Sechs große Aufholjagden im Damentennis

Dienstag, 12.08.2014 | 18:11 Uhr
© (c) Daniel Maurer

Kampfgeist zahlt sich aus. tennisnet.com präsentiert sechs Fabel-Comebacks mit erfolgreichem Ende auf der WTA-Tour.

Von Christian Albrecht Barschel

Barbie Bramblett - Ann Hulbert 0:6, 7:5, 6:3 - 2. Qualirunde US Open 1983

Eine bessere Aufholjagd im Damentennis ist nicht möglich als die von Barbie Bramblett . Die 18-jährige US-Amerikanerin lag in der zweiten Qualifikationsrunde bei den US Open 1983 gegen ihre Landsfrau Ann Hulbert mit 0:6, 0:5, 0:40 zurück - und gewann dennoch. "Natürlich habe ich gedacht, dass das Match zu Ende sei, es war so peinlich. Ich habe damit angefangen, die Bälle auszuschwingen. Mein Spiel wurde wie durch ein Wunder besser. Es war buchstäblich ein Wunder. Jeder Ball, den ich geschlagen habe, rutschte auf die Linie. Ich konnte nicht glauben, was passierte", blickte Bramblett auf dieses denkwürdige Match zurück. Die US-Amerikanerin wehrte im zweiten Satz sage und schreibe 18 Matchbälle ab. "Als ich Ann am Netz traf, sagte ich nur: ‚Gutes Match.' Nicht gerade sehr kreativ, nehme ich an. Als ich vom Platz ging, habe ich Brad Gilbert bei einem Nebenplatz gesehen. Ich rief: ‚Hey, Brad, weißt du, was ich gerade getan habe?' Ich hatte es immer noch nicht begriffen. Er sagte: ‚Wow! Das ist unglaublich!' Eine Weile später sah ich Martina Navratilova im Aufzug und sie sagte: "Hey, du hast nicht wirklich das getan, was ich heute gehört habe, hast du?' Ich sagte ‚Ja', und sie war verblüfft." Doch es soll nicht das einzige Fabel-Comeback von Bramblett gewesen sein. Im Jahr 1984 soll die US-Amerikanerin in der Qualifikation für ein kleines Turnier in Nashville gegen ihre Landsfrau Kathy Holton mit 1:6, 0:5 zurückgelegen, insgesamt 20 Matchbälle abgewehrt und dennoch den Sieg davongetragen haben. Allerdings gibt es keine offizielle Bestätigung von diesem Comeback.

Mary Joe Fernandez - Gabriela Sabatini 1:6, 7:6 (4), 10:8 - Viertelfinale French Open 1993

Es ist wahrscheinlich die Mutter aller Aufholjagden im Damentennis auf Spitzenniveau. Mary Joe Fernandez vollendete im Viertelfinale der French Open 1993 gegen Gabriela Sabatini eines der größten Comebacks in der Tennisgeschichte. Sabatini führte bereits mit 6:1, 5:1 und servierte zum souveränen Einzug ins Halbfinale. "Ich habe gesehen, dass nur 53 Minuten auf der Uhr standen. Ich habe mir gesagt: ‚Das ist unglaublich. Ich muss es bis zur Ein-Stunden-Marke schaffen'", kommentierte Fernandez nach dem Match diese Situation. Sabatini hatte bei 5:1 ihren ersten Matchball und servierte einen Doppelfehler. Fernandez nahm Fahrt auf, wehrte bei 5:3 drei weitere und bei 5:4 einen Matchball ab. Der dritte Satz wurde intensiv. Sabatini servierte bei 7:6-Führung erneut zum Matchgewinn. Wieder wurde es nichts mit dem Sieg. Fernandez überstand auch diese Situation und verwandelte nach 3:34 Stunden Spielzeit ihren Matchball - es war ihr fünfter. "Ich hatte nie Zweifel", witzelte die US-Amerikanerin nach diesem verrückten Match.

Kimiko Date - Gabriela Sabatini 1:6, 7:6 (2), 7:6 (4) - Halbfinale Miami 1995

Ein Déjà-vu erlebte Gabriela Sabatini im Halbfinale des Turniers in Miami. Zwei Jahre nachdem sie im Viertelfinale bei den French Open gegen Mary Joe Fernandez eine 6:1,-5:1-Führung und insgesamt fünf Matchbälle vergeben hatte, verschleuderte die Argentinierin die gleiche Führung gegen die Japanerin Kimiko Date . Sabatini bekam es bei 6:1, 5:1 erneut mit den Nerven zu tun und servierte im Matchverlauf insgesamt 18 Doppelfehler. Date wehrte bei 5:6 im zweiten Satzball zwei Matchbälle ab sowie einen weiteren bei 3:5 im dritten Satz. "Das Match ist zu Ende. Das ist mir bereits passiert und es ist okay für mich. Ich habe heute nicht darüber nachgedacht", erklärte Sabatini hinterher und wollte keinen Vergleich zum Match gegen Fernandez zulassen. Vielleicht lag es aber auch daran, dass Sabatini nicht gewinnen wollte. Im Oktober 2012 enthüllte die Argentinierin, dass sie früher extrem scheu war und mit dem Medieninteresse schwer umgehen konnte und deshalb Matches oft verloren habe, um nicht mit der Presse zu sprechen.

