Schluss mit dem Laientheater!

Von Max-Jacob Ost
Mittwoch, 14.07.2010 | 14:00 Uhr
"Herr Richter, ich hab diesen Mann noch nie gesehen!" - Laienschauspiel mit Cristiano
© Getty

Der Vorhang ist gefallen. Die WM ist vorbei. Taktische Neuerungen? Fehlanzeige. Dafür Schauspielkünste, die selbst den Darstellern von RTL-Dokusoaps Tränen in die Augen treiben. Das Beste aus den deutschen Sportblogs - in der Blogschau.

Schluss, aus, die WM ist vorbei! Endlich, wie die meisten wohl anfügen würden. Ganz Unrecht haben sie damit nicht. Denn schön war sie irgendwie nicht, die WM. Hitzefrei und Eiskaffee - das ist schön. Aber Algerien-England oder Japan-Paraguay? Dann doch lieber eine Woche lang mit Mitgliedern des Hyperhidrose-Verbandes ICE fahren.

Dazu passend erinnerte das WM-Finale in weiten Teilen an eine Mischung aus Wrestlemania und Völkerball. Es hat nur noch gefehlt, dass Howard Webb sich einen Stuhl reichen lässt und Nigel de Jong direkt einen überzieht, während dieser verzweifelt mit den Händen einen Ball darstellt. Wobei das ja wieder ganz lustig gewesen wäre - hätte also auch nicht zu diesem Finale gepasst.


Die vielleicht wichtigste Erkenntnis der WM hat deshalb auch nichts mit taktischen Dingen zu tun. Nein, der moderne Fußball schlägt eine andere Richtung ein. Und wie einst beim Catenaccio kommt dieser Trend wieder aus dem guten alten Italien.

Besonders deutlich sichtbar in einer der fünfhundert WM-Zeitlupen im Anschluss an ein Foul: Noch im Fallen wirft der soeben tödlich verletzte Spieler einen flehenden Blick in Richtung Schiedsrichter, greift sich an Kopf, Schenkel, Familienjuwelen gleichzeitig und röchelt vor sich hin: "Spielt die Halbzeit alleine fertig und lasst mich hier sterben. Was zählt... ist die Mission!"

Funkemariechen auf Bananenschale

Dumm nur, dass gleichzeitig der auf fahrlässige Tötung angeklagte Gegenspieler erst mit der berühmten Häschen-Hüpf-Geste eine Schwalbe andeuten will, dann manisch einem unsichtbaren Schuljungen vor sich den Kopf streichelt und dazu unschuldig flötet: "Ball gespielt! Ball gespielt!", bis er sich endgültig eines Besseren besinnt und sich wie ein Funkemariechen auf Bananenschale zu Boden fallen lässt, um dort schmerzverzerrt einen Ellbogenschlag anzudeuten.

Die Konsequenz daraus? Von Weiterspielen bis zum Platzverweis für sämtliche Spieler auf dem Feld war bei dieser WM alles dabei. Was irgendwie tröstet und die Schiedsrichterdiskussion beruhigen sollte. Denn irgendwie wird das Laientheater dadurch auch wieder spannend, oder?

Erstaunlich, dass keiner der Blogger diesen Standpunkt vertritt. Aber die haben ja eh ihren eigenen Kopf. Es folgen deshalb weitere Rückblicke auf die WM. Zwar weniger fundiert, aber dafür mit der stilistischen Anmut der Nackenfalten von Howard Webb. Hat auch was.

WM-Finale: Holzhacker-Holländer

"Mit Worten wie "armselig", "erbärmlich", "widerlich", "ekelhaft" und "skandalös" warf sky-Kommentator Marcel Reif im Zusammenhang mit dem Holzhacker-Auftitt der Holländer nur so um sich - und er hatte mit jedem einzelnen damit absolut Recht. Noch schlimmer ist es allerdings, dass sich Oranje nach dem Spiel ausgerechnet auf Schiedsrichter Howard Webb ausredeten. Das einzige, was man dem Engländer vorwerfen muss ist, dass er nicht schon viel früher angefangen hat, Holländer vom Platz zu stellen.

Was das Spiel selbst angeht sind die Spanier ohne jeden Zweifel der verdiente Sieger, weil sie diejenige Mannschaft waren, die zumindest versuchten, ein Fußballspiel zu absolvieren und sie haben sich von der Brutalo-Gangart der Holländer praktisch nicht aus der Fassung bringen lassen. Mit der Ruhe, welche die Spanier schon im ganzen Turnierverlauf auszeichnete, wartete die Seleccion geduldig auf die Chancen, und letztlich wurde eine davon genützt."

