Sechs große Aufholjagden im Herrentennis

Dienstag, 19.08.2014 | 07:12 Uhr
© (c) GEPA pictures/ Ingrid Gerencser

Kampfgeist zahlt sich aus. tennisnet.com präsentiert sechs Fabel-Comebacks mit erfolgreichem Ende auf der ATP-Tour.

Von Christian Albrecht Barschel

Manuel Orantes - Guillermo Vilas 4:6, 1:6, 6:2, 7:5, 6:4 - Halbfinale US Open 1975

Manuel Orantes war gemeinsam mit seinem Namensvetter Manuel Santana der Pionier für das spätere spanische Weltklassetennis. Im Finale der French Open 1974 hatte er den großen Björn Borg nach einem 6:2, 7:6 in den ersten beiden Sätzen kurz vor einer Niederlage. Doch in den folgenden Sätzen wurde Orantes mit 6:0, 6:1, 6:1 vom Schweden deklassiert, der durch diesen Triumph seine Ära einleitete. Mit Orantes' großen Triumph klappte es dann bei den US Open 1975 - dank einer fabelhaften Aufholjagd. Im Halbfinale gegen den Argentinier Guillermo Vilas war Orantes bereits so gut wie ausgeschieden, als Vilas im vierten Satz mit 5:0 führte. Orantes wehrte bei 0:5 drei sowie bei 1:5 zwei weitere Matchbälle ab und zog tatsächlich noch ins Finale ein. Dies war allerdings nur möglich, weil 1975 bei den US Open (die in jenem Jahr in Forest Hills auf Sand ausgetragen wurde) zum ersten Mal unter Flutlicht gespielt wurde. Als Orantes um 2 Uhr nachts in sein Hotelzimmer kam, musste er feststellen, dass sein Badezimmer unter Wasser war. Er musste den Klempner anrufen. Also keine ideale Vorbereitung auf das Endspiel gegen Jimmy Connors , das wenige Stunden nach seinem Finaleinzug gespielt wurde. Von wegen: Orantes besiegte den klaren Favoriten glatt in drei Sätzen. Es blieb sein einziger Grand-Slam-Titel.

Hendrik Sundström - Hans Gildemeister 2:6, 0:6, 7:5, 6:3, 6:4 - 3. Runde French Open 1984

Hendrik Sundström gehörte zur goldenen Generation im schwedischen Herrentennis in den Achtzigern. Sundström hatte 1984 nicht nur sein bestes Jahr, in dem er sich bis auf Platz sechs in der Weltrangliste vorspielte, sondern glänzte auch mit einer irren Aufholjagd. In der dritten Runde bei den French Open lag der Schwede gegen den Chilenen Hans Gildemeister mit 2:6, 0:6, 1:5, 15:30 zurück. Sundström gewann das Match trotz des aussichtslosen Rückstandes. "Das war das Wunder meines Lebens. Ich hatte fast akzeptiert, dass er mich komplett aus dem Match genommen hatte. Dann hat sich alles verändert. Glücklicherweise für mich hat er angefangen zu choken", meinte der Schwede. Sundström gewann in Paris noch ein weiteres Match und feierte mit dem Viertelfinaleinzug das beste Grand-Slam-Ergebnis seiner Karriere.

Jimmy Connors - Mikael Pernfors 1:6, 1:6, 7:5, 6:4, 6:2 - Achtelfinale Wimbledon 1987

Es ist wahrscheinlich die größte Aufholjagd, die es im Herrentennis auf Spitzenniveau je gegeben hat. Jimmy Connors drehte im Achtelfinale beim Wimbledonturnier 1987 ein verloren geglaubtes Match. Der Schwede Mikael Pernfors führte gegen den 34-jährigen US-Amerikaner mit 6:1, 6:1, 4:1 (mit Doppelbreak), ehe Connors zu seinem Fabel-Comeback ansetze und sich nach 3:39 Stunden in fünf Sätzen durchsetzte. "Mein Ego war verletzt. Ich musste was tun. Daher habe ich mich entschieden, noch härter zu kämpfen. Ich bin nicht überrascht, dass ich gewonnen habe. Ich denke, dass ich immer noch spielen kann. Ich hatte nicht die Zeit, mich beschämt zu fühlen. Ich war zu sehr damit beschäftigt, etwas zu tun, um zu gewinnen. Wenn ich nicht den Sieg gewollt hätte, hätte ich mit 1:6, 1:6, 1:6 verloren und den Platz verlassen", kommentierte Connors seine Energieleistung und verriet sein Erfolgsrezept. "Ich bin wie ein altes Auto. Früher habe ich sofort in den fünften Gang geschaltet und bin mit Hochgeschwindigkeit durchs Match gerast. Jetzt schalte ich langsam höher - es geht nicht anders."

