Bernhard Scheidl mit viel Aufschlag und wenig Tennis zum HTT-Wimbledonsieg 2018

Von Claus Lippert
Donnerstag, 12.07.2018 | 02:35 Uhr
© Hobbytennistour

Bernhard Scheidl hat am Mittwoch Nachmittag für eines der außergewöhnlichsten Comebacks in der Gesch...

Bernhard Scheidl hat am Mittwoch Nachmittag für eines der außergewöhnlichsten Comebacks in der Geschichte der Hobby-Tennis-Tour gesorgt, und mit dem Titelgewinn bei der 27. Auflage von HTT-Wimbledon ein nicht mehr zu erwartendes Ausrufezeichen in der Szene gesetzt. Der an Nummer 7 gesetzte Burgenländer, der im Vorjahr wegen einer rätselhaften Viruserkrankung fast acht Monate pausieren musste und zwischenzeitlich im HTT-Entry-Ranking bis auf Position Nr. 73 zurückgefallen war, schlug in einem außergewöhnlichen und äußerst Aufschlag intensiven Finale die Nummer 4 des Turniers, den amtierenden HTT-Australian-Open-Finalisten Philipp Jahn vom CTP Pötzleinsdorf in 2:04 Stunden Spielzeit mit 6:4, 6:4, 7:5, und beendete mit seinem ersten Triumph im Rasen-Mekka der HTT seine fast dreieinhalb Jahre andauernde Durststrecke ohne Titelgewinn. Für Scheidl war es nach dem bislang einzigen Turniersieg seiner Karriere im Jänner 2015 bei den HTT-Australian Open erst der zweite Titelgewinn. Den zweifelhaften Titel “one slam wonder” ist der 32jährige damit los, und zudem lacht der Serve & Volley Künstler vom Neusiedler See als neue Nummer 1 im “Race to La Ville” von der Ranglistenspitze der HTT-Jahreswertung 2018. Aus dem Wasserpark berichtet für hobbytennistour.at C.L

Vom Auslaufmodell und One Slam Wonder zum umjubelten und bestaunten 46. HTT-Grand-Slam-Sieger der Open Ära

Am Ende war er wohl über sich selbst überrascht. Die Kollegenschaft ist es in jedem Fall, denn Bernhard Scheidl galt vor dem in die Geschichtsbücher eingehenden 12. Juli 2018 in der Szene eigentlich als abgeschrieben, als Auslaufnodell, als “One Slam Wonder”. Von den Kollegen für sein exzellentes Serve & Volley zwar beneidet, in Sachen großer Titel aber kein Thema, wurschtelte sich der mittlerweile 32jährige in den vergangenen dreieinhalb Jahren durch den Circuit, musste Tiefschläge und bittere Niederlagen einstecken, und sich im vergangenen Jahr fast acht Monate mit einer rätselhaften Viruserkrankung herumschlagen. Bei 46 Turnierstarts ging Scheidl leer aus, in sieben Endspielen war er erster Verlierer, und in insgesamt 141 Matches versuchte der 32jährige mehr oder minder erfolgreich den Glauben an sich und einen zweiten HTT-Turniersieg aufrecht zu erhalten. Bis zum gestrigen Nachmittag des 12. Juli 2018, wo Scheidl eine grandiose Art der Wiederauferstehung gelang. Ausgerechnet bei seinem Jubiläums-Turnierstart Nr. 50 fand der burgenländische Tennis-Export Nr. 1 zurück in die Erfolgsspur und avancierte mit seinem 30. Saisoneinzelsieg zum 46. HTT-Grand-Slam-Champion der Open Ära.

