eSport-Kommentator Andreas "pre" Lenski im Interview

Der Marcel Reif des eSports

Von SPOX
Samstag, 01.05.2010 | 14:54 Uhr
Andreas "pre" Lenski war einer der bekanntesten eSport-Moderatoren Deutschlands
© fragster

Andreas "pre" Lenski war lange Zeit der wichtigste eSport-Kommentator in Deutschland. Der Marcel Reif des eSports - in gewisser Weise. Mittlerweile ist der 31-Jährige nur noch hinter den Kulissen tätig, bleibt aber dennoch einer der Sympathieträger der Szene. Im Interview spricht er über seine Arbeit, die Entwicklung des eSports und den HSV.

SPOX: Andreas, wer ist eigentlich Dein Lieblings-Sportkommentator?

Andreas "pre" Lenski: Schwer zu sagen. Es gibt da keinen, bei dem ich sagen würde: "Ui, den find ich super". Es gibt allerdings einige, bei denen ich froh bin, dass man den Ton ausstellen kann. Für mich macht bei einem guten Sportkommentator natürlich das Fachwissen aus - aber vor allem sollte er mit dem Herzen dabei sein und die Stimmung rüberbringen. Wenn da ein klasse Tor fällt, will ich das im ersten Moment nicht analysiert bekommen, sondern das deutsche Equivalent von "GOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOL" hören.

SPOX: Und was ist mit Dir? Du hast bis vor wenigen Monaten eSport-Partien kommentiert. Würdest Du Dich selbst als Sportkommentator bezeichnen?

Lenski: Was die Leidenschaft angeht, ja. Was die Ausbildung angeht, sicherlich nicht. Aber ich sehe eSport als Sport - also war ich wohl doch ein Sportmoderator. Denn egal ob man nun das Geschehen beim Volleyball, Tennis oder Counter-Strike moderiert, die Parallelen sind natürlich gegeben. Nebenbei: ich würde gerne mal ein Fußballspiel kommentieren. Meine Art zu moderieren wäre mit Sicherheit... anders.

SPOX: Wann hast Du gemerkt, dass Dir eine Moderatoren-Ausbildung fehlt?

Lenski: Immer wenn ich mir die Wiederholungen der Sendungen angesehen habe. Aber ich denke, auch das macht den eSport aus: Es gibt hier kaum Leute, die ihren Job gelernt haben. eSport ist aus dem Nichts entstanden und es musste immer improvisiert werden. Wenn man bedenkt, dass eSport noch nicht einmal zwanzig Jahre alt ist, dann ist es doch klar, dass wir noch nicht so weit sind, professionelle Moderatoren zu haben.

SPOX: Wo genau liegt das Problem? Zum Beispiel im Vergleich mit anderen jungen Trendsportarten, bei denen es meist auch relativ schnell eigene Moderatoren gibt...

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Lenski: Wer sollte die bei uns denn schulen? eSport-Moderatoren müssen ja auf ganz andere Dinge Wert legen als normale Sportmoderatoren. Bei Counter-Strike gibt es zum Beispiel zehn "In-Eye"-Perspektiven. Das heißt, man sieht das Geschehen aus der Sicht der Spieler. Man stelle sich dies beim Fußball vor: Wenn der Kommentator das Spiel da gerade durch Nanis Augen sehen und dadurch das Tor von Rooney verpassen würde. Da kommt man in Teufels Küche.

SPOX: Was unterscheidet einen eSport-Kommentator sonst noch von herkömmlichen Sport-Kommentatoren?

Lenski: Ich persönlich kenne keinen eSport-Moderator, der älter ist als dreißig Jahre. Gleichzeitig kenne ich aber auch keinen Fußball-Kommentator, der jünger ist als... 30? 40? Marcel Reif ist 60 Jahre alt und ganz ehrlich, im Gegensatz zu ihm habe ich gewusst, wann ich meinen Zenit überschritten hatte. Damit will ich ihm natürlich nicht seine Qualität absprechen.

SPOX: Nutzt man sich im eSport etwa schneller ab?

Lenski: Man muss leidensfähig sein, braucht ein dickes Fell. Schließlich ist man viel näher an den Zuschauern dran. Und die Community gibt ziemlich schonungslos wieder, ob man was taugt. Wenn man sich aber eine Fanbase aufbaut, kann es ein Traumjob werden. Auch weil man im Gegensatz zu anderen Jobs im Fernsehen mehr Freiheit hat, sein Ego und seine Allüren auszuleben, ohne dass direkt die Moralkeule kommt.

