Montag, 21.04.2008

Wortmann über deinfussballclub.de

Ein kleines Stück vom Kult

 München - Sönke Wortmann und Fußball. Dass das Konzept aufgehen kann, weiß man nicht erst seit dem Sommermärchen. Diesmal hat der Regisseur keine Kamera in der Hand, sondern die Werbetrommel. Es geht um einen Traditionsklub, es geht um ein innovatives Internet-Projekt.

Sönke, Wortmann, Fortuna, Köln
© Imago

Wortmann ist seit 3. April Mitglied Nummer eins der Community deinfussballclub.de, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, 30.000 Mitglieder zu generieren. Das Geld der User soll der in die fünfte Liga abgerutschten Fortuna Köln weiterhelfen und den Verein langfristig zurück in den bezahlten Fußball führen.

Zum Ausgleich für 39,95 Euro Jahresbeitrag dürfen die Mitglieder aus aller Welt dann per Abstimmungsverfahren Entscheidungen im Tagesgeschäft treffen und dem Trainer sogar bezüglich der Aufstellung auf die Sprünge helfen. Ein Konzept, das in England, Frankreich und Finnland bereits Erfolge gefeiert hat.

Sönke Wortmann bei SPOX.TV über das Projekt!

Für Wortmann eine innovative Idee, der er gerne seine Unterstützung zugesichert hat - allerdings nicht ohne anfängliche Skepsis. Im Interview mit SPOX.com erklärt der Regisseur, was die Faszination des Projekts ausmacht, wieso er an den Erfolg des Konzepts glaubt und was die Fortuna so einzigartig macht.

SPOX: Erste Frage: Warum die Fortuna?

Sönke Wortmann: Für mich war klar, dass es ein Verein sein muss, zu dem ich eine emotionale Beziehung habe. Da kamen im Amateurbereich eigentlich nur zwei, bei denen ich selber gespielt habe in Frage, und eben die Fortuna. Ich habe jahrelang in der Südstadt gewohnt, mein Büro ist heute noch hier. Außerdem hat mich die Jugendarbeit beeindruckt - die Fortuna hat eine der größten Jugendabteilungen Deutschlands. Die holen die Jungs und Mädels von der Straße, das ist gelebte Integration. Erst heute habe ich gelesen, dass die Kinder aus insgesamt 30 Nationen kommen.

SPOX: Waren Sie sofort Feuer und Flamme, als man mit der Idee an Sie herantrat?

Wortmann: Nein, am Anfang war ich eher skeptisch. Ich musste mich schon erstmal erkundigen, ob das Sinn macht. Immerhin steht da mein Foto auf der Startseite, da will ich dann auch voll dahinter stehen können. Ich habe aber auch nach langer Suche keine Haken finden können und insofern bin ich auch der festen Überzeugung, dass da keiner ist.

Sönke Wortmann (l.) erklärt SPOX-Redakteur Florian Bogner, wie der Hase bei deinfussballclub.de läuft
Sönke Wortmann (l.) erklärt SPOX-Redakteur Florian Bogner, wie der Hase bei deinfussballclub.de läuft
© fortuna köln

SPOX: Was genau ist Ihre Aufgabe als Mitglied Nummer eins?

Wortmann: Viel Arbeit ist bereits gemacht. Es ging darum, das Konzept erstmal vernünftig auf die Beine zu stellen. Die Idee kommt ja aus England und wir wollten erstmal dieses Konzept auf deutsche Verhältnisse übertragen.

SPOX: In wie weit haben Sie sich über das englische Pendant FC Ebbsfleet United informiert?

Wortmann: Ich habe mir genau erklären lassen, wie das läuft. Mir war gleich klar, dass deren Konzept, dass die Mitglieder auch Einfluss auf die Aufstellung nehmen können, keine gute Idee für uns ist. Wenn man erfolgreich sein will, muss der Trainer auch das Sagen haben - sonst tanzt ihm doch jeder auf der Nase rum. Insofern haben wir diese Funktion modifiziert, das können die Mitglieder bei uns nicht alleine bestimmen. Sie sind eher Co-Trainer.

SPOX: Wie schmal ist der Grat zwischen Bevormundung des Trainers durch die Mitglieder und auf der anderen Seite die Gefahr, dass sich der Nutzer nicht ernst genommen fühlt?

Wortmann: Das Projekt ist ja brandneu, das wird erst die Erfahrung zeigen. Ich bezweifle, dass 30.000 Leute unbedingt bei der Aufstellung mitdiskutieren wollen. Vielleicht sind es ja auch nur 150 virtuelle Co-Trainer. Die sollte der Trainer dann aber schon ernst nehmen und das wird er auch.

