Tennis

Denkwürdige Herren-Matches auf dem „Heiligen Rasen“

© (c) Getty Images (Hamish Blair)

Wir präsentieren zehn hochklassige Partien, die in der Herrenkonkurrenz beim Grand-Slam-Turnier in Wimbledon gespielt wurden.

Von Christian Albrecht Barschel

Zehn denkwürdige Endspiele in Wimbledon , darunter fünf bei den Herren, haben wir bereits vorgestellt. Nun präsentieren wir zehn denkwürdige Herren-Matches in Wimbledon, die vor dem Finale stattgefunden haben.

Pancho Gonzales - Charlie Pasarell 22:24, 1:6, 16:14, 6:3, 11:9 - 1. Runde 1969

Im Jahr 1969, als es in Wimbledon noch nicht den Tiebreak gab und noch mit weißen Bällen gespielt wurde, erlebten die Zuschauer das bis dato dramatischste und längste Match in der Wimbledon-Historie. Der 41-jährige Pancho Gonzales und der 25-jährige Charlie Pasarell boten einen Krimi über zwei Tage mit 5:12 Stunden Spielzeit. Nach der 2:0-Satzführung für Pasarell wurde das Match wegen Dunkelheit abgebrochen. Am folgenden Tag drehte der Oldie Gonzales das Match gegen seinen Landsmann und wehrte dabei sieben Matchbälle ab. Im fünften Satz hatte Gonzalez sowohl bei 4:5, als auch bei 5:6 jeweils drei Matchbälle in Folge gegen sich. Bei 7:8 gab es einen weiteren Matchball, den Gonzalez abwehren konnte. Mit elf Punkten in Folge holte sich der 41-Jährige schließlich den Sieg und einen Platz in den Geschichtsbüchern.

Jimmy Connors - Mikael Pernfors 1:6, 1:6, 7:5, 6:4, 6:2 - Achtelfinale 1987

Es ist wahrscheinlich die größte Aufholjagd, die es im Profitennis je gegeben hat. Jimmy Connors drehte im Achtelfinale beim Wimbledonturnier 1987 ein verloren geglaubtes Match. Der Schwede Mikael Pernfors führte gegen den 34-jährigen US-Amerikaner mit 6:1, 6:1, 4:1, ehe Connors zu seinem Fabel-Comeback ansetze und sich nach 3:39 Stunden in fünf Sätzen durchsetzte. "Mein Ego war verletzt. Ich musste was tun. Daher habe ich mich entschieden, noch härter zu kämpfen. Ich bin nicht überrascht, dass ich gewonnen habe. Ich denke, dass ich immer noch spielen kann. Ich hatte nicht die Zeit, mich beschämt zu fühlen. Ich war zu sehr damit beschäftigt, etwas zu tun, um zu gewinnen. Wenn ich nicht den Sieg gewollt hätte, hätte ich mit 1:6, 1:6, 1:6 verloren und den Platz verlassen", kommentierte Connors seine Energieleistung.

Michael Stich - Stefan Edberg 4:6, 7:6 (5), 7:6 (5), 7:6 (2) - Halbfinale 1991

1991 was das Wimbledon-Jahr von Michael Stich . Neben der spielerischen Klasse hatte der Deutsche auch das Quäntchen Glück auf seiner Seite. Stich stand im Achtelfinale schon kurz vor dem Aus, als Alexander Volkov bei 5:4 im fünften Satz zum Matchgewinn servierte. Bei 30:30 spielte Stich den glücklichsten Ball des Turniers. Eine Vorhand aus vollem Lauf, die von der Netzkante über Volkov hinweg noch auf die Seitenlinie trudelte. Volkov war mental erledigt, und Stich gewann den fünften Satz mit 7:5. Im Halbfinale gegen den Weltranglisten-Ersten Stefan Edberg sorgte Stich dann für ein Kuriosum. Ohne ein einziges Break setzte sich Stich gegen den Schweden durch. Kurioserweise verstarb an diesem Tag der Erfinder des Tiebreaks Jimmy van Alen, der das Tiebreak-Spiel im Jahr 1965 erfunden hatte . Edberg meinte darauf: "Wenn Jimmy van Alen nicht gelebt hätte, würden Michael und ich wohl noch dort draußen sein und spielen." Durch den Sieg gegen Edberg machte Stich seinen Landsmann Boris Becker zur neuen Nummer eins in der Weltrangliste. Im Endspiel setzte sich Stich gegen Becker in drei Sätzen durch - es war das erste Grand-Slam-Finale zwischen zwei deutschen Spielern .

