Mittwoch, 01.12.2010

SPOX-Blogschau

Nein Uli, jetzt hörst Du mir zu!

Einmal im Jahr können sich die Vereinsmitglieder zurückbeamen in eine Zeit, in der man gemeinsam mit den Profis in der Vereinskneipe saß und Meinungen getauscht hat wie Panini-Bildchen. Wer hätte gedacht, dass der Kapitalismus dem Fan seine Stimme zurückgibt? Die Blogschau freut sich.

Ab jetzt herrscht einseitige Funkstille, Uli. Hab ich mich verständlich ausgedrückt?
© Getty
Ab jetzt herrscht einseitige Funkstille, Uli. Hab ich mich verständlich ausgedrückt?

Wer hätte gedacht, dass der Kapitalismus uns einstmals den Stammtisch zurückbringt. In einer zwar sterileren, aber nicht minder spannenden Form. Versteht Ihr nicht? Kein Problem, ich habe gerade Zeit und erkläre es gerne.

Was wird nicht immer gejammert: Früher, da war der Kontakt zwischen Fans und Spielern noch da! Als die Fernseher noch Röhren hatten und der Designer der roten "ran"-Jeansjacke von Beckmann nicht mal geboren war, da war der Fußball noch nah an der Basis! Noch fünf Minuten vor Spielbeginn traf man sich in der Vereinskneipe mit den Spielern. Und wehe, der Dieter und Emma haben sich nicht reingehängt! Dann durften sie aber mal eben schön die erste Runde nach Abpfiff bezahlen und sich eine saftige Predigt von den Kiebitzen höchstpersönlich anhören. Mensch, das waren noch Zeiten!

Welch eine schöne Zeit. Schweiß, Schulterklopfen und Spitznamen. Die goldenen Jahre. Aber sie sind vorbei. Denn wann hört einem heute der Profi schon noch einmal zu? Eigentlich gar nicht, denn dafür müsste er ja die iPod-Kopfhörer aus den Lauschern ziehen oder das Smartphone vom schmuckvoll behängten Öhrchen nehmen. Wie gut, dass hier die unsichtbare Hand des Kapitalismus regulierend eingegriffen hat. Denn nur wegen ihr gibt es heute wieder einen Ort, an dem jeder Fan zu Wort kommt, jeder Einwand gehört wird. Die Jahreshauptversammlung.

Jetzt hat Frau Keller das Wort

Eine Art moderne Kabinenansprache. Nur dass vor Vorstand und Spielern nicht der Trainer, sondern Irmgard Keller aus Neubreisach an der Donau steht. Und ihr gehört jetzt das Wort. Unwiderruflich. Endlich kann der gemeine Fan wieder los werden, was ihm auf der Seele liegt. Der knackige Dreizeiler über die anbetungsvoll geschwungenen Lippen des Kaisers Franz Beckenbauer, die deftige Hasstirade über die blonden Strähnchen des ukrainischen Neueinkaufs und natürlich der mit der aufs Rednerpult niedersausenden Faust unterstützte Klassiker: "Früher, da wurde auf dem Platz noch mit Leidenschaft gekämpft!"

Spätestens bei diesem Zitat wird klar: Es gibt ihn wieder, den gemeinsamen Stammtisch mit den sportlichen Idolen. Einmal im Jahr. Denn dort wo der Fan auf ein in der Vergangenheit liegendes Paradies mit dem Namen "Früher" verweisen kann und der Vorstand ihm zuhören muss - dort ist der Fan zuhause. Was bleibt anderes zu sagen als: Dank der Borussia Dortmund AG, dass sie als Vorreiterin in Deutschland so etwas möglich gemacht hat. Wer verzichtet da nicht gerne auf seine Dividende?

 

Schöner hauptversammeln mit...

