„Ich muss das nicht jedes Mal haben“

Montag, 30.06.2014 | 08:33 Uhr
© (c) Jürgen Hasenkopf

Martin Emmrich spricht im Interview über seinen öffentlichen Heiratsantrag, den Stellenwert des Doppels und den Schatten seines Vaters.

Martin Emmrich (29 Jahre alt) ist seit 2001 auf der Profi-Tour unterwegs. Seit 2011 spielt der gebürtige Magdeburger fast ausschließlich Doppel. Emmrich erreichte auf der ATP-Tour bislang sieben Endspiele, von denen er drei gewann. Seine höchste Platzierung im Doppel ist Rang 35. Vor kurzem machte Emmrich Schlagzeilen, als er seiner Freundin Michaella Krajicek beim Turnier in 's-Hertogenbosch auf dem Center Court einen Heiratsantrag machte .

Herr Emmrich, Sie sind mit dem Heiratsantrag an Ihre Freundin Michaella Krajicek auf dem Center Court in 's-Hertogenbosch weltweit berühmt geworden. Was hat sich seitdem verändert?

Ich habe das gar nicht so im Kopf gehabt, dass das Thema so groß werden wird. Wenn ich gewusst hätte, dass es solche Ausmaße annimmt, wäre ich sicherlich noch nervöser geworden. Vielleicht hätte ich es auch gar nicht gemacht. Mir haben noch nie so viele Leute gratuliert. Da kannst du Geburtstag haben oder ein Turnier gewinnen. Was die letzten Tage passiert ist, ist noch viel, viel mehr.

Was ging Ihnen kurz vor dem Heiratsantrag durch den Kopf?

Die Wörter richtig aneinanderreihen, die ich vorher 30 Mal geübt habe. Es ist eh schon eine emotionale Geschichte, vor seiner Freundin in die Knie zu gehen. Das vor Publikum mit Mikrofon zu tun, war schon taff.

War der Heiratsantrag geplant oder eine spontane Aktion?

Es war fast ein halbes Jahr geplant und mit dem Turnierdirektor eine Woche vorher abgesprochen. Hätte er nein gesagt, dann hätte ich es woanders machen müssen. Er war von der Idee begeistert und hat dadurch auch viel Werbung bekommen für das Turnier.

Wer war in Ihren Plan eingeweiht?

Neben den Turnierverantwortlichen nur noch meine Schwester. Die Eltern von Michaella habe ich im Dezember gefragt. Sie wussten aber nicht, wann es passiert. Ich habe meiner Mutter den Ring gezeigt, den ich gekauft habe, aber mehr wusste sie auch nicht. In meinen Plan war also kaum jemand eingeweiht.

Michaella hatte zuvor ihr Einzel gewonnen. Hätten Sie ihr den Heiratsantrag auch gemacht, wenn sie das Match verloren hätte?

Es war so geplant, dass ich es auch bei einer Niederlage gemacht hätte. Wenn sie das Match verloren hätte, wäre es für sie eine ziemliche Achterbahn der Gefühle gewesen. Zum Glück brauche ich darüber nicht mehr nachzudenken. Es ist alles gut gelaufen und hat alles gepasst, wie ich es mir vorgestellt habe.

Sie waren ein knappes Jahr zusammen, nachdem Sie ihr den Heiratsantrag gemacht haben. Das ging ja recht zügig.

Wir haben beide bereits nach ein paar Monaten über das Heiraten gesprochen. Im Urlaub haben wir uns ein Buch für Hochzeitsplanung gekauft, einfach aus Spaß und um zu sehen, ob unsere Interessen gleich sind. Ich war mir daher schon recht sicher, dass sie ‚Ja' sagen würde. Von außen gibt es natürlich immer Bedenken. Wenn man es spürt, dann spürt man es. Ich habe das Gefühl, dass sie die Richtige ist. Deshalb wollte ich das auch gerne so haben.

Haben Sie schon über einen Hochzeitstermin gesprochen?

Einen genauen Termin haben wir noch nicht. Das hängt auch vom Turnierplan ab. Generell soll es eine Sommerhochzeit sein. Wir müssen uns noch auf einen Ort einigen: Deutschland, Niederlande oder Tschechien.

Welche Vor- und Nachteile hat es, eine Tenniskollegin als Freundin zu haben?

Der Nachteil ist, dass sie auch auf Turnieren ist und man sich dadurch weniger sieht. Wenn du eine Tenniskollegin zur Freundin hast, bist du nicht mehr der absolute Mittelpunkt. In meinen vorherigen Beziehungen hat sich alles um mich gedreht. Ich musste nun lernen, dass es nicht nur um mich geht. Der Riesenvorteil ist das Verständnis füreinander, was den Sport betrifft. Du hast einen Gleichgesinnten an deiner Seite, der dich in jeder Situation versteht. Alle Höhen und Tiefen, die du in einem Match hast, kann dein Partner nachvollziehen. Man versteht sich blind.

