Tennis

Jürgen Melzer im Interview - "Ich liege mehr auf der Bank als ich am Platz stehe"

Von Fritz Hutter
Jürgen Melzer hat in Moskau die Österreicher zum Lächeln gebracht
© GEPA

Als ehemaliger Top-10-Mann und Paris-Semifinalist zahlt Jürgen Melzer einen hohen Preis um auch mit 36 noch aktiv seiner großen Leidenschaft folgen zu können. Für die Karriere danach nimmt der Niederösterreicher unter anderem den Job des Daviscup-Captains ins Visier. Interview: Fritz Hutter (Sportmagazin).

tennisnet: Aus Schaden wird man ja angeblich klug. Konntest du von den in den letzten Jahren erlittenen "Schäden" an der Schulter und am Ellbogen irgendwie profitieren?

Jürgen Melzer: Tatsächlich habe ich extrem viel durchs Kommentieren gelernt, was ich ohne die Verletzungspausen ja nie gemacht hätte. Aus dieser Vogelperspektive kannst du um so viel besser analysieren. Und es relativiert sich alles. Mittlerweile bin ich einfach nur mehr froh, spielen zu können. Dadurch ist der Druck ganz ein anderer. Wenn ich daran denke, wie du unter Strom stehst, wenn, wie etwa bei Dominic Thiem, jede Woche verlangt ist, dass du Semifinale oder Finale spielst. Bei mir ist das jetzt ganz anderes. Es ist ein Genuss zu spielen und einige immer noch ärgern zu können.

tennisnet: Aber du strebst doch wieder an, drei Wochen im Monat zu spielen, oder?

Melzer: Durchaus, aber im Moment bin ich davon noch ein bisserl entfernt. Ich glaube, dass ich künftig einen 2:2-Rhythmus spielen muss, einen 3:1er-Rhythmus aber nicht mehr zusammenbringen werde.

tennisnet: Am letzten Davis-Cup-Wochenende warst du nicht der einzige erfolgreiche "Alte". In Valencia etwa haben sich die Herren Ferrer und Kohlschreiber ein sehenswertes Fünfsatzduell geliefert. Warum sind die reiferen Tennisstars von heute "jünger" als jene von früher?

Melzer: Weil professioneller gearbeitet wird. Viele Spieler reisen heute mit Physio und arbeiten einfach besser "mit ihrem Körper zusammen". Du hörst genauer drauf, und die Verletzungsprophylaxe ist viel wichtiger geworden. Und außerdem weißt du, dass selbst wenn ein unfassbares Jobangebot kommt, du das wahrscheinlich auch noch in drei Jahren machen kannst und genießt deshalb jeden noch verbleibenden Tag am Platz.

"Ich hätte drei Jahre meiner Karriere retten können"

tennisnet: Was ist der größte Unterschied zwischen dem Jürgen Melzer von heute und jenem von, sagen wir, 2012?

Melzer: Die Zielsetzung. 2012 habe ich noch Memphis gewonnen (Anm.: Finalsieg über Milos Raonic). Da war ich zwar schon am Rücken verletzt, hatte aber immer noch dieses Top-10- oder Top-15-Ziel. Ich habe sehr lange gebraucht, um zu akzeptieren, dass mein Körper einfach nicht mehr so funktioniert wie vielleicht bis 2010. Und ab dem Zeitpunkt, wo ich das kapiert habe, sind leider die Verletzungen gekommen. Hätte ich jenen Arzt, der mir den Rücken mit dem Bandscheibenriss in der Lendenwirbelsäule schmerzfrei gemacht hat, früher gefunden, hätte ich drei Jahre meiner Karriere retten können. Aber im Nachhinein ist man bekanntlich immer gescheiter.

tennisnet: Gibt es rein tennistechnisch gesehen etwas, das du heute besser kannst als zu deiner Primetime unter den Top-10?

Melzer: 2016 habe ich in der Vorbereitung den kurzen Vorhand-Cross gelernt. Mit meinem damaligen Coach Jan Velthuis bin ich da 20, 30 Minuten vor und nach jedem Training ins Kleinfeld gestanden und hab den geübt. Jan meinte damals, das ist ein Ball, der extrem wichtig ist, den ich aber nicht habe. Bis dahin habe ich immer alles lang hinten ins Eck gepfeffert. Klar ist mein Kurz-Cross jetzt noch immer nicht wie der vom Federer, aber ich habe ihn zumindest drauf. Auch vollieren werd ich heute technisch sicher besser. Da hat mir der Fredrik Rosengren (Anm.: 2017 von März bis zur Ellbogen-OP Anfang Oktober Melzer-Coach) im Vorjahr noch beigebracht, die leichte Schleife beim Ausholen zum Vorhandvolley wegzulassen und damit weniger aus dem Handgelenk zu vollieren. Mit sowas kriegst du mich im Training immer noch.

tennisnet: Siehst du schlechter?

Melzer: Nein.

"Das ist die Rechnung für 20 Jahre Profitennis"

tennisnet: Wie läuft es beim Socken anziehen?

Melzer: Das konnte ich schon mit 31 nicht mehr richtig. Das liegt einfach am Rücken. Wo mit 22 manchmal zwei Minuten Armkreisen gereicht haben, wärme ich heute für jedes Training eine Stunde auf und sitz danach noch ewig am Radl und dehne aus. Wenn ich heute kalt einen Sprint anziehe, weiß ich nicht, was zuerst abreißt. Das ist die Rechnung für 20 Jahre Profitennis. Irgendwann wird einfach der immer größere Aufwand meine Karriere beenden.

tennisnet: Du bist nun seit einem Jahr Vater eines, wie man hört, bereits sehr agilen Sohnes. Auch für ihn willst du sicher fit sein und bleiben ...

Melzer:... genau deswegen spiele ich sicher nicht mehr so lange, dass ich im Rollstuhl runter vom Platz fahre. Das Leben danach wird einfach lässig. Schon jetzt geht mir das Herz auf, wenn der Kleine in der Früh aufsteht und er als Erstes zum Tennisschläger rennt und einen Ball herumrollt. Ich freue mich aber auf alles was kommt und es wär einfach blöd nichts davon mehr machen zu können, weil ich ein Jahr zu lange Tennis gespielt habe.

tennisnet: Hast du das Gefühl, noch etwas beweisen zu müssen?

Melzer: Nicht mehr. Vor allem macht mir Tennis, wie schon gesagt,noch immer sehr viel Freude - weil ich es einfach gut kann.

tennisnet: Verspürst du wirtschaftlichen Druck?

Melzer: Es ist nicht so, dass ich nie wieder etwas machen muss, aber ich hoffe, dass ich mir einmal aussuchen kann, was ich mache. Ich wollte mir einmal ein schönes Haus bauen und auch dafür habe ich Tennis gespielt. Diesen Traum konnten meine Frau (Anm.: Ex-Schwimmerin Fabienne Nadarajah) und ich uns nun erfüllen, und ich freu drauf, wenn wir Ende August einziehen können. Aber ich bin kein materieller Typ. Ich brauche immer noch nicht das teuerste Auto und 37 Uhren, sondern es reicht mir, wenn ich mit dem Kleinen irgendwo reingehen kann und einfach einen Pulli für ihn kaufe, wenn er uns taugt. Auch wenn mein Tennis im Moment natürlich ein Minusgeschäft ist, verspüre ich am Platz keine Geldsorgen.

Seite 1: Jürgen Melzer über Tennis im reifen Alter, seinen Rücken und den richtigen Rücktrittszeitpunkt

Seite 2: Jürgen Melzer über Roger Federer, Feliciano Lopez und seine Pläne 2018

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