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Er hat’s noch einmal getan – Scheidl beim aktuellen HTT-Wimbledon-Titel wie damals beim HTT-Australian-Open-Sieg 2015

Und irgendwie war man am Finaltag der 27. HTT-Wimbledon-Ausgabe an den Jänner 2015 und den Sensationstriumph von Bernhard Scheidl bei den HTT-Australian Open erinnert. Damals vor dreieinhalb Jahren sorgte ein unbekannter Burgenländer als Nr. 149 der HTT-Computer-Rangliste für Furore. Niemand hatte den Underdog auf dem Zettel, doch der stürmte mit permanent vorgetragenem Serve & Volley wie ein Wirbelwind durch das Tableau, räumte auf dem Weg ins Finale so arrivierte Gegner wie die damalige Nr. 1 Philipp Schneider, den späteren HTT-US-Open-Sieger Patrick Wiesmühler, oder Florian Kopf zur Seite, ehe er im Endspiel die Sensation mit einem Viersatz-Erfolg gegen Serbiens Superstar Vladimir Vukicevic vollendete. Und auch diesmal am ersten Juli-Wochenende des Jahres 2018, war der Weg zum unerwarteten zweiten Karriere-Titel scheinbar durch Hochkaräter der HTT-Szene verstellt. Immerhin wartete im Viertelfinale mit Lukas Prüger die Nummer 1, im Semifinale mit dem 3fachen HTT-Wimbledon-Sieger Vladimir Vukicevic der HTT-Rasenexperte schlechthin, und im Endspiel mit Philipp Jahn jener junge Mann, der sich in der laufenden Saison als konstantester Spieler auf Major-Ebene etabliert hatte, und der im Verlauf des 55. Saisonturniers den stärksten Eindruck hinterlassen hatte.

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Zweiminütiges Blackout kostet Jahn den ersten Satz

Doch dann kam am eigentlichen Finaltag der große Regen, und der sollte 24 Stunden später maßgeblichen Einfluss auf das finale Geschehen am Centercourt des TC Vienna 2013 haben. Zunächst einmal hatte der sechs Jahre ältere Scheidl einen Tag mehr Pause bekommen, und dann waren da natürlich die Bedingungen auf dem Platz, die sich durch den dienstägigen Monsterregen als untraschnell erwiesen. Kurzum: Der Platz war schnell wie noch nie, und wie geschaffen für Service-Giganten wie Jahn & Scheidl. Der Haken an der Sache: Returnspieler hatte nicht den Funken einer Chance. “Das macht keinen Spaß. Ich hätte eigentlich im Club bleiben, mir einen Ballkorb schnappen und Aufschlag trainieren können. Das wäre genau dasselbe gewesen”, polterte Jahn nach 0:2 Sätzen. Ja, die Rückschläger hatten in den knapp über 2 Stunden Spielzeit nicht wirklich viel zu bestellen und noch weniger zu lachen. Ein Break war eigentlich nicht möglich, außer der Aufschläger würde patzen. Und genau das passierte Jahn im dritten Game des ersten Durchgangs. Ein zweiminütiges Blackout mit drei Doppelfehlern kostete Jahn nicht nur den ersten Aufschlagverlust des Matches, sondern auch schon den ersten Satz, und das obwohl der 26jährige in der Folge alle seine folgenden Aufschlagspiele des ersten Heats zu Null durchbrachte.

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Jahn bringt sich zu Beginn der Sätze 2 und 3 mit einem jeweils frühen kassierten Break in Bedrängnis

Geschockt vom Satzverlust, handelte sich Jahn gleich im ersten Game des zweiten Satzes ein weiteres verhängnisvolles und viel zu frühes Break ein. Damit war Durchgang Nr. 2 bereits gelaufen, ehe er noch so richtig Fahrt aufnahm. Den einzigen Breakball Jahns in den ersten zweieinhalb Sätzen bei 2:1 abgewehrt, servierte sich Scheidl in der Folge in weiteren 38 Minuten zur 2:0 Satzführung. Wie chancenlos die Rückschläger an diesem Nachmittag waren, dokumentiert die Statistik, die nach dem umkämpften vierten Game zur 3:1 Führung Scheidls mit einer Ausnahme nur mehr zu Null gewonnene Aufschlagspiele der beiden Finalprotagonisten sah. Ein einziger Punkte war den beiden Finalisten bei Rückschlag gegönnt, und den holte Jahn im abschließenden zehnten Game nach einem misslungenen Scheidl-Volley. Das Jahn zu Beginn des dritten Satzes gleich im Eröffnungs-Game das selbe Malheur wie anfangs des zweiten Satzes unterlief, muss man dem 26jährigen kritisch ankreiden. Sowas darf einem Klassemann wie dem neuen Ranglisten-Sechsten nicht passieren, der gleich darauf bei 0:2 den vorzeitgen Todesstoß bei drei weiteren Break-Chancen Scheidls zum möglichen 0:3 gerade noch so verhindern kann. Der Burgenländer servierte sich aber weiter souverän, äußerst konzentriert und auf höchstem Level durch den dritten Satz bis zur 4:3 Führung, ehe sich im Finish die Ereignisse überschlugen.

