Tennis

Nico Langmann – „Ich weiß, dass ich davon noch viel mehr haben will“

SID
ITF - Dominic Thiem und Nico Langmann
© (c) Facebook

Die neue österreichische Nummer eins im Rollstuhltennis im exklusiven Gespräch mit tennisnet.com.

Für Nico Langmann überschlagen sich gerade die Ereignisse. Neben zwei Turniersiegen in Serie übernahm der 19-Jährige nach 25-jähriger Regentschaft von Martin Legner die Nummer-eins-Position im österreichischen Rollstuhltennis. Und so ganz nebenbei wurde es am 23. Mai amtlich: Der Ausnahmesportler hat sein großes Ziel erreicht und sich für die Paralympics 2016 in Rio de Janeiro qualifiziert. Also mehr als genug Gründe mit dem sympathischen Wiener ein Gespräch zu führen.

Hallo, Nico! Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, auch während des World Team Cups in Tokio, mit uns zu sprechen. Die positiven Ereignisse in deiner Karriere überschlagen sich ja derzeit. Gehen wir das Ganze einmal chronologisch an. Wie war für dich der Start in die Saison? Du hast ja gewusst, dass du Resultate bringen musst, für dein großes Ziel Rio 2016.

Es war eigentlich ein komischer Einstieg. Für mich war das Jahr 2015, ohne übertreiben zu wollen, grandios. Ich hatte eine enorme Leistungssteigerung gegen Ende des Jahres. Im Oktober habe ich beim österreichischen Masters gespielt, wo die besten acht Österreicher noch einmal gegeneinander gespielt haben. Im Finale bin ich gegen die heimische Legende Martin Legner angetreten und habe nach drei vergebenen Matchbällen die Partie noch verloren. Trotzdem oder gerade deshalb war ich voll motiviert und habe bei den darauffolgenden Staatsmeisterschaften in Dornbirn innerhalb von 42 Minuten mit 6:0, 6:1 gegen Herrn Legner gewonnen. Das war mein erster Sieg gegen ihn, und daraufhin war ich so motiviert und hab’ so gut trainiert, dass ich beim letzten Turnier des Jahres in Prag Gaetan Menguy, die damalige Nummer 26 der Welt, mit 6:1, 6:1 rausgenommen habe. Danach habe ich zwei Monate enormen Aufbau gemacht, hab’ viel an Muskelmasse zugelegt, war voll im Plan, hab’ super trainiert in der ‚Tennis-Zone-International’, bei Roland Berger und Werner Eschauer. Mit im Team war übrigens auch Mario Kargl (Anmerkung: Weltmeister und Olympiamedaillen-Gewinner im Gehörlosentennis) , Dann bin ich nach Israel geflogen zum ersten Turnier und bin in der zweiten Runde kläglichst am Ungarn Roland Nemeth (ITF 52) gescheitert.

Okay, das Ergebnis sieht aber nicht so dramatisch aus, immerhin hast du erst im dritten Satz im Tiebreak verloren.

Ja, aber vom Spiel her war es einfach schlecht. So arrogant das klingen mag, das waren einfach nicht die Ansprüche, die ich an mich selbst habe. Danach habe ich wieder viel trainiert, bin nach Manchester geflogen und habe dort sogar gleich in der ersten Runde verloren, gegen denselben Gegner, den ich im November in Prag noch mit 6:1, 6:1 besiegt hatte. Ich war frustriert, bin im Ranking immer weiter gefallen, habe keine Punkte gemacht. Es war einfach eine seltsame Situation, ich hatte den Anschluss extrem verloren. Im März, bei einem Turnier in der Bretagne, habe ich dann wieder begonnen halbwegs gut zu spielen. Vor dem Viertelfinale gegen den Marokkaner Lhaj Boukartacha (ITF 57) hatte ich mir aber eine Lebensmittelvergiftung eingehandelt und musste mich die ganze Nacht durch ständig übergeben. Um 9:00 Uhr in der Früh war mein Match angesetzt, um 7:00 Uhr hatte ich das letzte Mal erbrochen. Dann hat meine Mutter einen Tee gemacht, der unten geblieben ist, und dann dachte ich mir: ‚Okay, dann kann ich auch Tennis spielen.’ Ich habe die Partie im dritten Satz im Tiebreak nach einem abgewehrten Matchball gewonnen, obwohl mir die ganze Zeit im Match schwindlig war. Aber ich habe es geschafft. Und dann dachte ich mir: ‚Also wenn du so gewinnen kannst, dann kannst du auch normal gewinnen.’ Und von da an ging es wieder steil bergauf.

Das heißt, so unangenehm es auch war, irgendwie war es auch eine Art Initialzündung.

