Montag, 26.05.2008

Interview mit SuM-II-Star Michael Fischer

"eSport ist wie Schach"

Er ist ein wahres Multitalent. Er spielt Volleyball, Tischkicker und verdingt sich bei der Freiwilligen Feuerwehr - und ganz nebenbei gewinnt Michael Fischer alias CLEVER für die „Prisoners of War", kurz PoW, auch noch einen Titel nach dem anderen.

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Sein Spiel heißt "Die Schlacht um Mittelerde II" (SuM II) - ein Aufbau-Strategie-Spiel. Sein Status: Bester und erfolgreichster Spieler. Sowohl in der Clanwars-Liga als auch in der Electronic Sports League (ESL) hat er jeden erdenklichen Pokal errungen.

Trotzdem zeigt der Gamer aus Haubersbronn bei Stuttgart keinerlei Starallüren. Ganz im Gegenteil. Im Gespräch mit SPOX.com wirkt der 18-Jährige eher bescheiden.

Als frischgebackener ESL-Administrator freut er sich, seine Erfahrung in Zukunft auch an andere Spieler weiterzugeben. Außerdem sieht er in der Zusammenarbeit zwischen der ESL und SPOX einen "Schritt in die richtige Richtung."

SPOX: eSport hat dank der Zusammenarbeit zwischen der ESL und SPOX den Sprung auf ein Sportportal geschafft. Ein großer Schritt ins Spektrum der breiten Öffentlichkeit. Was hältst du als ESL-Admin davon?

Michael Fischer: Ich halte das für einen Schritt in die richtige Richtung. So wird dazu beigetragen, das Interesse der Öffentlichkeit an eSport zu erhöhen. Außerdem hilft es dem eSport salonfähig zu werden, indem er als eigene Sportart anerkannt wird.

SPOX: In der ESL stehst Du in der Einzelwertung auf Platz eins. Und auch bei Clanwars.cc hast Du sowohl in der Singlewertung, als auch mit Deinem Clan PoW alles gewonnen. Wie bewertest Du das Niveau der einzelnen Ligen?

Michael: Um das Niveau bewerten zu können, muss man zwei Aspekte berücksichtigen: die spielerische und die atmosphärische Ebene. Im Moment hat die ESL ganz klar die schlechteren Spieler. Das spielerische Niveau ist nicht mehr so, wie es in der ESL früher mal war. Allerdings punktet die ESL hinsichtlich ihrer Übersichtlichkeit, ihrer Benutzerfreundlichkeit und ihren klaren Regeln.

SPOX: Und Clanwars?

Michael "CLEVER" Fischer im Reallife
Michael "CLEVER" Fischer im Reallife
© Spox

Michael: In der Clanwars-Liga spielen derzeit die besseren Spieler. Das ist sicherlich damit zu erklären, dass Clanwars eine internationale Liga ist. Leider wird in dieser Liga aber Freundlichkeit nicht unbedingt groß geschrieben.

SPOX: Die ESL ist gerade bemüht, die verloren gegangenen Spieler wieder ins Boot zu holen. Hat die ESL da eine Chance?

Michael: Ich sehe auf jeden Fall eine Chance. Zum einen fühlen sich viele deutsche Spieler in der gut strukturierten ESL besser aufgehoben, als bei Clanwars. Zum anderen ziehen sich immer mehr gute Spieler wegen des mangelhaften Sportsgeistes aus dem Clanwars-Geschehen zurück. Die Aufgabe der ESL liegt darin, diese Spieler aufzufangen.

SPOX: Du siehst eine Chance für die ESL - liegt das zufällig daran, dass Du frischgebackener ESL-Administrator bist?

Michael (lacht): Ich denke, dass ich in dieser Hinsicht auf jeden Fall eine voreingenommene Sichtweise habe. Allerdings sehe ich es als großen Fortschritt, dass die ESL Community-Patches, sprich inoffizielle Patches, einführt. Da mir die SuM-II-Community am Herzen liegt, habe ich mich für den Admin-Posten beworben. Und meine Mitstreiter und ich sehen ein ungewecktes Potential in den neuen Ligen, welches sich nun entfalten darf.

