Lernen vom Rinderzüchter

Von GX Magazin
Freitag, 30.05.2008 | 14:19 Uhr
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© Getty

München - Was sich zunächst wie eine billige Ausrede Spielsüchtiger anhört, ist nach Harvard-Professor Charles R. Nesson Teil seiner akademischen Lehre.

Mithilfe des Pokerspiels möchte Nesson seinen Studenten gesellschaftliche und wirtschaftliche Zusammenhänge besser erklären.

Eigens dafür gründete Nesson auch eine Studentenvereinigung: die "Global Poker Strategic Thinking Society" (GPSTS). Langfristiges Ziel der GPSTS: Aufbau einer weltweiten Internet-Poker-Gemeinschaft.

Renommierter Jurist im Poker-Fieber

Nur ein Poker-Verrückter? Nein. Denn der Jurist Charles R. Nesson hat in seinem Leben schon zahlreiche Schlachten geschlagen. So verteidigte der 1939 geborene Professor unter anderem den ehemaligen Pentagon-Informanten Daniel Ellsberg.

Dieser hatte während des Vietnamkriegs geheime Militärdossiers über die Kriegsstrategie der USA an die Presse gegeben. Ellsberg wurde auch dank Nessons Verteidigung freigesprochen und auch an einer Grundsatzentscheidung zur Beweiskraft medizinischer Gutachten vor dem U.S. Supreme Court war Nesson maßgeblich beteiligt.

Online-Recht an der Harvard-Uni

Aber Nesson kämpft nicht nur vor amerikanischen Gerichten, sondern unterrichtet als Professor an der Harvard Law School auch den juristischen Nachwuchs. Einer seiner Schwerpunkte ist die Rechtssprechung zu Fällen aus der virtuellen Welt, dem "Cyberlaw".

Für diesen Zweck gründete Nesson 1996 in Harvard das "Center on Law and Technology", was kurz darauf nach einer größeren Spende der Berkman-Familie in "Berkman Center for Internet & Society" umbenannt wurde. Von Anfang an dokumentierte Nesson dort Fälle zur weltweiten Rechtssprechung rund ums Thema "Internet und Computer".

Open-Source-Rechtssprechung

Am Berkman Center for Internet & Society organisiert Nesson aber noch ein weiteres interessantes Experiment: das Projekt "Openlaw".

Openlaw ermöglicht es Nichtjuristen und Juristen gemeinsam auf einem Internet-Portal über echte und fiktive Gerichtsfälle sowie über Gesetzesentwürfe zu diskutieren.

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Alle Texte - Plädoyers, Texte und Gesetzestexte -, die dort erstellt werden, sollen nach dem Open-Source-Gedanken von jedermann verwendet und zitiert werden dürfen.

Computer und digitale Medien im Einsatz

Computer und Netzwerke scheinen Nesson schon länger zu interessieren: So unterrichtet Nesson nicht nur "Cyberlaw", sondern versucht auch bereits seit längerer Zeit, Computer, Internet und neue Medien in seine Lehre einzubinden.

Schon sehr früh fiel Nessons Mitwirkung an Edutainment-Produktionen auf. Ein Ergebnis seiner Produktionstätigkeit wurde auch mit einem Emmy ausgezeichnet: die Fernsehdokumentation "The Constitution: That Delicate Balance".

In dieser Dokumentation stellt Nesson 85 Amerikaner verschiedener Berufszweige (unter anderem Abgeordnete, Richter, Journalisten) vor, die unter seiner Moderation über die Auslegung der amerikanischen Verfassung diskutieren.

Pokern aufs wirkliche Leben übertragen

Doch wie kommt der Mann nun ausgerechnet auf Poker? Ganz einfach: Bei Überlegungen, wie er die Qualität seiner Vorlesungen verbessern könne und wie er dem akademischen Nachwuchs komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge am besten erklären könne, fiel Nesson auf, dass viele Abläufe des Lebens denen des Pokerspiels ähneln.