Tim Henman - Paul Haarhuis 6:7 (7), 6:3, 6:2, 4:6, 14:12 - 3. Runde 1997

Tim Henman unternahm 14 Versuche, um seinen Heim-Grand-Slam in Wimbledon zu gewinnen. Der Brite war stets erfolgreich auf dem "Heiligen Rasen" und kann immerhin jeweils vier Halbfinal- und Viertelfinalteilnahmen vorweisen. Doch der große Wurf gelang Henman nicht. 57 Matches spielte der "Gentleman" aus Oxford in Wimbledon, 13 davon gingen über fünf Sätze. Die Matches von Henman in Wimbledon boten stets reichlich Drama sowie eine emotionale Atmosphäre. So auch in der dritten Runde im Jahr 1997, als der Brite den Niederländer Paul Haarhuis mit Unterstützung der Zuschauer niederrang. Haarhuis servierte bei 5:4 im fünften Satz zum Matchgewinn und hatte einen Matchball. Der Niederländer schlug einen Doppelfehler. Das Publikum tobte. Haarhuis unterlief ein weiterer Doppelfehler. Henman glich aus und holte sich in der Atmosphäre wie in einem Fußballstadion den Sieg. "Vom ersten Moment an war es etwas, was ich zuvor noch nicht erlebt hatte. Der Lärm war auf einer anderen Ebene. Jedes Mal, wenn ich einen Punkt gewonnen habe, fühlte es sich so an, als ob das Dach einstürzen würde. Ich habe nie in Wembley gespielt. Aber ich kann sagen, dass es im Tennis nicht besser geht", kommentierte Henman.

Boris Becker - Miles Maclagan 5:7, 6:7 (7), 6:4, 7:5, 6:2 - 1. Runde 1999

Nach dem Viertelfinal-Aus beim Wimbledonturnier 1997 hatte Boris Becker verkündet, dass es sein letztes Grand-Slam-Turnier gewesen sei. Doch der dreimalige Wimbledonsieger machte einen Rückzieher und spielte zwei Jahre später erneut auf seinem geliebten Rasen. Es sollte das letzte Turnier in der Karriere des Deutschen werden. Und die Karriere von Becker wäre beinahe mit einer faustdicken Überraschung zu Ende gegangen. In der ersten Runde musste Becker auf Court 2, dem "Friedhof der Stars", antreten. Lange Zeit sah es so aus, als ob Beckers Erstrundengegner Miles Maclagan die Sensation schaffen würde. Der Schotte, der als Nummer 298 der Welt nur dank einer Wildcard im Hauptfeld stand, führte gegen Becker mit 2:0 in den Sätzen. Für Beckers hochschwangere Frau Barbara war das Aufregung zu viel. "Ich hatte ihr ein Zeichen gegeben, dass sie ruhig bleiben sollte. Wir wollten ja keine Geburt auf dem Platz", sagte Becker. Im vierten Satz musste der Deutsche bei eigenem Aufschlag drei Matchbälle abwehren. Es ereignete sich einer dieser Momente, für die der Rotschopf aus Leimen so bekannt war. Becker blieb in den kritischen Phasen eiskalt, wehrte die Matchbälle ab und spielte das Match im fünften Satz locker nach Hause. "Ich habe hier bereits enge Matches gespielt und bin durchgekommen. Und es gibt einen Grund dafür, dass ich immer noch da bin." Beckers letztes Wimbledon-Abenteuer endete schließlich im Achtelfinale gegen Patrick Rafter sowie mit einer folgenschweren Liaison auf ein paar Treppenstufen (und nicht in einer Besenkammer).