SPOX: Du wechselst also die Seiten und kümmerst Dich mehr um organisatorische Dinge. Oder können wir Dich auch weiterhin in Action erleben?

Michael: Teils teils. Auf jeden Fall werde ich in nächster Zeit noch Mittelerde aufmischen. Allerdings habe ich als Spieler schon so einiges erreicht und sehe meine zukünftigen Aufgaben eher im organisatorischen Bereich. Ich habe bereits damit begonnen, meine Spielzeit zurückzuschrauben.

SPOX: Das wird Deine Fans aber traurig stimmen. Oder sind viele sogar froh, wenn Du nicht mehr mitmischt?

Michael (lacht): Schwierig einzuschätzen. Ich denke es gibt einige Spieler, die diesen Schritt bedauern werden. Andererseits wird sich ein Großteil der Spieler über einen Konkurrenten weniger freuen. Aber hey! Noch bin ich ja da! Und es gibt noch einige spannende Schlachten zu schlagen.

Das ist Michael "CLEVER" Fischer - der SuM-II-Star im Porträt. 

SPOX: Würdest Du Dich als Star in der Szene bezeichnen? Dein Name ist dort ja fast so bekannt, wie der von Franz Beckenbauer im Fußballgeschäft...

Michael: Ich ein Star wie unser Kaiser? Nein.

SPOX: Na immerhin hast Du schon alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt.

Michael: So richtig klar ist mir das aber nie geworden. Wir Schwaben sehen die ganzen Sachen nicht so euphorisch, wir sind eher akribische Arbeiter. Aber es ist mir durchaus bewusst, dass mein Name dem einen oder anderen etwas sagt.

Wenn man etwas Erfolg hat, sei es nun im Fußball oder im eSport, ist ein gewisser Bekanntheitsgrad in der jeweiligen Szene nicht auszuschließen.

SPOX: Du bezeichnest Dich selbst als akribischen Arbeiter. Hast Du also hart trainieren müssen, um so gut zu werden? Oder istDir das in die Wiege gelegt worden?

Michael: In die Wiege gelegt würde ich nicht sagen. Hart trainiert trifft es besser. Ganz nach dem Motto: Übung macht den Meister. Jedoch ist die Spielpraxis nur die Grundlage des Erfolgs. Man braucht taktischen und strategischen Spielwitz, um sich spielerisch weiterzuentwickeln. Die Analyse von verlorenen Spielen ist extrem wichtig. Da sieht man, wo man sich noch verbessern muss.

SPOX: Übung macht den Meister: Ist das allgemein Dein Lebensmotto?

In Mittelerde schaltet CLEVER gerne ab
In Mittelerde schaltet CLEVER gerne ab
© Spox

Michael: Eher nicht. Ich bin einer, der das Leben gerne genießt. Arbeiten geht meistens nur, wenn entsprechende Motivation vorhanden ist - was selten der Fall ist. (lacht) Viel lieber lasse ich die Seele baumeln und erfreue mich an den Gelegenheiten. Ich bin ein ruhiger Zeitgenosse, der im organisierten Chaos lebt.

SPOX: Ist eSport für Dich ein Mittel, um der Realität zu entfliehen?

Michael: Entfliehen ist vielleicht das falsche Wort. Ich würde es eher Abschalten vom Alltagsgeschehen nennen. Heutzutage leben wir ja in einer Leistungsgesellschaft, wo jeder nur seine Ellenbogen benutzt, um voranzukommen. Als ich Anfang 2007 in Clanwars eingestiegen bin, habe ich die Erfahrung gemacht, dass abends ein paar Games zu spielen der ideale Gegenpool zum Alltagsstress ist. Und es hilft mir, mich zu entspannen und zu regenerieren.