Ballverliebt: Fußballer vs. Zerstörer

 

Spiel um Platz 3: Schmerzhaft gute Leistung

"Obwohl stark ersatzgeschwächt, reichte es nach hübschem Spiel zu einem Sieg. Und dennoch - genießen konnte man das kaum, denn es führte nur noch deutlicher vor Augen, wie seltsam anachronistisch jener Auftritt gegen Spanien tatsächlich gewesen war. Gegen die hatte Bundestrainer Löw im Gegensatz zu allen anderen Spielen der deutschen Mannschaft auf eine passive Haltung gesetzt, ab in die Defensive und auf Konter hoffen. Und so fehlt in der Liste der attraktiven Attribute, die dem Bundesverdienstorden für Herrn Löw hinterlegt sind, ein paar jener Eigenschaften, die eben auch für Deutschland stehen, zelebriert an jenem Tag: Vorsicht, Angst und fehlender Mut. Insofern macht vielleicht gerade dieses eine Spiel, das anders war, und in dieser Andersartigkeit so unheimlich vertraut, einen großen Orden am Ende noch besonders schlüssig."

Freitagsspiel: Bundesverdienstordentlich

 

WM-Rückblick: Paul war schuld. Also der mit dem Afro

"Wir halten uns da lieber an die herrschende Meinung: Paul war schuld. Nein, nicht der launische Tuntenfisch mit den unkalkulierbaren Fressvorlieben. Sondern Paul Breitner, der neunmalschlaue Gernegroß mit der Lizenz zum Dauerklugscheißen, der kurzlebigste Nationaltrainer, seit Loddar nur noch Bundesliga will! Potato Fritz mit der Mao-Bibel, er allein hat uns das Halbfinal-Aus eingebrockt. Denn wer hat in Spanien gespielt, auf Spanien als Weltmeister getippt und verfügt zudem über die Aura eines andalusischen Krakenzüchters? Und wem das argumentativ zu dünn ist, für den verweisen wir einfach auf Waldis WM-Club. Denn wer so gewissenlos ist, sich regelmäßig dem Promille-Panel anzuschließen, der muss für alles als Sündenbock herhalten. Matze Knop lassen wir demnach auch gelten."

Voegi: WMotionen VI

 

Die 10 Flops der WM

"7. Paul: Haben wir nichts Besseres zu tun, als den ganzen Vormittag zu warten, was so eine Krake veranstaltet? Scheinbar nicht, denn die ganze Welt hat zugeschaut, alle großen Nachrichtensender live berichtet. Und es war doch Fußball-WM. Und irgendwie werde ich das Gefühl ja nicht los, dass das SeaLife in Oberhausen dringend Geld braucht."

Medien-Sport-Politik: Ganz subjektiv - Die Tops und Flops der WM

 

DFB-Team: Zweimal einfach nur überragend

"Bereits vor Beginn der Weltmeisterschaft hatte ich offen bekundet, dass ich außer Spanien kein Team sehe, das Deutschland deutlich überlegen sei. Mit so einem begeisternden und mitreißenden Auftritt der Mannschaft von Joachim Löw allerdings hatte ich auch nicht gerechnet. Schon gar nicht nach der Vorrunde, die nahezu analog zur EM-Gruppenphase von 2008 lief: Mitreißender Auftakt, gefolgt von einer Niederlage, um sich letztendlich mit Ach und Krach in die nächste Runde zu spielen.

Doch was gegen England und Argentinien folgte, war einfach nur überragend. Zwei solche klare Siege, damit konnte einfach nicht gerechnet werden. Schade, dass man am Ende kein wirksames Mittel gegen Spanien finden konnte. So war es nach 2006 wieder Platz Drei. In Anbetracht der vielen verletzungsbedingten Ausfälle ein tolles Resultat, wobei ich mir nicht sicher bin, ob man mit einem Kader in "Bestbesetzung" wirklich ähnlich aufgespielt hätte."

Abenteuer Fußball: Der Schlussstrich

Weitere interessante Rückblicke:

Mutu77: WM-Rückblick Gruppe A

Donluka: Falscher Einwurf - Zeugnis

 

Der Abstieg des italienischen Fußballs

"Ebenso wie Deutschland es in den letzten Jahre geschafft hat, seine eigene "Philosophie" des unschönen und uninspirierten Rumpelfußballs abzulegen, muss auch Italien versuchen zu begreifen, dass es nicht reicht, sich hinten rein zu stellen. Deutschland hat den Anschluss an die Moderne wieder erreicht. Bei der WM in Südafrika bewies die DFB-Elf, dass sie ein Spiel diktieren kann, wie in der ersten halben Stunde des Achtelfinals gegen England; und dass sie aus einer sicheren Abwehr heraus kontern kann. Die Squadra Azzurra dagegen geriet in allen drei Vorrundenspielen in Rückstand, den man nur zweimal in ein Remis drehen konnte, während das letzte Spiel verloren wurde. Somit belegte man als Titelverteidiger den letzten Platz in der Gruppe."

vanGaalsNase: Niedergang des Calcio Teil 1 und Teil 2

 

Teil 2: Fuss, Wurst, zwei Bullen und LeBron

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