmert, ist veraltet. Auch 62 Prozent unserer Fans meinen, dass sich neben einer separaten Finanz-Abteilung das Konzept des Sportdirektors durchsetzen wird.

SPOX: Mit welchen Auswirkungen auf die Vereine selbst?

Kollmann lehrt BWL und Wirtschaftsinformatik an der Universität Duisburg-Essen, Campus Essen
Kollmann lehrt BWL und Wirtschaftsinformatik an der Universität Duisburg-Essen, Campus Essen
© virtual kicker league

Kollmann: Fußballvereine sind doch längst selbst zu Wirtschaftsunternehmen geworden, die sich im internationalen Wettbewerb behaupten. Deshalb müssen sie zwangsläufig moderne Führungs- und Kommunikationsstrukturen entwickeln und die klassischen ehrenamtlichen Führungsstrukturen begraben. Auch die Hälfte unserer Fans wünscht sich deshalb einen hauptamtlichen Präsidenten an der Spitze des Vereins. Ich gehe sogar davon aus, dass in Zukunft alle Gremien eines ambitionierten Klubs hauptamtlich tätig sein werden.

SPOX: Und wo bleibt da der Fan?

Kollmann: Genau wie eine Firma ihre Arbeiter braucht, so benötigt auch eine modere Vereinskultur den Fan. Denn selbst wenn die wirtschaftliche Komponente in den Mittelpunkt rückt, so kann der Fan doch an der Struktur beteiligt werden. So sollte etwa darüber nachgedacht werden, einen Fanvertreter in das Kontroll- oder Führungsgremium eines Vereins einzubauen. Das funk-tioniert in der Wirtschaft auch. So würden alle Entscheidungen aus der Fansicht reflektiert.

SPOX: Ok, doch was bedeutet diese Modernisierung für die Spieler?

Kollmann: Konsequent zu Ende gedacht, müsste man hier ein leistungsorientiertes Bonus- und Anreizsystem einführen. Die Spieler würden dann für Tore, Vorlagen, individuelle Werte wie etwa gewonnene Zweikämpfe, Punkte, Siege und weitere Ziele belohnt. Eine Transparenz, die der Fan von seiner eigenen Arbeit her kennt und die er bestimmt auch gerne für seine Mannschaft sehen würde.

SPOX: Teilen die Fans Ihre Ansichten?

Kollmann: Ja. Genau die Hälfte der von uns befragten User war der Ansicht, dass leistungsorientierte Bezüge in Zukunft dominieren sollten. Insgesamt können wir also feststellen, dass offensichtlich auch auf Fanseite eine zunehmende Professionalisierung erwünscht ist und man sich dort bereits intensiv Gedanken über die Zukunft macht. Diese Zukunft liegt, auch aus Sicht der Fans, nicht nur auf dem Rasen, sondern zunehmend eben auch im wirtschaftlichen Bereich.

SPOX

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