„Wir müssen uns fragen, welches Spiel wir sehen wollen“

Freitag, 31.07.2015 | 08:45 Uhr
© (c) Getty Images (Julian Finney)

Toni Nadal, Onkel und Trainer des 14-maligen Grand-Slam-Siegers Rafael Nadal, im ausführlichen Exklusivinterview mit tennisnet.com.

Es gab im Tennis nicht viele Spieler-Trainer-Gespanne, bei denen alles passte und sich die Zusammenarbeit über die komplette Karriere hinzog. Stefan Edberg und Tony Pickard sowie Gustavo Kuerten und Larri Passos sind zwei Beispiele. Die Beziehung zwischen Rafael Nadal und seinem Onkel Toni ist noch etwas spezieller, alleine schon aus familiären Gründen. Toni Nadal trainiert seinen Neffen, seitdem dieser zum ersten Mal zum Schläger gegriffen hat. Im Interview mit tennisnet.com spricht der 54-Jährige unter anderem über die sportliche Krise von Rafael, Zeitüberschreitungen und On-Court-Coaching.

Herr Nadal, Ihr Neffe Rafael hat 2003 im Alter von 16 Jahren das erste Mal hier am Hamburg Rothenbaum gespielt. Zwölf Jahre später ist er 14-maliger Grand-Slam-Sieger und der beste Sandplatzspieler aller Zeiten. Hätten Sie diese Entwicklung für möglich gehalten?

Als Rafael jung war, habe ich immer gedacht, dass er ein guter Spieler werden könnte. Aber niemals habe ich gedacht, dass er 14 Grand Slams und neunmal die French Open gewinnen würde. Ich habe früher Björn Borg gesehen, der sechsmal in Roland Garros gewonnen hat und ein überragender Spieler war. Es ist unglaublich, dass Rafael die French Open dreimal mehr gewonnen hat als Borg.

Die letzten zwölf Monate waren nicht einfach für Rafael. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

In diesem Leben musst du es akzeptieren, wenn du Probleme hast und nicht gut spielst. Die Wahrheit ist, dass Rafael nicht konstant genug war und nur wenige gute Matches gespielt hat. Einige Turniere haben das Selbstvertrauen von Rafael genommen. In Indian Wells hat er im Viertelfinale gegen Raonic drei Matchbälle nicht nutzen können, verloren und anschließend Probleme in Miami bekommen. In Madrid hat er bis zum Finale ein sehr gutes Turnier gespielt, im Finale gegen Murray war seine Leistung dann aber sehr schlecht. In Rom bei seiner Niederlage gegen Wawrinka hatte er im Tiebreak im ersten Satz mit 6:2 geführt und verloren. All das hat nicht dafür gesorgt, dass sein Selbstvertrauen besser wurde. Dadurch entstanden Druck und neue Probleme.

Rafael hat offen über mentale Probleme gesprochen. Wie wurde an diesen gearbeitet?

Zunächst einmal musst du akzeptieren, wo du stehst und genau wissen, was du verbessern musst. Wenn du wenig Selbstvertrauen hast, ist es nicht einfach. Die Vor- und Rückhand kannst du verbessern, aber die Arbeit im Kopf ist schwieriger.

Rafael wird immer wieder wegen der Zeitüberschreitung beim Aufschlag kritisiert und auch gelegentlich verwarnt. Welche Meinung haben Sie zur Zeitregel?

Rafael braucht zu viel Zeit. Das ist seine Schuld. Aber es ist unglaublich, dass früher nichts passiert ist. Seitdem das ATP-Board die Regel geändert hat, bekommt er in fast jedem Match eine Verwarnung, manchmal sogar auch zwei.

Finden Sie diese Regelauslegung fair?

Zum einen müssen wir uns die Frage stellen, warum das überhaupt passiert ist. Die Regel wurde auf Anraten einiger Spieler geändert. Zum anderen müssen wir uns fragen, welches Spiel wir sehen wollen. Wollen wir ein sehr schnelles Spiel sehen, wo es kein Winkelspiel gibt, oder wollen wir ein Spiel sehen, wo es viel Taktik gibt und die Spieler über ihre Schläge nachdenken? Damit muss sich die ATP beschäftigen. Ich glaube, die Zuschauer sehen es lieber, wenn der Ball öfter über das Netz fliegt. In manchen Fällen sind die Schiedsrichter aber auch nicht so strikt wie beim Zeitspiel. Ich habe es oft gesehen, dass Spieler unschöne Worte benutzen und nicht verwarnt werden. Rafael verhält sich immer sehr korrekt auf dem Platz. Es ist unglaublich, dass er mehr Verwarnungen kassiert als Spieler, die fluchen und Schläger werfen. In Estoril beispielsweise hatte Nick Kyrgios den Ball aus dem Stadion gefeuert und hätte nach zwei zuvor kassierten Verwarnungen eigentlich disqualifiziert werden müssen. Aber es ist nichts passiert.

Auf der WTA-Tour ist das On-Court-Coaching erlaubt. Auf der ATP-Tour gab es zuletzt auch Diskussionen darüber. Boris Becker wäre für das On-Court-Coaching. Wie stehen Sie zu diesem Thema?