SPOX: Ist eSport damit richtiger Sport?

Michael: eSport gehört in meinen Augen in die Kategorie Denksport. Es ist eine moderne Form von Schach. Also würde ich die Frage mit „ja" beantworten.

SPOX: Zumal tausende Zuschauer zu Events wie den Friday Night Games der ESL pilgern. Wird eSport bald ganze Hallen füllen?

Michael: Auf jeden Fall. Langsam aber stetig wird sich dieser Sport durchsetzen. Wer weiß, vielleicht werden bald Olympische Spiele im eSport ausgetragen. (lacht)

SPOX: Dann spielt der zukünftige Ballack also Counter Strike und lernt, wie man möglichst effizient virtuelle Gegner eliminiert?

Michael: Nein. Der physische Sport lässt sich niemals durch eSport ersetzen. eSports erweitern den Sport um eine zusätzliche Gattung. Dadurch wird der Sport an sich vielseitiger und facettenreicher.

Die aktuellen ESL-Ranglisten von "Schlacht um Mittelerde II"

SPOX: Interessanter Ansatz. Ballack gibt es also weiterhin in der Fußball- und Clever in der eSport-Welt. Apropos Fußball. Du kommst aus Stuttgart. Bist Du VfB-Fan?

Michael: Nein, ich kann mich einfach nicht für einen Verein entscheiden. Ich schaue lieber gute Fußballspiele zusammen mit Freunden und genieße das Spiel, ohne mich über irgendwelche Schiedsrichterentscheidungen, Fouls oder das Ergebnis ärgern zu müssen.

SPOX: Das ist natürlich praktisch. Gerade in diesen Tagen müsstest Du Dich als VfB-Fan ja nur aufregen.

Michael (lacht): Müsste ich, ja. Zum Glück ist es nur die Konjunktivform und ich kann stattdessen das Leben in vollen Zügen genießen. Carpe Diem.

SPOX: Kennst Du Ursula von der Leyen?

Michael: Unsere allseits geliebte Familienministerin.

SPOX: Dann kennst Du sicher auch ihr Vorhaben, Computerspiele zu verbieten?

Michael: Politiker neigen dazu, allgemeine Aussagen zu treffen. Dann werden Computerspiele als "Killerspiele" verdonnert, ohne sich vorher ausreichend darüber informiert zu haben. Die gute Frau sollte die Sache differenzierter angehen. Es ist ja nicht so, dass nicht auch ein Fünkchen Wahrheit dabei ist. Aber alle Gamer über einen Kamm zu scheren, ist mir zu oberflächlich. Spielverbot ja, aber nur ganz gezielt und fundiert begründet.

SPOX: Die Kampagne "Gaming is not a Crime" versucht genau das zu verhindern. Nur das andere Extrem, oder kannst Du Dich mit der Aktion identifizieren?

Michael: Ich finde, die Aktion ist an sich eine gute Sache. Es ist wichtig, Nichtspielern Wissen über Spiele zu vermitteln. Man muss die Unwissenden aufklären, ihnen die Sichtweise von Spielern aufzeigen. Nur dann kann ein gewisses Verständnis und Feingefühl für eSport entwickelt werden.

SPOX: Du spielst in einem englischsprachigen Clan - PoW. Wieso nicht in einem Deutschen? Es gibt doch reichlich - auch mit Perspektive. Etwa BrD, VooDoo oder auch AoW.

Michael: Ich spiele im PoW-Clan, da ich schon früh bei Clanwars eingestiegen bin. Zu diesem Zeitpunkt war einfach kein deutscher Clan richtig aktiv.

Ich habe mich dort bestens eingelebt. Und da ich ein sehr loyaler Spieler bin, habe ich auch später nicht zu einem deutschsprachigen Clan gewechselt. Die haben einfach die Entwicklung verschlafen, holen derzeit aber auf.

Interview: Kevin Bublitz

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