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Im Finish überschlagen sich die Ereignisse und Jahn lässt sogar drei Satzbälle aus

Mehr als zweieinhalb Sätze lang hatte Jahn als Rückschlager nicht den Hauch einer Chance und gerade einmal eine einzige Break-Chance auf dem Schläger. Doch plötzlich – quasi aus dem Nichts – ging für den scheinbar schon geschlagenen Jahn eine Tür zurück in dieses HTT-Wimbledonfinale auf. Scheidl patzte mit seinem zweiten Doppelfehler, einem seltenen Volley-Fehler und wurde mit einem zu Null kassierten Break zum 4:4 bestraft. Scheidl kam kurz aus dem Tritt, während Jahn mit seinem ersten Break Oberwasser bekam. Ass Nr. 11 ebnete dem 26jährigen Pötzleinsdorf-Star die 5:4 Führung, und auf einmal spielte der HTT-Australian-Open-Finalist sein bestes Tennis. Drei sensationelle Return-Winner schüttelte Jahn aus dem Handgelenk, und plötzlich war sie da, die dreifache Gelegenheit zum Satzgewinn. In dieser Phase brauchte sich Jahn dann keine Vorwürfe machen, denn Scheidl wehrte den Triplepack an Satzbällen in unnachahmlicher Weise mit zwei Service-Winnern und einem prächtig getimten Volley ab. Statt Satz Nummer 4 zu eröffnen, musste Jahn den Schock dreier vergebener Satzbälle verdauen, und das gelang nicht mehr. Die Doppelfehler Nr. 9 und 10 verhalfen Scheidl zum entscheidenden letzten Break, das er in der Folge ohne zu zittern bestätigte. 6:4, 6:4, 7:5 nach 124 Minuten, mit einem Service-Winner und Punkt Nr. 99 fixierte der 32jährige den lange erträumten zweiten HTT-Grand-Slam-Titel seiner Karriere.

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Viel Aufschlag und wenig Tennis

Es war kein episches HTT-Wimbledon-Finale wie z.B. jenes 2012 als sich der Neuseeländer Ari Davis und Serbiens Topstar Vladimir Vukicevic in über 5 Stunden und 5 Sätzen duellierten, es war aber ein so in dieser Form wohl noch nie gesehenes und von den Aufschlägern dominiertes Endspiel. Eine spezielle Angelegenheit, wie auch die Matchstatistik von hobbytennistour.at belegt. 110 Winner hatten Scheidl und Jahn gemeinsam produziert, zu 85 Prozent durch Punkte nach dem Service. Viel Aufschlag und wenig Tennis also, wie auch der Sieger im Interview bestätigte: “Wir haben beide großartig serviert. Am Ende haben ein paar wenige Punkte und Momente entschieden. Der Schlüssel zum Erfolg war aber meiner Meinung nach soviele Returns wie möglich ins Spiel zu bringen. So musste mein Gegner für jedes Aufschlag-Game arbeiten, und irgendwann macht man dann halt auch Fehler”, so der Sieger, der seinen HTT-Wimbledon-Triumph um einiges höher einschätzt als seinen HTT-Australian-Open-Sieg von 2015. “Er ist viel mehr wert, weil ich auch sehr lange auf diesen zweiten Sieg warten musste. Ich habe über die Jahre hinaus auch gemerkt, wie schwer es ist, ein Turnier auf der HTT zu gewinnen. Die Dichte ist wahnsinnig und man braucht sicher auch Glück um einen großen Titel zu holen. Ich freue mich auch deshalb sehr über meinen Sieg, weil es wieder ein Erfolg bei einem größeren Turnier war. Ich denke ich bin ein Spieler für die großen Matches”, strahlte der frischgebackene HTT-Wimbledonsieger.

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