 "TOP 3 Bericht des Vorstands

Hier wird das letzte Jahr sportlich und finanziell Paroli laufen gelassen. Faustregel 1: Je monströser die Zahlengebilde sind (egal ob rot oder schwarz), desto beeindruckender für das Fanvolk. So lassen sich auch Verbindlichkeiten in dreistelliger Millionenhöhe geschickt als Investitionen in die Zukunft verkaufen (Zauberwort: "Genussscheine"). Faustregel 2: Die sportlich dürftige Bilanz (Bundesliga Platz 11, Pokalaus in der zweiten Runde) werden durch die Heldentaten der D-Jugend (Sieger im Sparkassen-Cup, Stürmer Kevin mit 108 Pflichtspieltreffern ist bald reif für die erste Mannschaft) und den ebenso vagen wie unzutreffenden Verweis auf die "tolle Stimmung im Stadion" aufhübschen. Faustregel 3: Der Ton macht die Musik. Ansprachen auf JHV's unterscheiden sich im Grunde nicht von Bierzeltreden. Ergo: Je lauter, desto richtiger (vgl. Hoeneß, Uli)."

Mauertaktik: Was ist eigentlich... eine JHV?

 

Eine Tabelle, in der van Gaal nur in die Europa League kommt

"Nun sollte man van Gaals Trainerkarriere nicht auf seine Zeit bei Ajax reduzieren, doch diese Jahre waren für ihn als Trainer prägend. Die guten Erfahrungen, die er mit den jungen Spielern in Amsterdam machte, ließen ihn in seiner Trainerlaufbahn immer wieder auf den Nachwuchs setzen. Sie erklären, warum heute ein Spieler wie Xavi, der unter van Gaal seine ersten Versuche als Profi beim FC Barcelona machte, so positiv über ihn redet. Sie erklären, warum er einen Thomas Müller binnen eines Jahres zum Weltstar machte. Und sie erklären auch, warum er sich weiter auf junge Spieler verlässt, selbst wenn es ihm zeitweise den Ruf einbringt, er sei beratungsresistent. Ob nun Seedorf und Xavi oder Badstuber und Contento, die Namen haben für ihn nur eine untergeordnete Bedeutung.

Man kann van Gaal einiges vorwerfen: Seine Sturheit, seine Schroffheit, seine immer wieder anklingende Selbstgefälligkeit. Mangelnde Konsequenz gehört jedoch nicht dazu. Van Gaal steht für ein Modell, für einen Weg, für eine Art Fußball zu spielen. Dies hat er vielen anderen Trainern voraus. Er steht in dieser Liste nicht, weil er ein angenehmer Zeitgenosse ist (was ich auch gar nicht beurteilen kann und will). Er steht hier stellvertretend für den Jugendstil im Profifußball, für den seine jüngeren Bundesligakollegen Jürgen Klopp und Thomas Tuchel derzeit gefeiert werden. Auch wenn es im Geschäft Profifußball wenig Platz für Idealismus gibt wird van Gaal an seinen Prinzipien festhalten. Eine Niederlage gegen den Pragmatiker José Mourinho wirft ihn nicht um. Er wird auch bei den Bayern seinen Weg weitergehen und dabei entweder scheitern oder mit Alaba und Breno die Champions League gewinnen."

Meine Saison mit dem SVW: Meine Top 5 Trainer


Und der Freistoß wird Ihnen präsentiert von...

"Am Donnerstag werden die WMs 2018 und 2022 vergeben. Die FIFA macht mit dem Produkt pro Jahr etwa eine Milliarde Dollar. Ich finde, das reicht nicht. Bei Sponsoring und Fernsehübertragungen ist mehr drin. Ein Sieben-Punkte-Plan.

1. Im Grunde beginnt eine WM erst ab dem Viertelfinale. Vorher müht sich das Stimmvieh aus aller Herren Länder unter dem olympischen Motto: WM-Karten verticken ist alles. Daher wird die Fernseh-Übertragung um fünf Minuten zeitversetzt, damit misslungene Dribblings und Paraden des Torhüters auf der Spielkonsole nachgespielt werden können - so wie es die echten Spieler nicht hinbekommen haben. Das Spiel bekommt mehr Tempo und Tricks.[...]

3. Tore, die Verteidiger mühsam ins eigene Tor stolpern, werden nicht wiederholt. Stattdessen gib es zwei-minütige Live-Schaltungen vor die Großleinwand zu Hause.

4. Wir brauchen mehr Sponsoren. Bei Elfmetern und torgefährlichen Freistößen wird ein gesondert gesponserter Ball von adretten Damen aufs Spielfeld gebracht, die Ronaldos Waschbrettbrauch anlächeln. Wer den nicht hat, darf bei einer FIFA-WM keine Freistöße schiessen."