Roger Federer - Pete Sampras 7:6 (7), 5:7, 6:4, 6:7 (2), 7:5 - Achtelfinale 2001

Der 2. Juli 2011 war der Tag der Wachablösung in Wimbledon. Der siebenmalige Wimbledonsieger Pete Sampras traf im Achtelfinale auf den 19-jährigen Schweizer Roger Federer , der in den folgenden Jahren in Wimbledon ebenfalls siebenmal triumphieren konnte. Es war das erste und einzige Duell zwischen den beiden Superstars. Für Federer war es der erste von zahlreichen Auftritten auf dem Center Court in Wimbledon. Der Schweizer legte bereits zu Beginn seinen großen Respekt vor dem Wimbledon-Dominator ab und beendete schließlich die Erfolgsserie von Sampras (31 Siege in Folge) in Wimbledon. "Ich hatte wirklich die ganze Zeit das Gefühl, dass ich ihn schlagen konnte. Wahrscheinlich habe ich deswegen gewonnen", erklärte Federer. "Es gibt viele junge Kerle, die hochkommen. Aber Roger ist ein wenig extra-besonders. Er hat ein tolles Allround-Spiel, ist ein großartiger Athlet und wird genauso wie ich nicht zu emotional", sagte Sampras nach der Niederlage. "Pistol Pete" sollte Recht behalten.

Patrick Rafter - Andre Agassi 2:6, 6:3, 3:6, 6:2, 8:6 - Halbfinale 2001

Dreimal in Folge standen sich Andre Agassi und Patrick Rafter im Wimbledon-Halbfinale gegenüber. Das dritte und letzte Duell der beiden war gleichzeitig das spannendste und dramatischste. Im fünften Satz war Agassi auf dem besten Weg in sein drittes Endspiel in Wimbledon. Der US-Amerikaner führte beim Stand von 5:4 bei eigenem Aufschlag mit 30:15. Rafter schaffte den Ausgleich. Als Agassi bei 6:6 nach einem vergebenen Breakball einen Return knapp ins Aus spielte, soll er angeblich ein obszönes Wort von sich gegeben haben. Die Linienrichterin meldete dies dem Schiedsrichter, der daraufhin Agassi verwarnte. Ein paar Minuten später hieß der Sieger Rafter, der sich nach dem Finaleinzug als großer Sieger zeigte. "Ich denke, dass diese Lady ihn am Ende beschäftigt hat. Er hat sich gehen lassen. Nur eine Person hat es gehört. Ich hatte großes Glück, dass ich durchgekommen bin. Nichts lief heute in seinem Weg, selbst die Linienrichterin hat ihm eine Verwarnung gegeben. Wahrscheinlich fielen ein paar Entscheidungen auch zu seinen Ungunsten. Ich habe etwas Mitleid mit ihm, aber gleichzeitig genieße ich auch den Moment." Rafter spielte im Finale gegen Goran Ivanisevic ein weiteres dramatisches Match. Es war wohl das emotionalste Endspiel in der Wimbledon-Geschichte .

George Bastl - Pete Sampras 6:3, 6:2, 4:6, 3:6, 6:4 - 2. Runde 2002

Ein Jahr nach seiner Achtelfinal-Niederlage gegen Roger Federer musste der siebenmalige Wimbledonsieger Pete Sampras den nächsten Tiefschlag von einem Schweizer einstecken. Der US-Amerikaner verlor in der zweiten Runde sensationell gegen den Lucky Loser George Bastl . Sampras' glorreiche Karriere in Wimbledon ging ausgerechnet auf Court 2, dem "Friedhof der Stars", zu Ende. Bastl, Nummer 145 der Welt, spielte "Pistol Pete" in den ersten beiden Sätzen förmlich an die Wand. Der US-Amerikaner kam aber wieder zurück und vergab bei einer 4:3-Führung im fünften Satz einen Breakball. Kurz danach ging alles ganz schnell und Bastl schaffte die Riesensensation mit dem ersten Fünfsatz-Sieg seiner Karriere. Für Sampras, der sich danach als wahrer Champion verhielt, war es das letzte Match auf dem "Heiligen Rasen" in Wimbledon. "Er hat das Spiel gewonnen, nicht ich habe es verloren. Er war mental am Ende stärker als ich, und das muss man anerkennen."