Ja, wirklich. Im Nachhinein war es sehr positiv. Die Woche darauf habe ich in Karvina, in Tschechien an der polnischen Grenze, das Finale erreicht. Ich habe dort gute Matches gespielt und gute Punkte gemacht. Aber dann folgte auch schon der nächste Rückschlag – eine Sehnenscheidenentzündung. Ich konnte die Hand schlecht bewegen, konnte sie kaum belasten. Da habe ich gemerkt, wie wichtig die Hände als Rollstuhlfahrer sind. Es war wirklich deprimierend, ich konnte mich nicht vom Rollstuhl ins Bett bewegen, konnte nicht ohne Hilfe unter die Dusche. Das hat dann drei Wochen gedauert, bis das halbwegs auskuriert war. Gespielt habe ich anfangs noch mit einer Bandage, bin dann nach Saargemünd in Frankreich  gefahren und habe dort im Finale gegen die Nummer zwei der Welt, Nicolas Pfeifer, wirklich aufzeigen können. Ich habe zwar nicht gewonnen, aber mein erstes Endspiel bei einem ITF-Series-3-Turnier (von der Wertigkeit vergleichbar mit einem ATP-World-Tour-250-Turnier; Anmerkung) erreicht und ein super Match geliefert. Ich habe zwar 4:6, 0:6 verloren, aber es war spannend. Und auch da habe ich gesehen, dass ich trotz schwieriger Bedingungen gut spielen kann.

Und so kommen wir sozusagen schon zur Gegenwart…

Genau. Ich habe dann zwei Turniere hintereinander gespielt (Buchlberg, Deutschland, und Albarella, Italien) bei denen ich jeweils Martin Legner im Finale geschlagen habe. Und mit diesen Siegen wurde ich die Nummer eins von Österreich. Nach 25 Jahren Regentschaft wurde Legner von einem „jungen Hupfer“ vom Thron gestoßen.

Du kannst natürlich nicht direkt in die Seele von ihm blicken, aber hattest du das Gefühl, dass es für Legner auch etwas Positives hatte, dass er sieht, dass da jetzt ein junger Österreicher nachkommt, der in Zukunft vielleicht auch ganz oben stehen kann?

Was den Martin auszeichnet, ist, dass er der fairste Sportsmann ist, den man auf der Tour je gesehen hat. Wenn jemand Leistung erbringt und diese Leistung größer ist als seine, sodass er ihn schlägt, sagt er sofort: „Super gemacht, super trainiert, du verdienst das.“ Und das sagt er nicht nur so. Und das ist sicher auch ein Grund, warum er so lange so weit oben war, warum er Weltrekordhalter ist, mit den meisten Siegen auf der Tour, die Nummer drei der Welt war. Ich glaube, es bedeutet jetzt für ihn auch nicht so viel. Der hat so Spaß am Sport, ob er jetzt die Nummer eins oder die Nummer zwei in Österreich ist – der macht einfach trotzdem weiter. Außerdem freut es ihn sicher auch, dass aus dem eigenen Land was nachkommt. Das ist ja auch nicht so selbstverständlich. Er nimmt das alles sehr, sehr cool.

Mit den zwei Turniersiegen stehst du jetzt auf Nummer 28 der Weltrangliste…

Ja, genau. Und am Montag, dem 23. Mai, war nun Stichtag für Rio 2016. An diesem Tag musste man unter den Top 34 der Welt stehen, um ein Ticket für die Paralympics in Brasilien zu bekommen. Und das Ziel habe ich, ja, sagen wir, halbwegs klar geschafft.

Naja, sechs Plätze sind schon ein ordentliches Polster. Nicht annähernd so knapp, wie der am selben Tag entschiedene Bundespräsidentschafts-Wahlkampf. Aber wie gehst du mental mit diesem Druck um, wenn du weißt, jetzt geht es um die österreichische Nummer eins oder jetzt geht es um das Ticket für Rio? Da ist ja doch einiges zusammengekommen.

Das ist eine gute Frage. Das Mentale ist ja doch auch meist schwer zu beschreiben oder in Worte zu fassen – mit welchem Mindset man da jetzt reingeht, mit welchen Bildern man arbeitet, wie man sich da jetzt speziell motiviert. Zu dem Zeitpunkt, kann ich sagen, war ich inspiriert von der Idee, die Nummer eins zu werden. Ich hatte das Gefühl, dass ich meine ganze Karriere auf diesen Zeitpunkt hingearbeitet hatte. Wie ich klein war, war Martin Legner immer das große Vorbild. Mit zehn Jahren hat er mal mit mir Tennis gespielt, das war damals das absolute Highlight für mich. Dann hat er mir noch auf eine Kappe ein Autogramm gegeben, mit den Worten „Alles Gute“ – die Kappe ist bis heute bei jedem einzelnen Match in meiner Trainingstasche, als Glücksbringer. Und es war ironischerweise auch ein Glücksbringer gegen ihn. Der Siegeswille war bei dem entscheidenden Match in Italien besonders groß, ich wollte das einfach unbedingt schaffen. Zuerst dachte ich, ich muss das ausblenden, dass es um die Nummer eins geht, aber gleichzeitig wusste ich, dass ich mich nicht selbst belügen kann. Das hätte mich nur verkrampft. Ich habe die Situation akzeptiert, und das ist offensichtlich aufgegangen.