Für mich ist das nicht so wichtig. Folgendes ist aber schlecht: Jeder Spieler hat normalerweise einen Trainer, für den er auch viel Geld bezahlt. Du nimmst deinen Trainer mit nach Australien, aber in den wichtigen Momenten darf er nichts sagen und machen. Jede Sportart hat eine Evolution. Im Tennis müsste es auch so sein. Das Tennis von heute ist nicht mehr mit dem von damals zu vergleichen. Ich würde nicht zwingend auf den Platz zum Coaching gehen, aber ich finde es schlecht, dass jeder im Stadion reden und etwas zum Spieler zurufen darf, nur nicht der Trainer. Ich kann nur applaudieren und ‚Vamos' rufen, aber nicht sagen: ‚Bewege deine Beine.' Das ist unglaublich.

Im spanischen Tennisverband gab es zuletzt einige Probleme. Viele Spieler sprachen sich gegen das Präsidium aus. Was ist genau vorgefallen?

Wir hatten Schwierigkeiten mit dem Präsidenten, der Probleme mit Geld hatte. Es gab darüber eine Untersuchung (Anmerkung: Verbandspräsident Jose Luis Escanuela war zunächst wegen fehlender Zusammenarbeit in Sachen Finanzen suspendiert worden und trat wenig später zurück.) . Dann gab es ein Problem mit Davis-Cup-Chefin Gala Leon Garcia. Die Spieler waren nicht zufrieden mit ihr. Das lag aber nicht daran, dass sie eine Frau ist, wie sie so oft erklärt hatte. Die beiden Personen haben leider nicht so gut über die Spieler geredet. Daher haben fast alle geschlossen gesagt, dass sie mit beiden nicht weitermachen wollen. Mit Conchita Martinez haben die Spieler kein Problem.

Wird Rafael unter dem neuen Präsidenten und Davis-Cup-Chefin Conchita Martinez in Zukunft im Davis Cup wieder zur Verfügung stehen?

Wenn Conchita sagt, dass sie Rafael für den Davis Cup braucht, dann wird Rafael auch dabei sein.

Glauben Sie, dass das Herrentennis Probleme bekommt, wenn Rafael und Roger Federer aufhören sollten?

Ja, das könnte passieren. Die derzeitige Situation ist schon sehr besonders. Das war es aber früher auch mit Björn Borg und John McEnroe oder mit Boris Becker in Deutschland. 2005 gab es einen überragenden Federer. Was ist passiert? Dann ist ein junger Rafael hinzugekommen. Die beiden hatten diese besondere Rivalität, vergleichbar mit dem Fußball zwischen Madrid und Barcelona oder Manchester und Liverpool. Federer mit dem sehr schönen Spiel und Technik, Rafael mit dem guten Kopf und Physis. Die beiden waren eine gute Kombination fürs Tennis. Und dann ist ein noch weiterer super Spieler wie Djokovic gekommen. Dass die drei fast alle großen Titel unter sich ausgemacht haben, war gut für den Sport. Weil du vor einem Turnier wusstest, dass du ein gutes oder auch spezielles Finale sehen wirst. Man muss sich nur anschauen, wie oft die drei gegeneinander gespielt haben. In der nächsten Generation sehe ich keinen, der so gut ist wie Djokovic oder Federer. Ich weiß nicht, ob Kyrgios, Kokkinakis , Coric oder Zverev die ganz große Konkurrenz sein werden. Es wäre jedenfalls gut fürs Tennis, wenn es so wäre.

Roger Federer wird in wenigen Tagen 34 Jahre alt und ist immer noch Weltranglisten-Zweiter. Glauben Sie, dass Rafael in fünf Jahren auch weiterhin auf diesem hohen Niveau spielen kann?

Das wird bei Rafael eine Frage der Lust und der Mentalität sein, ob er noch alles gewinnen will. Ich habe immer wieder gehört, dass Rafael eine kurze Karriere haben wird. Er war bereits mit 16 Jahren auf der Tour, er hat zehn Jahre in Folge mindestens ein Grand-Slam-Turnier gewonnen, er steht seit 13 Jahren in den Top 100. Wenn Rafael möchte, kann er auch mit 34 Jahren noch auf einem hohen Level spielen. Aber es ist nicht nur Roger Federer.

Tommy Haas zum Beispiel.

Genau. Tommy Haas hatte so viele Probleme und spielt immer noch auf einem hohen Niveau. 2013 hätte er mit 35 Jahren beinahe die Qualifikation für die ATP-WM geschafft. Dann gibt es noch David Ferrer , der mit 33 Jahren fast so gut spielt wie früher. Wawrinka ist mit 30 Jahren so gut wie nie. Die Zeiten haben sich geändert.

Ist das Einstellen bzw. das Brechen von Roger Federers Grand-Slam-Rekord immer noch ein großes Ziel?

Unser Ziel war es immer, das zu machen, was wir können und so gut wie möglich zu sein. Dass wir 14 Grand-Slam-Turniere gewonnen haben, ist unglaublich. Wir denken nicht über 17 nach, das ist weit weg. Aber ich weiß, dass Rafael spätestens im nächsten Jahr wieder so stark sein wird, dass er weitere Grand-Slam-Titel gewinnen kann.

Welchen Rat können Sie jungen Spielern, die eine Profikarriere anstreben, mit auf den Weg geben?

Ich mag generell Ballsportarten, wo Spieler mit Taktik spielen und auf dem Platz nachdenken müssen. Heute ist es im Tennis so, dass man bereits ein guter Spieler sein kann, wenn man gute Schläge hat, vor allem einen guten Aufschlag. In der nächsten Generation müssen die Spieler sehr aggressiv sein, aber die Kontrolle darf natürlich nicht fehlen. Wenn du zu viele Fehler machst, wird es schwierig.

Das Gespräch führte Christian Albrecht Barschel.

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