So funktionieren beispielsweise die Verhandlungen unter Geschäftsleuten nach demselben Schema einer Pokerpartie. Wie beim Pokern müssen alle Beteiligten eine Strategie haben. Jeder muss fähig sein, auch einmal bluffen zu können und den Bluff anderer zu erkennen.

Und für den Erfolg von Risikogeschäften ist wie beim Pokern viel Selbstbeherrschung und ein kühler Kopf von Nöten. Daher meint Nesson: Beim Pokern lernen die Spieler ihr Gegenüber zu analysieren und ihre Strategie entsprechend anzupassen.

Auch müssen Wut und Gier unter Kontrolle gehalten werden. Und eben all das könne man auch aufs richtige Leben übertragen.

Weltgrößte Pokergemeinschaft

Für die Pokerlehre an der Harvard University gründete Nesson 2007 dann die "Global Poker Strategic Thinking Society" (GPSTS). Die GPSTS verfolgt mit ihrer Arbeit mehrere Ziele: zum einen möchte sie Poker-Turniere, Seminare und Diskussionsrunden anbieten und zum anderen auch als Poker-Lobby arbeiten. Das aber wohl ehrgeizigste Ziel der GPSTS ist die Schaffung einer weltweiten Online-Pokergemeinschaft.

Die GPSTS und Nesson versprechen sich von dieser Online-Pokergemeinschaft sehr viel. Durch die Ortsungebundenheit und die geringen technischen Anforderungen soll so eine Poker-Gemeinschaft unterschiedlicher sozialer Schichten aus aller Welt entstehen.

Explizit weist Nesson in mehreren Interviews darauf hin, dass die Organisation der GPSTS zwar von seinem Harvard-Lehrstuhl erfolgt, die GPSTS aber für jedermann, egal ob Harvard-Student oder nicht, offen ist und gerade diese Offenheit auch erwünscht ist.

Risikobereitschaft und Mitfünfziger

In der Praxis sollen dann beispielsweise der Harvard-Absolvent, der texanische Rinderzüchter, der europäische Mitfünziger und der afrikanische Jugendliche virtuell an einem Tisch um den Pot spielen. Denn nur so können alle Beteiligten viel über die Mentalität der anderen Spieler lernen.

Möchte beispielsweise der europäische Mitfünziger wissen, welche Risikobereitschaft unter afrikanischen Jugendlichen existiert, reicht es nach Nesson einfach, dies beim Pokern auszuprobieren.

Pokern erlaubt, gewinnen verboten

Doch der Aufbau der weltweiten virtuellen Pokergemeinschaft hat bei der GPSTS erst begonnen. Einen virtuellen Pokertisch kann die GPSTS im Internet noch nicht anbieten.

Daran sind aber nicht nur technische Gründe schuld, sondern auch die Unsicherheit in der Rechtsprechung. Online-Pokern ist nicht überall auf der Welt erlaubt und selbst in den liberalen USA gibt es zurzeit Überlegungen, Online-Poker zu verbieten oder zumindest sehr stark zu reglementieren.

So ist zwar zurzeit das Online-Pokern in der USA noch erlaubt, aber nicht in allen US-Staaten der Geldtransfer von Bank zum Veranstalter der Online-Poker-Partie. Ergo: Gepokert werden darf im Internet, um richtiges Geld darf aber nicht überall gespielt werden.

Poker an der Uni

Bei der GPSTS sollen die Spieler sowohl bei Offline- als auch Online-Turnieren selbst entscheiden können, ob sie um echtes Geld oder um wertlose Chips spielen möchten.

Und bis die Gesetzeslage vollständig geklärt ist, wie oder auf welchem Weg Gewinne bei Online-Poker-Turnieren realisiert werden können, organisiert die GPSTS zunächst Poker-Turniere zwischen den Universitäten.

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