Beim ITF-Series-2-Turnier in Rom bist du gleich in der ersten Runde gegen Maikel Scheffers ausgeschieden, dennoch habe ich schon vor unserem Gespräch gehört, dass das Internazionali d’Italia ein ganz besonderes Turnier für dich war.

Rom war sozusagen das Genuss-Turnier. Meine Eltern waren dabei und mein Trainer. Ich bin zunächst hingefahren, hab’ es als ganz normales Turnier gesehen und hab’ nicht wirklich gewusst, was mich erwartet. Aber alleine schon wenn du in die Players Lounge reinkommst – du isst dort, plötzlich redest du mit Richard Gasquet, der dir erklärt, was in den Nudeln drinnen ist. Ich konnte gar nicht richtig zuhören, nicht einmal beim dritten Mal habe ich verstanden, was er gesagt hat, weil ich einfach nicht fassen konnte, was da gerade passiert. Die ganzen Vorbilder, die ich immer als Inspiration gesehen habe, sehen dich dort als ganz normalen Spieler, das ist so unglaublich schön. Und da habe ich gemerkt, dass es sich wirklich gelohnt hat, sich Tennis auszusuchen. Ich glaube, es ist keine Behindertensportart so gut integriert wie Tennis. Das ist das absolut coolste, denn genau so willst du deine Sportart betreiben. Ich habe einmal 2014 mit Andy Murray in der Stadthalle trainiert, und er konnte sich noch an mich erinnern. Wir haben ein wenig geplaudert und er war top informiert, wusste auch, dass jetzt für uns der World Team Cup in Tokio am Plan steht. Ich kann noch immer nicht ganz in Worte fassen, wie unglaublich cool das war. Ich weiß, dass ich davon noch viel mehr haben will, dass ich viel mehr dafür arbeiten will, dass ich das noch oft erleben darf.

Also die nächste Motivationsspritze…

Genau, du willst dann unbedingt auch unter den besten Acht stehen, damit du bei den Grand-Slam-Turnieren mitspielen kannst, und es so erleben, wie es die Spieler erleben, und nicht, wie die Zuschauer. Ich habe auch Dominic Thiem kennengelernt. Er hat sich vor dem Nishikori-Match aufgewärmt und ich habe mich daneben für mein Match aufgewärmt. Günter Bresnik habe ich schon von früher aus der Südstadt gekannt. Er hat uns miteinander bekanntgemacht. Wir haben dann gleich geplaudert und Fotos gemacht. Dominic ist wirklich ein ganz cooler und sympathischer Typ, das möchte ich unbedingt betonen. Er hat mich wirklich als ebenbürtigen Spieler gesehen. Auch beim Match selbst, das ich zwar verloren habe – aber immerhin gegen einen ehemaligen French-Open-Champion und den späteren Turniersieger –, waren zwischen 800 und 900 Zuschauer am Platz. Bei solchen Erlebnissen fühlt man sich wirklich als Tennisprofi.

Nach diesen erfolgreichen und turbulenten Wochen, was kommt jetzt als Nächstes auf dich zu?

Auch eine gute Frage. Meine Zukunftsplanung hat immer nur bis 23. Mai 2016 gereicht. (lacht) Nein, im Ernst: Jetzt kommt einmal der World Team Cup in Tokio, danach ein sechswöchiges Aufbauprogramm und dann streue ich noch ein, zwei Turniere ein, um wirklich top vorbereitet nach Rio zu fliegen. Die Austrian Open in Groß-Siegharts im Waldviertel sind auf jeden Fall Pflicht.

Was nimmst du dir jetzt konkret für die Paralympics in Rio de Janeiro vor?

Ich bin da ziemlich fad an dem olympischen Gedanken orientiert: Dabei sein ist alles. Ich genieße jeden einzelnen Moment und schaue, was dabei rauskommt. Ich will mir da jetzt auch keine konkreten Ziele stecken. Rio ist ein Meilenstein, auf den ich jetzt acht Jahre lang hingearbeitet habe. Und jetzt kann man es auch so sehen, dass es eine super Vorbereitung auf Tokio 2020 ist.

Kannst du eigentlich abschließend sagen, was für dich das ultimative Highlight der letzten Wochen war?

Ehrlich gesagt, wahrscheinlich wirklich das Erreichen der Nummer-eins-Position von Österreich. Vor allem nach so einem unglaublich guten Sportler, wie es Martin Legner ist. Das ist schon was ganz, ganz Besonderes.

Nico, danke für das Gespräch. Ich wünsch’ dir von Herzen alles Gute für deine nächsten Aufgaben!

Ich danke dir.

Das Gespräch führte Stefan Bergmann.

Anmerkung: Nach unserem umfangreichen Gespräch hat sich eine kleine Enttäuschung für Nico Langmann ergeben. Österreichs Nummer eins konnte beim World Team Cup in Tokio einen Abstieg in die Weltgruppe 2 nicht verhindern. Lediglich mit einem Rumpfteam nach Japan gereist, belegte Österreich am Ende den zwölften und letzten Rang. Somit spielt das Team des ÖTV im nächsten Jahr neben elf anderen Nationen um den Wiederaufstieg in die Top-Gruppe.

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