Das Werder-Fußball-Blog: Der FIFA-Kommerz - was man noch alles machen könnte


Bombenalarm in Berlin - auch bei der Hertha

"Es ist der Moment, als ich vor dem PC aufspringe und mein Oberkörper Olcay Sahans Bewegung auf das Tor zu sehr angespannt und verzögert mitmacht. Es ist ein Bild, dem Erklärung und Deutung noch lange fremd sind. Olcay Sahan läuft mit dem Ball auf das Berliner Tor zu. Noch hat er einen Gegenspieler. Srdjan Baljak sprintet links von ihm herbei. Aber ist er nicht viel zu schnell für den ablegenden Pass? Nein! Baljak nimmt den Ball auf und mit, schießt und trifft ins Tor. Jaaa! Ja! Ja!

Fünf Minuten vor Spielende das 2:0, das wird reichen für den Sieg bei Hertha BSC Berlin, bei dem Verein, der es wagt, auf seiner Webseite die eigene Zweitligazeit in dieser Saison herunterzuzählen. Wirkt das nicht viel zu siegessicher? Oder ist das einfach nur selbstbewusst? Ist diese ablaufende Zeit Ansporn oder Druck? Uns aus Duisburg kann es eigentlich egal sein, aber angesichts des gestrigen Spiels von Hertha BSC Berlin wirkt diese ablaufende Zeit auf mich eher wie eine Uhr im Action-Thriller, die den Zuschauern zeigt, wieviel Zeit dem Helden noch bleibt, um die Bombe zu entschärfen. Fragt sich, wer der Held in Berlin sein soll, der die Explosion der Hertha verhindern wird."

Zebrastreifenblog: Versuch sich auch mit geschriebenen Worten heillos zu freuen

 

Hallo? Ist dort Japan?

"Zufällig lernte ich über Twitter Yumiko kennen. Yumiko ist Anhängerin der Königsblauen. Das wäre an sich ja nichts Ungewöhnliches, wohnte sie nicht in Japan. In der Hauptstadt Tokyo, um es genau zu sagen. Ich fragte sie, ob sie sich für ein Blog-Interview zur Verfügung stellen möchte. Sie erklärte sich dazu bereit. Weil ich in einem Interview mehr als die Beantwortung eines Fragenkataloges sehe, dauerte es schließlich fast zwei Wochen. [...]

Was hat dich an Deutschland interessiert? Warum hast du dieses Abenteuer auf die genommen?

Ich habe es einzig und allein getan, um Schalke spielen zu sehen. Deutsch zu lernen, war da nur eine Nebensache. Ich bin in der Saison 2006/2007 Anhängerin der Schalker geworden. Ich weiß gar nicht, wie das genau passiert ist. Ich denke es war Liebe auf den ersten Blick: die Stimmung, die Fans und das Stadion. Als ich dann in Deutschland war, habe ich versucht, so viele Schalke-Spiele wie möglich zu sehen, nicht nur in der Bundesliga. Ich besuchte auch Spiele der Zweiten Mannschaft und der Jugendteams. Es war eine wunderschöne Zeit, die ich niemals vergessen werde.[...]"

Schalkefan: Big in Japan?

 

Immer mitten in die Fresse rein

"Arthur Abrahams vernichtende Niederlage gegen Carl Froch im Super Six Turnier ist nicht der Auslöser. Es ist auch nicht der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Es ist vielmehr der Moment, in dem es auch dem letzten Berufsoptimisten bewusst werden muss:

Das deutsche Profiboxen befindet sich schnurstracks auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit. War Deutschland lange für den Boxsport noch eine Insel der Glückseligen, die weitgehend unbeeindruckt von der internationalen Krise des Pugilismus Megaevent um Megaevent erfolgreich abhalten konnte, dürfte nun auch der Abstieg nicht mehr zu verhindern sein."