SPOX: Glauben Sie, dass die Deutschen eher für das Projekt empfänglich sind als die Engländer oder erwarten Sie hierzulande mehr Skepsis?

Wortmann: Schwer zu sagen. Ich glaube, es ist ähnlich. Das Projekt ist ja auch nicht deckungsgleich: Wir haben den Verein schon vorgegeben, in England konnte man mitsuchen. Ich fand das aber nicht richtig gedacht, weil, wenn es mich interessiert, ich mich anmelde und dann wird es zum Beispiel der VfB Lübeck, dann hätte ich auch gesagt: Was hab ich jetzt damit zu tun? Wir haben die Fortuna vorgeben und spielen damit mit offenen Karten. Dazu kann man jetzt eine Haltung haben.

SPOX: In wie fern ist es moralisch zu vertreten, dass man mit einem Internet-Spiel über echte Spieler in realen Strukturen mit echten Existenzen dahinter entscheidet?

Wortmann: Ich sehe da keine Moralfrage. Es gibt ja letztendlich keinen, der dabei leer ausgeht. Selbst wenn eine Vielzahl der User nach einem Jahr sagt, sie wollen nicht weitermachen, hat die Fortuna ja mindestens 900.000 Euro erhalten. Das sollte für den Aufstieg reichen. Man sagt immer, Geld schießt keine Tore, aber das stimmt ja nicht. Hast du Geld, kannst du bessere Spieler holen, hast eine bessere Mannschaft und du gewinnst öfter.

SPOX: Was macht den Charme der Fortuna aus? Immerhin ist sie nur der kleine Bruder - oder die kleine Schwester - des 1. FC Köln.

Wortmann: Genau das macht doch schon den Charme aus. Ich finde die kleinen mit ihrem Underdog-Image meistens viel charmanter als die großen Vereine. Sie sind auch deswegen charmanter, weil sie oft etwas chaotischer sind und deswegen auch mehr Fehler machen. Jean Löring war ja nicht Uli Hoeneß.

SPOX: Gutes Stichwort. Was verbinden und verbindet Sie mit dem langjährigen Präsidenten?

Wortmann: Er hat seine Leidenschaft gelebt, das war irgendwie bewundernswert. Für mich käme das aber nicht in Frage, mein Privatvermögen in einen Fußballverein zu stecken. Ich verstehe, wenn Leute 39,95 Euro zahlen, um bei unserem Projekt mitzumachen, aber nicht, wie man sein ganzes Geld in einen Verein stecken kann. Löring ist letztendlich finanziell daran gescheitert und musste Insolvenz anmelden. Auch den Trainer in der Halbzeit zu entlassen, finde ich nicht so klasse. Aber im Nachhinein war es natürlich eine weitere Episode, die zum Kultcharakter des Vereins beigetragen hat.

SPOX: Kann man mit diesem Projekt echte Vereinstreue erwecken?

Wortmann: Wieso nicht? Vielleicht ja auch erst im zweiten Schritt. Wenn die jungen Fans hier in Köln das erste Mal seit 35 Jahren wieder einen Aufstieg erleben, kann ich mir schon vorstellen, dass das bindet.

SPOX: Kennen Sie eigentlich einen aktuellen Fortuna-Spieler?

Wortmann: Nein, aber das wird einem Großteil der User am Anfang auch nicht anders gehen. Ich weiß bislang nur, dass eine Menge Studenten dabei sind. Ein Fernsehreporter, der hier vor Ort gedreht hatte, war begeistert, wie kultiviert die sich ausdrücken konnten, vergleichsweise.

SPOX: Werden Sie mit den Spielern sprechen?

Wortmann: Ich werde mich nicht aufdrängen, aber wenn die Spieler Lust haben, mal ein Kölsch trinken zu gehen, dann mache ich da sicherlich mit.

SPOX: Einige Medien haben dem ganzen schon den Begriff "Cybermärchen" gegeben. Glauben Sie an Märchen?

Wortmann: Natürlich glaube ich an Märchen. Aber die Dinge kann man erst im Nachhinein so benennen, das Etikett kommt erst hinterher drauf. "Wunder" oder "Märchen" sind Wörter, die man besser nicht zu oft benutzt. Also lieber erstmal den Ball flach halten.

SPOX: Wird es einen Film über die Fortuna geben?

Wortmann: Nein, erstmal nicht. Ich bin sowieso schon in einer Schublade, aus der ich nicht mehr rauskomme.

Interview: Florian Bogner

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