Das Duell für die Ewigkeit – John Isner gegen Nicolas Mahut

Vor fünf Jahren spielten John Isner und Nicolas Mahut in der ersten Runde in Wimbledon das längste Tennismatch aller Zeiten.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 24.06.2015, 12:02 Uhr

Von Christian Albrecht Barschel

Es war ein Spiel der Rekorde, in dem Tennis- und Sportgeschichte geschrieben wurde. John Isner und Nicolas Mahut spielten beim Wimbledonturnier 2010 das längste Tennismatch aller Zeiten. Worte für dieses epische Duell zu finden, sind schwer. Nach 11 Stunden und 5 Minuten besiegte John Isner Nicolas Mahut mit 6:4, 3:6, 6:7 (7) 7:6 (3), 70:68. Alleine der fünfte Satz wäre mit einer Spielzeit von 8:11 Stunden als längstes Tennismatch durchgegangen.

Noch nichts Ungewöhnliches am ersten Tag

Als John Isner und Nicolas Mahut am Dienstag, den 22. Juni 2010, den Court Nummer 18 in Wimbledon betraten, konnte noch keiner ahnen, dass beide Spieler Tennisgeschichte schreiben würden. Als ganz normales Erstrundenmatch in Wimbledon entwickelte sich die Partie in den nächsten Stunden und Tagen zum absoluten Klassiker und brach alle Rekorde im Tennis. Isner und Mahut galten vor der Partie aufgrund ihrer Aufschlagstärke als gute Rasenspieler. Die Zuschauer konnten also durchaus ein enges Spiel zwischen dem US-Amerikaner Isner (Nummer 19 der Weltrangliste) und dem Franzosen Mahut (Nummer 148 der Weltrangliste) erwarten.

Das Spiel begann schließlich auch wie jedes andere Tennismatch. Isner gelang im ersten Satz ein Break, das er bis zum 6:4-Satzgewinn transportierte. Im zweiten Satz schaffte Mahut ein Break – es sollte das letzte Break für eine lange Zeit gewesen sein – und gewann den Satz mit 6:3. Im dritten Satz brachten beide Spieler ihre Aufschlagspiele souverän durch. Der Tiebreak musste die Entscheidung bringen, den Mahut für sich entschied. Im vierten Satz das gleiche Spiel. Wieder ging es in den Tiebreak. Dieses Mal mit dem besseren Ende für Isner. Danach war Schluss. Die Partie musste nach knapp drei Stunden Spielzeit wegen Dunkelheit abgebrochen werden und wurde auf den nächsten Tag verschoben. Keine ungewöhnlich Situation im Tennis, aber gleichzeitig der Beginn eines epischen Dramas.

Kampf der Gladiatoren

Mittwoch, der 23. Juni 2010 in Wimbledon: am Tag als Tennisgeschichte geschrieben wurde. Isner und Mahut machen sich auf, um ihre abgebrochene Partie zu Ende zu bringen. Nur noch der entscheidende fünfte Satz musste gespielt werden. Das dürfte doch nicht lange dauern, dachten sich wohl auch die Zuschauer bei sommerlichen Temperaturen auf Court 18 in Wimbledon. Doch was die beiden Akteure auf dem „Heiligen Rasen" von Wimbledon den Zuschauern fortan boten, glich einem Kampf der Gladiatoren. Da der entscheidende fünfte Satz bei Grand-Slam-Turnieren im Tennis, abgesehen von den US Open, nicht im Tiebreak ausgespielt wird, musste also so lange gespielt werden, bis ein Spieler zwei Spiele Vorsprung hat.

Beide Spieler gaben sich bei ihren Aufschlagspielen keine Blöße und zeigten nicht die geringste Schwäche. Mahut hatte bis zu dem Zeitpunkt erst eine Breakchance im gesamten Match gehabt, die er auch im zweiten Satz nutzen konnte. Isner ließ in den vorangegangen Sätzen ein paar Chancen zum Break liegen. Im fünften Satz liefen beide Spieler jedoch zur Höchstform auf. Ass um Ass, Winner um Winner fabrizierten Isner und Mahut in regelmäßiger Abwechslung. Ein Ende war nicht in Sicht. Bei 10:9 hatte Isner den ersten Matchball, doch Mahut wehrte ihn ab. 10:10, 20:20, 30:30, es wurde immer epischer. Bei 33:32 vergab Isner zwei weitere Matchbälle, und das Match ging immer weiter.