Sportmedienblog: Das Ende des deutschen Profiboxens

 

Guerrero: Der Thomas Müller des HSV

"Gegen die Kraichgauer nun lieferte Guerrero auf der linken Flanke ein derart unspektakuläres, aber laufintensives Spiel ab, dass die zunächst gerade physisch extrem überlegenen Hoffenheimer langsam zermürbt wurden. Durch einen unglaublichen Kraftakt gewann der HSV durch ein spätes Tor des Stoßstürmers Mladen Petric mit 2:1. Alle huldigten der kroatischen Diva, Guerrero hatte uneigennützig die Drecksarbeit verrichtet.

[...] Er ist der Thomas Müller des HSV, auf jeder Offensivposition einsetzbar - und er verrichtet sie ohne zu Murren. Und was hat dies mit seinem Charakter zu tun? Ganz einfach: Ein derartiger Teamplayer, der nie eine Position für sich einfordert, auch auf der Bank im Vergleich zu anderen Protagonisten eher kleinlaut ist und auf dem Feld immer Eigeninteressen hinter den Dienst an der Mannschaft stellt, kann kein ferngesteuerter Egomane sein, als der Guerrero oft dargestellt wird."

Blog trifft Ball: Troublewashing for the brainmaker

 

Hertha und der BMW in der Garage

"Wenn ich mir nur 'nen Opel leisten kann, dann kann ich mir eben kein BMW in die Garage stellen. Wenn es nur für ne 2-Zimmerwohnung reicht, kann ich mir keine Loft Wohnung kaufen. Möglichkeiten realistisch erkennen und diese auch annehmen und sich zu ihnen bekennen. Aber Hertha will mit aller Macht nicht zu den Opel fahrenden 2-Zimmer Bewohnern zählen und versucht zu kaschieren, indem man sich nicht nur den BMW sondern auch gleich noch den Daimler in die Garage stellt.

Da verbrät man jetzt schonmal Sponsorenvorschüsse der nächsten Saison (die man ja dann in Liga 1 wieder reinholt *hust) oder ködert das ohnehin schon teure Personal mit Zusagen einer Gehltserhöhung im nächsten etwaigen Erstligajahr. Wenns dann mit dem Aufstieg tatsächlich klappen sollte bleibt natürlich wieder kein Gewinn übrig. Schuldentilgung wohl auch nicht. Dann zahlt man erstmal den teuren Aufstieg ab. Ja und was wenn ... wenn man den Aufstieg tatsächlich verpeilt? Alles kein Problem sagt Ingo Schiller."

Berlinderby-Blog: Eine kleine Zwischen"bilanz" (sic!)...

 

Hannover zu erfolgreich für die Zuschauermassen?

"Gewinnt man in Gladbach, dann hat 96 nach 15 Spieltage soviele Punkte wie in der letzten Saison nach 32 Runden. Die Euphorie könnte dann langsam geschürt werden, damit zum Heimspiel gegen den VfB Stuttgart mehr Zuschauer kommen als zum Spiel gegen den Sportclub. 34 108 Zuschauer sind eine recht dürftige Zahl für einen Verein, der Woche für Woche kämpferisch gute Leistungen zeigt und immer öfter auch spielerisch überzeugt. Dann können noch mehr Leute jubeln, wenn Konstantin Rausch noch in der 88. Minute die linke Seite entlang sprintet, um für Mike Hanke aufzulegen."

Reeses Sportkultur: Zeuge Hannovas XII: Höhenflug ohne Euphorie

 

Was man außerdem unbedingt lesen sollte:

Manche Watschen lässt sich auch im Nachhinein noch taktisch begründen. Dürfte so manch einer nach einer plumpen Anmache im Bierzelt schon am eigenen Leib erfahren haben. Nicht anders geht es vermutlich Jose Mourinho. Wer bei in der Verbindung von "VIP-Lounge" und "VfL Bochum" ein Oxymoron erkennt, sollte sich dringend diesen Blogbeitrag durchlesen. Möglich, dass danach von einer Tautologie zu sprechen ist. Abschließend noch eine Preisverleihung. Der Award für die beste Überschrift geht eindeutig an: "Schalke essen Seele auf".

 

Die nächste Blogschau erscheint wie gewohnt am nächsten Mittwoch, den 08. Dezember. Alle früheren Ausgaben finden Sie im Blogschau-Archiv oder unter http://www.spox.com/blogschau

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Max-Jacob Ost

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