Kommen wir zum Doppel. Seit 2006 gibt es auf der ATP-Tour im Doppel den Match-Tiebreak im dritten Satz sowie die No-ad-Regel bei Einstand. Waren diese Neuerungen sinnvoll und richtig oder hat sich die ATP damit ein Eigentor geschossen?

Ich finde den Match-Tiebreak gut, die No-ad-Regel gefällt mir nicht so sehr. Für das Fernsehen ist es definitiv interessanter. Bei der No-ad-Regel verlierst du ein Match mit etwas Pech, obwohl du die gesamte Zeit das bessere Team warst. Ein No-ad-Punkt kann das Match entscheiden. An einem guten oder glücklichen Tag kann man mit dem Match-Tiebreak gewinnen. Über das ganze Jahr gesehen setzt sich jedoch generell meist das bessere Team durch.

Was muss aus Ihrer Sicht getan werden, um den Stellenwert des Doppels wieder aufzuwerten?

Ich finde, dass mittlerweile wieder mehr Doppel übertragen wird. Die Grand-Slam-Finals werden im Fernsehen gezeigt. Ab Halbfinale wäre auch schön. Generell ist es schwer, das Doppel zu vermarkten. Ich erlebe das nun bei mir selbst. Ich habe zwei Jahre mit ‚Bege' (Anmerkung: André Begmann ) fest gespielt. Nun spiele ich mit ‚Kasi' (Anmerkung: Christopher Kas ). In den Wochen zuvor habe ich auch mit Andreas Seppi und Johan Brunström gespielt, um in Turniere hereinzukommen. Es ist verdammt schwer für die ATP, Teams zu vermarkten, die alle drei Wochen die Partner wechseln. Es geht nur bei den Bryan-Brüdern und vielleicht bei Daniel Nestor und Nenad Zimonjic , die wieder zusammen spielen. Ich höre aber immer wieder von Leuten, dass Doppel interessant zum Zuschauen ist. Denen ist dann auch fast egal, ob zwei feste Teams gegeneinander spielen. Die Ballwechsel sind ausschlaggebend.

Im Doppel verdienen die Spieler im Vergleich zum Einzel nur einen Bruchteil. Wo muss man in der Doppel-Weltrangliste platziert sein, damit es sich finanziell lohnt?

Du musst unter den Top 30 stehen, dann verdienst du ca. 300.000 US-Dollar im Jahr, wo natürlich noch die üblichen Abzüge mit Steuern, Reisekosten etc. dazukommen. Wir machen einen Job, der uns extrem viel Spaß macht und verdienen deutlich mehr Geld als 90 Prozent auf der ganzen Welt. Um Multimillionär zu werden, muss man allerdings auch noch Einzel spielen.

Die meisten Doppelspieler führen ein recht anonymes Leben und können sich auf den Tennisanlagen frei bewegen, ohne belagert zu werden. Beneiden Sie die Einzelspieler um ihren Ruhm oder sind Sie froh über die Anonymität?

Das, was derzeit wegen meines Heiratsantrages passiert, ist mir schon zu viel. Ich genieße es zwar, aber ich muss das nicht jedes Mal haben. Ich will natürlich eine gewisse Anerkennung bekommen, aber die spüre ich auch, wenn ich gut spiele - in meinem Heimatverein oder in meiner Stadt durch Zeitungsartikel. Mir persönlich reicht das. Ich brauche es nicht, im Supermarkt zu stehen und angesprochen zu werden.

Die besten Doppelpaarungen sind fast alle jenseits der 30. Warum ist Erfahrung so wichtig im Doppel?

Das Spiel zu lesen, ist eine Riesenstärke, vor allem bei den älteren Duos - beispielsweise Nestor und Zimonjic. Du hast das Gefühl, dass sie vorher wissen, was du spielst. Es ist schon erstaunlich, wie Nestor Schläge auspackt, mit denen du nicht rechnest.

Die besten Einzelspieler treten nur im Davis Cup oder in Ausnahmefällen im Doppel an, bei den Grand Slams gar nicht. Wenn sich Roger Federer und Rafael Nadal entschließen würden, eine Saison lang gemeinsam Doppel zu spielen, wo würden sie Ihrer Meinung nach in der Weltrangliste einreihen?

Ich glaube es nicht, dass sie die Nummer eins wären, aber auf jeden Fall unter den Top Ten. Die beiden sind individuell so gut. Du sieht es auch, wenn Federer mit Wawrinka spielt oder Nadal mit Marc Lopez, gewinnen sie auch immer wieder. Wenn beide sich nicht anzicken, geben sie auf jeden Fall ein starkes Doppel ab.

Viele starke Doppel könnten in den nächsten Jahren ihre Karriere beenden. Sehen Sie das als Chance, um noch weiter nach vorne zu kommen in der Weltrangliste?