Scoreboard schaltet sich zurück

Bei 47:47 war auch das Scoreboard mit dem Ergebnis überfordert und schaltete sich bei 50:50 auf null zurück. Mahut hatte dann bei 50:50 die ersten beiden Breakbälle seit dem zweiten Satz. Eine Tatsache, die an sich schon unfassbar ist. Doch Isner blieb cool und gewann sein Aufschlagspiel. Beim Stand von 58:58 gönnte sich Isner die erste Toilettenpause im Match. Obwohl sich der mit 2,08 Meter hoch gewachsene Isner schon seit Stunden quälend über den Platz schleppte und selbst bei seinem Aufschlag nicht mehr springen konnte, servierte er Asse wie am Fließband. Mahut wirkte dagegen noch recht fit und zeigte kaum körperliche Schwächen. Trotzdem musste der Franzose beim Stand von 58:59 den vierten Matchball abwehren, was ihm auch gelang. Danach war die Partie beendet - vorerst.

Das Match wurde wieder wegen Dunkelheit abgebrochen. Zehn Stunden Spielzeit standen um exakt 21:09 Ortszeit in Wimbledon auf der Uhr. Alleine der fünfte Satz am Mittwoch dauerte schon mehr als sieben Stunden. Zum Vergleich: Das bis dato längste Tennismatch unter Profis zwischen den Franzosen Fabrice Santoro und Arnaud Clement bei den French Open 2004 dauerte mit 6:33 Stunden eine halbe Stunde weniger als der bisherige fünfte Satz. Die Zuschauer wollten mehr von der epischen Schlacht sehen, skandierten immer wieder „We want more!“ und feierten beide Spieler mit Standing Ovations. Doch aufgrund der Dunkelheit war der zweite Akt beim längsten Tennismatch aller Zeiten beendet. Das Drama zwischen John Isner und Nicolas Mahut sollte also am nächsten Tag in einen dritten und letzten Akt gehen.

McEnroe: „Das war pures Heldentum“

Am Donnerstag, den 24. Juni 2010, sollte letztendlich die Entscheidung in diesem Marathonmatch fallen. Wer gedacht hatte, dass einer der beiden Spieler nachlassen würde und die Partie schnell ein Ende finden würde, sah sich getäuscht. Sowohl Isner als auch Mahut machten da weiter, wo sie aufgehört hatten. So verging Aufschlagspiel um Aufschlagspiel ohne eine einzige Breakchance. Mehr als eine Stunde standen beide Akteure wieder auf dem Platz, als Nicolas Mahut bei 68:69 aus seiner Sicht erneut gegen den Matchverlust servierte. Bei 30:30 erspielte sich Isner die allererste Breakchance des Tages und gleichzeitig auch seinen fünften Matchball. Und dieser sollte es dann auch sein, der das epische Match beendete. Mit einem Longline-Passierball verwandelte John Isner den Matchball zum 70:68 im fünften Satz und fiel überglücklich zu Boden.

6:4, 3:6, 6:7 (7), 7:6 (3), 70:68. 112 Asse von Isner, 103 Asse von Mahut. Beide Spieler übertrafen den bisherigen Ass-Rekord vonIvo Karlovicmit 78 Assen. 502 Punkte für Mahut, 478 Punkte für Isner. 11 Stunden und 5 Minuten Spielzeit. Das sind die nackten Zahlen dieses unglaublichen Tennismatches, das in die Geschichtsbücher einging und sämtliche Rekorde gebrochen hat. „Was diese beiden Spieler gezeigt haben, zählt zum Größten, was es in diesem Sport je gegeben hat. Das war pures Heldentum“, versuchte John McEnroe Worte für dieses Match zu finden.

Mahut wie „ein Betrunkener"

„Ich habe mir nur noch gesagt: Du musst auf beiden Beinen stehen bleiben. Deinem Gegner geht es auch nicht besser“, sagte Isner über den Marathon. Mahut, den Isners Matchball bei 70:68 „traf wie ein Messerstich ins Herz“, sagte, er sei teilweise wie „ein Betrunkener“ über den Platz geirrt, „kaum noch bei Besinnung“: „Ich war nur noch aus dem Unterbewusstsein gesteuert.“ Isner und Mahut haben Rekorde für die Ewigkeit aufgestellt. Es muss schon mit dem Teufel zugehen, wenn dieser Rekord gebrochen wird. Doch der Sport hat schon bewiesen, dass es immer noch eine Steigerung gibt.

Besonders kurios: Isner und Mahut standen sich ein Jahr später wieder in Wimbledon gegenüber – erneut in der ersten Runde. Die Wahrscheinlichkeit auf dieses Ereignis lag vor der Auslosung bei 1:142,5. Isner setze sich wieder gegen Mahut durch, brauchte dafür aber diesmal nur 2:03 Stunden. 2012 hätte es beinahe den dritten Teil in Wimbledon zwischen Isner und Mahut gegeben. In der zweiten Runde hätte es zum erneuten Duell der Rekordmänner kommen können. Doch Isner verhinderte einen dritten Teil, da er in der ersten Runde ausschied.

von tennisnet.com

Mittwoch
24.06.2015, 12:02 Uhr