Montag, 30.06.2008
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Poker mit den Profis

Am Tisch mit dem Terminator

München - Beim Cashgame geht es um viel Geld, richtig viel Geld. Deshalb lockt es auch immer wieder die Besten der Besten an den Tisch.

© Getty

Während Turniere für Bekanntheitsgrad und Anerkennung sorgen, dient das Cashgame nämlich nur einem Zweck: die eigene Tasche zu füllen.

SPOX.com und das GX-Magazin haben einem der besten Cashgamespieler, Patrik "The Terminator" Antonius, in die Karten geschaut.

Willkommen am Tisch

Am Tisch sitzen Brian „sbrugby" Townsend, Allen Cunningham, Phil Ivey, Chris Ferguson, Paul Wasicka und Ted Forrest. Eine Runde mit absolutem Weltklasseformat.

Gespielt wird No Limit Hold'em.

Antonius sitzt im Big Blind und sieht einen Raise vom tighten Allen Cunningham aus später Position auf 2.600 Dollar bei Blinds von 300/600 Dollar. Alle anderen folden und Patrik findet mit Queen of Hearts und Ten of Hearts eine zumindest ausbaufähige Hand.

Er ist bekannt dafür, seine Blinds notorisch zu verteidigen, was für einen guten Postflop-Spieler wie ihn langfristig sicherlich gewinnbringend ist. Konservativere Spieler würden diese Hand einfach nur folden. Sie haben keine Position auf einen tighten Raiser und können locker von AQ, AT, KQ und so weiter dominiert sein. Darum entscheiden sie sich meist für einen Fold, was natürlich nicht verkehrt sein kann.

Semi-Bluff oder Value Bet?

Aber nicht Antonius. Der macht den Call und im Pot sind damit schon 5.500 Dollar. Der Flop kommt: Ten of Clubs, Nine of Hearts, Eight of Diamonds, Also: T98.

Patrik ist an der Reihe und kann setzen oder checken. Mit Top Pair und Dame als Kicker, zusammen mit einem Gutshot und Backdoor-Straightdraw hat er seine ordentliche Hand.

Ein Fold nach einer Continuation Bet kommt nicht in Frage, es geht nur um Bet, Check-Call oder Check-Raise.

Das Duell: Cunningham vs. Antonius

Bei einem Check läuft er etwa Gefahr, von schwächeren Händen ausgedrawt zu werden. Hat Cunningham zum Beispiel AK, checkt aber bei diesem gefährlichen Flop anstatt eine Continuation Bet zu machen, würde ein Ass oder König die Führung von Antonius kaputt machen.

Ein Check-Raise scheint etwas „over the top" zu sein. Zwar hat Patrik keine schwache Hand, aber er hat „nur" Top Pair mit einem vagen Draw zur Absicherung.

Wenn das große Geld bereits am Flop in die Mitte wandert, dann nur, wenn er nicht in Führung liegt. Es ist komplett auszuschließen, dass ein tighter Spieler wie Cunningham nach einem Check-Raise mit nur JT oder A9 weiterspielt.

Also warum nicht einfach selbst anspielen und schauen, wie der Preflop-Aggressor darauf reagiert? Ein Einsatz von etwa zwei Dritteln des Pots sollte seinen Zweck erfüllen.

Das ist eine Value Bet in Kombination mit einem Semi-Bluff. Immerhin hat er Top Pair und sollte gegen Cunninghams Hand Range in Führung sein. Hat dieser aber ein Overpair wie KK, hat Antonius immer noch Outs - und das nicht zu knapp.

Vorteil: Antonius

Ein solcher Einsatz hat auch den Vorteil, dass Cunningham mit den Händen, gegen die Antonius (noch) hinten liegt, wahrscheinlich nur callt, weil er wegen dieses gefährlichen Boards keinen großen Pot spielen will und Angst haben muss, bereits geschlagen zu sein.

Zum Beispiel ist ein Overpair extrem schwierig zu spielen, weil Patrik so gut wie alles haben kann: ein Set, eine Straight, oder auch Two Pair. Gegen alle diese Hände sieht auch AA ganz alt aus.

Antonius setzt 4.000 Dollar, und nach kurzer Überlegung callt Cunningham.

Die Turnkarte ist: Five of Hearts.

Die Magische Karte?

Das ist zwar nicht die magische Karte, die Patriks Hand verbessert, aber sie gibt ihm einige zusätzliche Outs. Gegen ein Overpair wie KK gewinnt er mit jeder Zehn, Dame, jedem Buben und jedem Herz. Das sind insgesamt 17 Outs, die ihn nach der 2- und 4-Regel nur zu einem 2:1 Underdog machen, um die Hand zu gewinnen.

Nun muss er sich aber auch einmal fragen, was Cunningham haben kann. Da dieser recht tight ist, sind nicht sonderlich viele Hände möglich. Overpairs wie JJ, QQ (unwahrscheinlich), KK und AA sind genauso denkbar wie AT. Alle anderen Hände sind aber schon unwahrscheinlicher.

So wäre es ein relativ untypischer Raise mit QJ und ein relativ untypischer Postflop-Call mit AK und AQ gewesen. Das Board ist wirklich nicht ungefährlich und kann Antonius gut getroffen haben. Warum soll er hier mit AK und Konsorten im Spiel bleiben?