John Isner - Nicolas Mahut 6:4, 3:6, 6:7 (7), 7:6 (3), 70:68 - 1. Runde 2010

Die Geschehnisse, die sich zwischen dem 22. und 24. Juni 2010 auf Court 18 in Wimbledon abspielten, sind legendär. John Isner und Nicolas Mahut lieferten sich in der ersten Runde ein Match, das es vorher noch nicht gegeben hat und es wohl auch nie wieder geben wird. Die beiden spielten das skurrilste und längste Match der Tennisgeschichte . Nach 11 Stunden und fünf Minuten war die Partie zu Ende - mit einem 70:68 im fünften Satz für Isner. Als ganz normales Erstrundenmatch in Wimbledon entwickelte sich die Partie zum absoluten Klassiker und brach zahlreiche Rekorde im Tennis. Alleine der fünfte Satz wäre mit einer Spielzeit von 8:11 Stunden als längstes Tennismatch durchgegangen. 112 Asse von Isner, 103 Asse von Mahut. Beide Spieler übertrafen den bisherigen Ass-Rekord von Ivo Karlovic mit 78 Assen. 502 Punkte für Mahut, 478 Punkte für Isner. "Was diese beiden Spieler gezeigt haben, zählt zum Größten, was es in diesem Sport je gegeben hat. Das war pures Heldentum", versuchte John McEnroe Worte für dieses Match zu finden. "Ich habe mir nur noch gesagt: ‚Du musst auf beiden Beinen stehen bleiben. Deinem Gegner geht's auch nicht besser'", sagte Isner über den Marathon. Mahut, den Isners Matchball bei 70:68 "wie ein Messerstich ins Herz" traf, sagte, er sei teilweise wie "ein Betrunkener" über den Platz geirrt und war "kaum noch bei Besinnung": "Ich war nur noch aus dem Unterbewusstsein gesteuert." Besonders kurios: Isner und Mahut standen sich ein Jahr später wieder in Wimbledon gegenüber - erneut in der ersten Runde. Die Wahrscheinlichkeit für dieses Ereignis lag vor der Auslosung bei 1:142,5. Isner setzte sich wieder gegen Mahut durch, brauchte dafür aber diesmal nur 2:03 Stunden. 2012 hätte es beinahe den dritten Teil in Wimbledon zwischen Isner und Mahut gegeben. In der zweiten Runde hätte es zum erneuten Duell der Rekordmänner kommen können. Doch Isner verhinderte einen dritten Teil, da er in der ersten Runde ausschied.

Novak Djokovic - Juan Martin del Potro 7:5, 4:6, 7:6 (2), 6:7 (6), 6:3 - Halbfinale 2013

Novak Djokovic und Juan Martin del Potro spielten im Vorjahr in Wimbledon das längste Halbfinale der Turniergeschichte. Der "Djoker" und der "Turm von Tandil" boten 4:43 Stunden Tennis der Extraklasse mit sehenswerten Ballwechseln am Fließband. Ein Höhepunkt war der Tiebreak im vierten Satz, in dem del Potro zunächst zwei Matchbälle abwehrte und einen fünften Satz erzwang. Letztendlich durfte aber Djokovic jubeln, der nach dem Finaleinzug zugab: "Es war eines der besten Matches, an dem ich je teilnehmen durfte." Del Potro war stolz und traurig zugleich. "Am Ende hat er unglaublich gespielt. Ich habe für lange Zeit mein bestes Rasenmatch gespielt, aber es war nicht genug."

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