Wally Masur - Jamie Morgan 3:6, 4:6, 6:3, 6:4, 7:5 - Achtelfinale US Open 1993

Dass zwei Australier im Achtelfinale eines Grand-Slam-Turniers stehen, ist mittlerweile eine Seltenheit. Früher war es fast schon die Regel. Im Achtelfinale bei den US Open 1993 duellierten sich Routinier Wally Masur und US-Open-Neuling Jamie Morgan um einen Platz unter den besten Acht. Dabei sah der unerfahrene Morgan bereits wie der sicherere Sieger aus. Der Australier führte zunächst mit 2:0 in den Sätzen und erspielte sich im fünften Satz eine 5:0-Führung. Doch dann ging der Vorhang auf für die große Aufholjagd vom 30-jährigen Masur, der sich mit sieben Spielgewinnen in Folge den Einzug ins Viertelfinale sicherte. Masur leitete seine Aufholjagd mit 16 Punkten in Folge (vier zu-null-Spiele) ein und war nach seinem Sieg verblüfft. "Ich kann nicht glauben, dass ich das Match gewonnen habe. Das war irrwitzig, ich war schon weg. Er wurde etwas fest und ich habe sechs Spiele lang keinen Ball verfehlt", meinte Masur, der beim Handshake nach den passenden Worten für seinem Landsmann suchte. "Ich war ein abscheulicher Sieger", meinte Masur. Morgan ließ seinen Frust nach seiner einmaligen Chance auf ein Grand-Slam-Viertelfinale in der Umkleidekabine raus, als er Augenzeugen zufolge seine Schläger zerstörte. "Egal, ob es 5:0 oder 5:1 steht. Du darfst dir diese dummen Fehler nicht erlauben", sagte Morgan, bei dem es nach der bitteren Niederlage in der Weltrangliste in den folgenden Jahren stetig nach unten ging.

Stefan Koubek - Cyril Saulnier 0:6, 1:6, 7:6 (6), 6:4, 8:6 - 1. Runde Australian Open 2002

Die Australian Open 2002 waren auf der Männerseite ein verrücktes Turnier mit dem Überraschungssieger Thomas Johansson . Es war zudem das beste Turnier von Stefan Koubek , der das erste und einzige Mal das Viertelfinale bei einem Grand-Slam-Turnier erreichte. Dabei wäre es zu diesem Erfolg beinahe gar nicht gekommen, denn der Österreicher stand in der ersten Runde kurz vor dem Aus. Gegen den französischen Qualifikanten Cyril Saulnier lief bei Koubek zweieinhalb Sätze lang nichts zusammen. 6:0, 6:1, 4:1 und 40:15 führte Saulnier, ehe der Österreicher ins Match fand und tatsächlich noch den Sieg schaffte. Im Tiebreak wehrte Koubek dabei einen Matchball ab. Auch im Zweitrundenmatch gegen James Blake drehte der Österreicher einen 0:2-Satzrückstand zum Sieg. Im Viertelfinale war Koubek dann platt und verlor klar gegen Jiri Novak .

Stefan Koubek - Augustin Calleri 0:6, 7:6 (3), 7:5 - 1. Runde Sopot 2007

Und noch einmal Stefan Koubek: Der Österreicher schaffte in der ersten Runde beim Sandplatzturnier im polnischen Sopot eine weitere denkwürdige Aufholjagd. Koubek lag gegen den argentinischen Sandplatzwühler Augustin Calleri mit 0:6, 0:4 zurück. Das war insofern besonders, weil Koubek bei seinem vorangegangen Match auf der ATP-Tour, in der ersten Runde in Kitzbühel gegen Landsmann Daniel Köllerer , - mit dem er später eine Privatfehde hatte ( schaut euch hier seinen denkwürdigen Ausraster an ) - mit 4:6, 0:6 unterlegen war und dort elf Spiele in Folge verlor. Der 0:6,-0:4-Rückstand gegen Calleri bedeutete also, dass Koubek matchübergreifend insgesamt 21 Spiele in Folge abgegeben hatte. Der Österreicher lag dann sogar mit 1:5 zurück und gewann das Match dank einer Energieleistung und der Abwehr von vier Matchbällen. Koubek kommentierte seine grandiose Aufholjagd wie folgt: "Als ich beim Seitenwechsel auf der Bank saß, dachte ich mir: ‚Mein Gott, 6:0, und ich habe elf Spiele in Folge in Kitzbühel verloren, damit sind es nun 17.' Ich sagte zu mir, dass es an der Zeit ist, ein Spiel zu machen, weil es ein Rekord ist, den man nicht haben möchte. Nachdem ich nach 21 verlorenen Spielen endlich ein Spiel gewonnen habe, habe ich meine Arme in die Höhe gestreckt und mich über mich selbst lustig gemacht. Ich fühle mich nicht wohl auf dem Platz. Ich wusste nicht, was ich tun sollte und war sehr unglücklich über mein Spiel. Als ich 6:0, 5:1 zurücklag, habe ich nicht wirklich daran geglaubt, dass ich das Match gewinnen könnte, aber ich habe mir gedacht, dass es einen Versuch wert wäre. Es ist ein tolles Gefühl, unter diesen Umständen gewonnen zu haben, aber solch ein Comeback wie dieses hier, ist nichts, was du versuchst, in deiner Karriere zu erreichen."

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