Natürlich kann er zum Beispiel auch mit TT ein Set getroffen haben. Das wäre aber ein typischer Raise nach dem Flop, weil ein Call viel zu gefährlich ist.

So gelingt der Semi-Bluff

Aller Wahrscheinlichkeit nach hat es Antonius mit One-Pair-Händen wie KK oder AT zu tun. Er muss nur noch herausfinden, wie er am besten gegen diese spielt. Da er gegen diese Hände so gut wie niemals in Führung liegen kann, muss er die Hand entweder gewinnen, indem er den Gegner zum Folden bringt, oder indem er seine Outs trifft.

Mit einem Semi-Bluff würde er genau das erreichen, und es ist eine exzellente Situation für einen solchen halben Bluff. Aber wie?

Es gibt eine kleine Checkliste, wie man herausfinden kann, ob ein Semi-Bluff nach einem gescheiterten Versuch am Flop Sinn ergibt, am Turn fortgesetzt zu werden: Hat die Turnkarte zusätzliche Outs gebracht? Ist es unwahrscheinlich, dass die Turnkarte dem Gegner geholfen hat? Hat der Gegner etwas Schwäche gezeigt? Ist der Gegner schon Pot committed?

Semi-Bluff am Turn fortzusetzen?

Das wären die wichtigsten Fragen, die man sich stellen sollte, wenn man einen Semi-Bluff in Betracht zieht. In diesem Fall ist diese Checkliste eindeutig erfüllt. Die Turnkarte hat Patrik zusätzliche Outs gebracht. Es ist ausgeschlossen, dass die kleine Fünf Cunningham geholfen hat.
Er hat insofern Schwäche gezeigt, als er am Flop nur gecallt hat. Committed ist er keinesfalls bei einem Pot von 13.500 Dollar und über 100.000 Dollar in Chips. Ein Semi-Bluff hat damit sehr gute Aussichten auf Erfolg. Antonius sollte hier etwa 9.000 oder 10.000 Dollar setzen.

Bluffen oder aufgeben

Er spielt 10.500 Dollar an, Cunningham überlegt ziemlich lange, entscheidet sich aber doch zum Callen. Im Pot sind 34.500 Dollar und die Riverkarte ist: Deuce of Diamonds.

Diese unscheinbare Zwei am River hat Patrik gar nichts eingebracht. Nach zwei Calls bei diesem recht gefährlichen Board muss er davon ausgehen, dass sein Top Pair nicht gut sein kann. Es ist nahezu ausgeschlossen, dass er damit in einem Showdown bestehen kann, und darum heißt es: bluffen oder aufgeben.

Eine Frage der Wahrscheinlichkeiten

Antonius ist zwar ein sehr aggressiver Spieler, aber er kann auch das ein oder andere Mal einfach aufgeben und sich zurück ziehen, wenn der Widerstand zu groß ist. Warum also nicht hier einfach checken und folden?

Die Situation ist einfach zu gut. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Cunningham hier nur mit einem einzigen Paar auf der anderen Seite sitzt.

Warum soll ein tighter Spieler wie er, eine solche Hand nicht aufgeben können, wenn der Gegner bei allen drei Runden Stärke demonstriert hat?

Es ist nur eine Frage der Wahrscheinlichkeiten. Wie häufig kann sich Cunningham hier von einem einzigen Pärchen trennen, wenn der Einsatz einigermaßen hoch gewählt ist?

Sicherlich foldet er zu 50 Prozent der Zeit, vielleicht sogar häufiger. In diesem Fall ist es aber besser, lieber das Minimum anzunehmen.

Zahlenspiele

Wenn Cunningham also jedes zweite Mal foldet, muss der Einsatz von Antonius so gewählt werden, dass er sich nicht selbst schlechtere Odds gibt.

Im Falle einer Pot sized Bet unter der Annahme, dass Allen jedes zweite Mal foldet, ist genau der Break-even-Point erreicht. Angenommen es sind 50.000 Dollar im Pot und Antonius setzt genauso viel. Der Erwartungswert wäre dann genau null:

0,5 x 50.000 $ = 25.000 $ (Gewinn bei einem Fold)
0,5 x -50.000 $ = -25.000 $ (Verlust bei einem Call)

Zahlenspiele: Teil II

Patrik muss aber nicht gleich einen so hohen Einsatz tätigen. Auch ein kleinerer würde seinen Job erfüllen. Er entscheidet sich in unserem Fall für eine Bet von 22.000 Dollar in einen Pot von 34.500 Dollar.

Der Erwartungswert bei der Chance, dass Cunningham zu 50 Prozent foldet sieht dann wie folgt aus:

0,5 x 34.500 $ = 17.250 $
0,5 x -22.000 $ = -11.000 $

Da 17.250 Dollar mehr ist als 11.000 Dollar, ist der Erwartungswert auch positiv. Er gewinnt genauso häufig einen größeren Betrag als einen kleineren Betrag verliert.

Die Bullets

Insgesamt sollte er in dieser Situation jedes Mal komfortabel setzen. Manchmal gewinnt er, manchmal eben nicht. Unterm Strich gewinnt er aber mehr als er verliert, falls der Bluff schief geht. In diesem Fall callt Cunningham und zeigt die Bullets: AA.

Es zeigt sich, dass er einen extrem starken Call gemacht hat.

Mehr Glück beim nächsten Mal, Antonius...

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