Ich stehe derzeit in den Top 60. Es ist nicht so, dass 30 Spieler aufhören und ich dann in den Top 30 bin. Das wird nicht passieren. Mittlerweile stehen auch viele junge Spieler in den Top 20. Ich muss erst einmal kleinere Brötchen backen und täglich mein Training absolvieren.

Welche Ziele verfolgen Sie in den nächsten Jahren im Doppel?

Ich habe damit aufgehört, mir zu große Ziele zu setzen, weil es auf die tägliche Arbeit ankommt. Wenn ich jeden Tag hart arbeite und gesund bleibe, dann kommen die Ergebnisse von alleine. Vor zwei Jahren habe ich mir gar kein Ziel gesetzt und wie ein Besessener trainiert und kam in der Weltrangliste weit nach vorne. Ich will nach meiner Karriere sagen, dass ich alles dafür getan habe, umso weit wie möglich vorne zu stehen.

Wie realistisch ist eine Teilnahme an den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro?

Ich kenne die Kriterien nicht genau. Ich war zwar anderthalb Jahre die deutsche Nummer eins im Doppel, aber ich meine, dass man unter den Top 20 stehen muss für Olympia. Dafür muss ich momentan zwei Schippen drauflegen.

Ihr Vater war der beste Tennisspieler in der damaligen DDR. Welche Vorteile hat es, einen Tennisfachmann in der Familie zu haben?

Mittlerweile ist er aus den Geschehnissen im Leistungssport raus. Er hat natürlich extrem viel Ahnung. Wenn er mich trainieren sieht, erkennt er technische Fehler und will diese sofort korrigieren. Früher hat mir der Name einige Türen geöffnet, vor allem zu Beginn der Profizeit. Ohne ihn hätte ich keinen Sponsor gefunden. Er hat mich trainiert, bis ich 17 war und den Grundstein gelegt.

Ihre Karriere stand vor ein paar Jahren am Scheideweg. Ihr Vater hat Ihnen dazu geraten, nicht mit dem Profitennis aufzuhören und es nur noch im Doppel zu versuchen. Wie dankbar sind Sie Ihrem Vater dafür?

Es war nicht so extrem, wie es mal geschrieben wurde. Er hat nie gesagt, dass ich mit Einzel aufhören und nur Doppel spielen soll. Ich war frustriert, weil ich im Einzel nur verloren habe und mit dem Doppel aufhören wollte. Ich habe eine Mentaltrainerin auf einem Turnier getroffen, die mit mir eine Woche gearbeitet hat. Es hat sich dann herauskristallisiert, dass ich Doppel lieber mag als Einzel. Mein Trainer, der heute mich auch noch betreut, war von der Idee begeistert. Ich habe dann viel gewonnen im Doppel auf Future- und Challenger-Ebene und war plötzlich bei den ATP-Turnieren dabei. Von da an war es mit Einzel auch vorbei, weil ich auf diesem Level nicht mehr spielen kann. Letztendlich waren es mein Vater, mein Trainer und meine Mentaltrainerin, die mir den Anstoß zu dieser Entscheidung gegeben haben.

Sie haben mal gesagt, dass Sie früher nur als Sohn des DDR-Rekordmeisters wahrgenommen wurden. Hat sich das mittlerweile geändert?

Das hat sich definitiv geändert. Früher war ich nur ‚der Sohn von', als ich noch nichts gewonnen habe. Das ist bis zu einem gewissen Alter auch normal. Seit drei Jahren gewinne ich Turniere, stand in den Top 50 und habe Davis Cup gespielt. Seitdem bin ich Martin Emmrich und nebenbei noch der Sohn des DDR-Rekordmeisters. Es wird zwar noch erwähnt, aber ich bin nicht mehr so in seinem Schatten wie früher.

Seit der Wiedervereinigung gab es außer Ihnen und Jana Kandarr keine Spieler aus den neuen Bundesländern, die nennenswerte Erfolge erzielt haben. Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass es keine erfolgreichen Spieler aus den neuen Bundesländern gibt?

Es gab noch Lydia Steinbach , die unter den Top 300 stand. Damals war es auf jeden Fall so, dass Tennis zu teuer und elitär war. Es gibt derzeit auch sehr wenige Anmeldungen bei den Verbandsmeisterschaften in allen Altersklassen. Im Verbandstraining wird zudem leider kaum Wert auf Technik gelegt, was in der Jugend enorm wichtig ist. Wir haben in Sachsen-Anhalt damals mehr Hockey und Basketball gespielt, anstatt an technischen Sachen zu arbeiten. Mittlerweile bin ich auch zu weit weg vom Geschehen, um zu diesem Thema konkret etwas zu sagen. Wenn aber nie ein Spieler hervorkommt, in keiner Altersklasse, muss auf jeden Fall etwas schieflaufen.

Das Gespräch führte Christian Albrecht Barschel.

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