Chanda Rubin - Jana Novotna 7:6 (8), 4:6, 8:6 - 3. Runde French Open 1995

Jana Novotna war bekannt dafür, viele sicher geglaubte Siege noch aus der Hand gegeben zu haben. Unvergessen ist ihre Zitterhand im Wimbledonfinale 1993 gegen Steffi Graf . In der dritten Runde der French Open 1995 verlor Novotna gegen die US-Amerikanerin Chanda Rubin , nachdem sie im dritten Satz die größtmögliche Führung, die man haben kann, verspielte und zudem neun Matchbälle vergab. Oder andersrum betrachtet: Rubin legte eine der denkwürdigsten Aufholjagden im Tennis hin. Novotna führte im dritten Satz mit 5:0 und 40:0 bei Aufschlag Rubin, ehe sie das Flattern bekam. Die US-Amerikanerin wehrte in diesem Aufschlagspiel nicht nur diese drei, sondern auch drei weitere Matchbälle ab. Novotna begann zu verkrampfen. Bei 5:4 hatte Novotna wieder insgesamt drei Matchbälle, die sie ebenfalls nicht nutzte. Rubin gewann schließlich das Match nach 2:50 Stunden nach einem spektakulären Matchball mit 8:6. "Es ist natürlich leicht, jemanden zu kritisieren und zu sagen, ‚Du hast dies und jenes gehabt.' Aber man muss auch verstehen, dass so etwas Tennis ausmacht. Das passiert jedem und wir sind alle nur Menschen", sagte eine frustrierte Novotna. "Ich habe nicht wirklich daran gedacht, zurückzukommen oder zu gewinnen. Ich habe einfach über jeden einzelnen Punkt nachgedacht und habe meinen Kopf nicht mit zu vielen anderen Gedanken belastet", sagte Rubin. Nach der Niederlage wurde Novotna in den Medien als "No-No-Novotna, die Lady aus Chokeoslovakia" bezeichnet.

Jennifer Capriati - Martina Hingis 4:6, 7:6 (7), 6:2 - Finale Australian Open 2002

2002 kam es zur Neuauflage des Australian-Open-Finals vom Vorjahr. Martina Hingis forderte Jennifer Capriati heraus. Ein Jahr zuvor krönte Capriati ihr Comeback mit dem Finalsieg in Melbourne gegen die Nummer eins Hingis. Ein Jahr später waren die Vorzeichen andersrum. Capriati war als Weltranglisten-Erste in der Favoritenrolle. Es entwickelte sich das für viele Experten beste Damen-Endspiel in Melbourne. In der Rod Laver Arena wurden Temperaturen von 50 Grad gemessen. Hingis kam mit der Hitze zunächst besser zurecht. Die Schweizerin erspielte sich eine 6:4,-4:0-Führung und hatte Spielball zum 5:0. Ihre insgesamt vier Matchbälle bei 5:3, 6:5 und im Tiebreak des zweiten Satzes ließ Hingis aber aus. Capriati sicherte sich in einem hochklassigen Tiebreak den Satzausgleich. Das Spiel wurde anschließend wegen der großen Hitze für 15 Minuten unterbrochen. Hingis kam nicht mehr auf die Beine und ergab sich ihrem Schicksal. "Ich hatte Schüttelfrost und Gänsehaut. Ich konnte mich nicht mehr richtig bewegen und habe nicht mehr daran geglaubt, noch zu gewinnen", erklärte Hingis. Capriati schaffte die Titelverteidigung und wurde die erste Spielerin, die nach Abwehr von vier Matchbällen ein Grand-Slam-Finale gewann. "Mehr kann ich nicht geben. Ich weiß nicht, wie ich das gewonnen habe. Das waren die schwersten Bedingungen, unter denen ich je gespielt habe", sagte die US-Amerikanerin. Capriati hatte ihren Erfolg aus dem Vorjahr betätigt. "Ich kann nicht sagen, welcher Titel der schönere ist. Es war diesmal schwerer, aber ich habe gezeigt, wenn man immer weitermacht, dann kann gewinnen. Das zählt viel für mich."

Lisa Raymond - Lubomira Kurhajcova 0:6, 7:5, 6:3 - 1. Runde French Open 2004

Lubomira Kurhajcova ist sicherlich nur wahren Tennis-Experten ein Begriff. Die Slowakin schaffte es im Einzel in der Weltrangliste bis auf Platz 59. Mit dem Namen Lisa Raymond können die Tennisfans sicherlich weitaus mehr in Verbindung bringen. Immerhin ist die US-Amerikanerin mit sechs Grand-Slam-Titeln eine der besten Doppelspielerinnen aller Zeiten und stand auch im Einzel unter den Top 20. Kurhajcova konnte nie ein Match auf Grand-Slam-Ebene gewinnen. In der ersten Runde bei den French Open 2014 wäre es beinahe passiert, aber die Slowakin erlebte den Alptraum aller Tennisspieler. Kurhajcova führte mit 6:0, 5:0 und war bei 30:30 nur zwei Punkte von einem "Double Bagel" entfernt. Raymond wollte sich nicht mit der Höchststrafe von den French Open verabschieden und hielt dagegen. Bei 5:1 hatte Kurhajcova zwei Matchbälle. Doch statt eines klaren Sieges für die Slowakin schloss Raymond eine der größten Aufholjagden in der Tennisgeschichte erfolgreich ab.

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