SPOX: Und genau das hast Du getan. Die Zuschauer liebten oder hassten Dich...

Lenski: Das muss man relativieren. Schließlich melden sich Kritiker immer lauter zu Wort als die, die gut finden was man macht. Die Fans haben sich erst gemeldet, als ich meinen Rücktritt publik machte. Bis heute überrollt mich eine extreme Sympathiewelle. Das ist wie bei Kevin Kuranyi. Der hat niemanden - außer die Schalker - wirklich interessiert; doch jetzt, da es zur WM geht, wird er von allen Seiten gelobt.

SPOX: Gelobt wurdest Du für Deinen Stil. Wie würdest Du den beschreiben?

Lenski: Adäquat. Anarchistisch. Humorvoll. Konfus.

SPOX: Gefallen Dir diese Eigenschaften?

Lenski: Ich muss seit 31 Jahren mit mir leben - es ist eine Zweckgemeinschaft. Die Frage ist doch, ob sie den Zuschauern gefallen. Ich kann nur sagen, dass ich in meinen Sendungen immer, bis auf vielleicht zwei oder drei Ausnahmen, gute Laune hatte und mich auch nicht verstellen musste. Ich denke, das haben die Menschen bemerkt.

SPOX: Du bist in der Szene extrem bekannt. Wie gehst Du mit diesem "fame" um?

Lenski: Bei mir hat sich der "fame" gesund aufgebaut. Ich bin ja nicht von heute auf morgen bekannt geworden, sondern habe schon seit einiger Zeit in der Szene gearbeitet, bevor ich bei der ESL ins kalte TV-Wasser geschmissen wurde, als irgendein Gast absagte. Später musste ich das dann immer öfter machen, bis es mein Job wurde.

SPOX: Es muss dennoch komisch sein, um ein Autogramm gebeten zu werden, oder?

Lenski: Da frage ich mich noch immer, warum man ein Autogramm oder Foto von mir und nicht vom Starspieler haben will. Vielleicht ist mir dieser Ruhm aber auch einfach nie zu Kopf gestiegen, weil ich nie den Wunsch hatte, im Rampenlicht zu stehen. Oder es liegt daran, dass ein ein Hamburger Fischkopp bin und wir das alles nüchterner sehen.

SPOX: Im Gegensatz zu Dir sind viele Clans und Spieler den Szene-fremden Medien gegenüber sehr zurückhaltend. Woran liegt das?

Lenski: Pauschal lässt sich nicht sagen, wieso sich ein Clan A besser als Clan B verkauft. Die Frage ist: Wie soll man sich geben? Die Teams sind meist mit Spielern besetzt, die in ganz Deutschland verstreut sind. Man kann sie selten beim Training besuchen. Nur auf Events wie den Intel Friday Night Games können sich die Spieler auf der Bühne auch Fan-nah zeigen. Zudem organisieren Vereine wie n!faculty, Team Bavarian Heaven und Team Alternate immer mal wieder Bus-Touren für die Fans zu diesen Events. Das ist ihre Art, sich eine Fanbase aufzubauen und ihnen damit auch Danke sagen zu können.

SPOX: Man bleibt aber unter sich. Was ist mit der allgemeinen Öffentlichkeit?

Lenski: Dass eSport in der Gesellschaft akzeptiert wird, ist ein unaufhaltsamer Prozess. Wir können ihn beschleunigen, indem wir den Kritikern erklären, wo sie falsch liegen. Die Zeit ist auf unserer Seite. Denn die Kinder, die mit den ersten Telespielen aufgewachsen sind, sind mittlerweile Erwachsene. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Land von Menschen regiert wird, die ganz natürlich mit dem Thema umgehen.

SPOX: Machen Clans und Ligenbetreiber genug, um Akzeptanz für den eSport zu erreichen?

Lenski: Es reicht nie. Man kann immer noch mehr tun. Aber wir sind auf einem guten Weg. Anfangs habe ich das System der "Eltern LAN" der ESL belächelt. Dort wird Eltern und Pädagogen von ESL-Mitarbeitern und Spielern gezeigt, womit sich ihre Kinder eigentlich beschäftigen. Ich dachte, es wird niemand kommen! Aber ich wurde eines Besseren belehrt. Zum Glück. Das Feedback - sowohl von den Gästen als auch indirekt von der Presse - ist positiv. Es ist hochinteressant, zu sehen, welchen Spaß Lehrer und Eltern bei einer Runde Counter-Strike entwickeln. Das Kind im Manne bzw. der Frau stirbt eben nie.

SPOX: Aber...

Lenski: ... ich denke, dass Clans viel mehr tun könnten. Teilweise sieht man Vereins-Stände auf den Spielemessen, wo genrefremden Publikum ein Blick hinter die Kulissen gewährt wird. Aber das ist eben nur zwei Mal im Jahr.

SPOX: Du gehörst zu den eSportlern der ersten Stunde. Was unterscheidet Dich von der heutigen Generation der eSport-Fans?

Lenski: Man kann mich als Oldschooler bezeichnen. Das ist unbezahlbar! Spaß beiseite: Natürlich habe ich eine andere Beziehung dazu. Ich erwische mich oft dabei, wie ich denke "früher war alles besser". Dabei ist das gerade einmal acht bis zehn Jahre her?!

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SPOX: Was genau hat sich verändert?

Lenski: Alles ist größer, unübersichtlicher, schneller und anonymer geworden. eSport hat sich wie ein Kind entwickelt, das bei seinen ersten Gehversuchen noch süß war. Nun ist es in der Pubertät und bringt schon mal ungebetene Gäste ins Haus.

SPOX: Als nächste Stufe wird es dann erwachsen...

Lenski: Ja. Und das bringt hoffentlich die gesellschaftliche Anerkennung mit sich. Für die heutige Jugend ist die Szene schon ihr ganzes Leben lang da. Deshalb haben sie kein Problem damit, einen Clan anzufeuern, sich Autogramme zu holen oder ein Foto mit Spieler XY zu machen. Früher gab es keine Stars. Heute ist es ganz natürlich, dass man zu seinem Hobby steht. Deshalb gibt es jetzt auch Stars und Sternchen. Sogar richtige Diven.

SPOX: Zufrieden mit dieser Entwicklung?

Lenski: Sehr. Hier in Deutschland war die Entwicklung traumhaft. Wir werden sicher von vielen Ländern beneidet. Wir haben es innerhalb kürzester Zeit geschafft, uns ein gesundes Ligensystem mit vielen gesunden Clans aufzubauen. Für mich ist Deutschland in seiner Vielfalt das eSport-Land Nummer Eins, gefolgt von Südkorea und China.

SPOX: Du bist ja außerdem Fan des Hamburger SV...

Lenski: Nein, ich bin ein GROSSER Fan des Hamburger Sport Vereins 1887!

SPOX: Mit voller Leidenschaft dabei?

Lenski: Ich meckere und schreie bei jedem Spiel. Ich denke, das heißt: Ja.

SPOX: Gehst Du bei eSport-Matches oder bei besonderen Clans schon genauso mit?

Lenski: Jein. Früher habe ich dem glorreichen CS-Team von mTw die Daumen gedrückt. Aber meist ging es nicht übers Klatschen hinaus. Heute habe ich keinen Lieblingsverein mehr. Ich freue mich aber, wenn die deutschen Teams international etwas reißen. Daraus habe ich in meiner Moderation auch nie einen Hehl gemacht. Mehr Subjektivität und Patriotismus würde ich mir auch von den deutschen Fußball-Kommentatoren wünschen. Ihr tretet keinem Engländer auf die Füße, wenn ihr euch bei einem Tor oder einem Foul die Seele aus dem Leib schreit. Das machen die nämlich nicht anders.

SPOX: Ist es nicht auch ein Problem des eSports, dass gerade dieser Patriotismus fehlt?

Lenski: Das ist ein großes Problem. Die Clans sind selten lokal gebunden sind und die Identifikation fehlt ganz einfach. Aber man arbeitet daran. Mittlerweile gibt es etwa das Team Bavarian Heaven, die Frankfurt 69ers und weitere.

SPOX: Wie wichtig ist diese feste Fan-Basis für die Gesamtentwicklung des eSports?

Lenski: Immens wichtig. Denn die Clans brauchen jedes finanzielle Standbein, das sie kriegen können. Und nur mit Fans werden sie für Sponsoren interessanter, können Merchandise absetzen. Momentan sind noch zu viele Teams auf Sponsoren angewiesen. Brechen die weg, muss der Clan oft das Budget kürzen, billigere Teams einstellen. Oder sie schließen den Laden komplett. Alles schon tausendfach vorgekommen. Von der Motivation, eine ganze Halle hinter sich zu haben, ganz zu schweigen. Nur so entstehen Traditionen.

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