Frankreichs Sehnsucht nach dem nächsten Noah

Samstag, 25.05.2013 | 09:12 Uhr
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Die Franzosen warten seit 1983 nicht nur auf einen heimischen Sieger in Paris, sondern auch auf einen männlichen Grand-Slam-Sieger.

Von Christian Albrecht Barschel

Die US-Amerikaner warten seit 2003, als Andy Roddick in New York triumphierte, auf einen heimischen Herrensieger bei den US Open. Mark Edmondson war 1976 der letzte Australier, der in seiner Heimat Down Under gewinnen konnte. Und die Briten warten nun schon seit 1936 und dem Erfolg von Fred Perry auf einen Wimbledonsieger aus dem Königreich. Auch die Franzosen plagen sich nun schon seit 1983 mit einer 30-jährigen Titeldürre in Paris herum, zumindest bei den Herren.

Vier französische Grand-Slam-Finalisten

Seit Yannick Noah die Franzosen vor 30 Jahren stolz machte und die French Open gewann, hat kein französischer Herrenspieler weder in Paris noch bei einem anderen Grand-Slam-Turnier gewonnen. Dabei hatten einige französische Spieler die Chance, die titellose Zeit von Frankreich bei Grand Slams zu beenden. Henri Leconte (1988 bei den French Open), Cedric Pioline (1993 bei den US Open und 1997 in Wimbledon), Arnaud Clement (2001 bei den Australian Open) und Jo-Wilfried Tsonga (2008 bei den Australian Open) standen allesamt im Finale eines Grand-Slam-Turniers. Bis auf Tsonga verloren alle ihre Endspiele glatt in drei Sätzen.

Auch Guy Forget (Nummer vier der Welt, fünf Viertelfinalteilnahmen bei Grand Slams) und Sebastien Grosjean (Nummer vier der Welt, vier Halbfinalteilnahmen bei Grand Slams) hatten durchaus das Potential, ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen. Aus der aktuellen Generation hat Frankreich neben Tsonga mit Richard Gasquet, Gael Monfils und Gilles Simon ebenfalls aktuelle und ehemalige Top-Ten-Spieler in ihren Reihen, die durchaus um den Titel bei den Grands Slams mitspielen können. Wenn es aber an die Verteilung der großen Kuchen geht, - den Sieg bei den vier Majors - sprechen die französischen Herren selten mit und scheiden häufig vorzeitig aus.

Top im Davis Cup, aber nicht bei den Grand Slams

Dass die große Sport- und Tennisnation Frankreich seit 30 Jahren keinen Grand-Slam-Titel bei den Herren mehr gewonnen hat, ist schon etwas verwunderlich. Immerhin gewann die "Equipe Tricolore" seit 1991 dreimal den Davis Cup und stand drei weitere Male im Finale. Eine schlagkräftige Herren-Truppe konnten die Franzosen in den letzten Jahrzehnten immer wieder stellen, wohl auch dank ihres zentralen Ausbildungssystems, wo die besten Spieler gemeinsam in Paris trainieren,. Doch was fehlte, war der überragende Spieler, der bei jedem Grand Slam um die Titelvergabe jedes Mal mitspielte.

Besonders bei den French Open sind die Erwartungen in die französischen Herren immer immens hoch. Doch aus der aktuellen Generation konnte nur Gael Monfils einmal das Halbfinale erreichen - das war im Jahr 2008. Für die restlichen Franzosen war der Traum vom Heimsieg in Paris bereits nach dem Viertelfinale oder schon meist vorher zu Ende. So bleibt Yannick Noah der letzte heimische Sieger bei den French Open. Noah wurde im Alter von zehn Jahren in Kamerun, dem Geburtsland seines Vaters (früher Fußballspieler), entdeckt. Arthur Ashe sah ihn mit einem aus Holz geschnitzten Schläger spielen und informierte den französischen Verbandspräsidenten Philippe Chatrier über Noahs Talent. Der Franzose wurde mit 16 Jahren Profi und spielte sich schnell mit seiner mitreißenden Spielweise in die Herzen des französischen Publikums.

Mit Serve-and-Volley zum Titel

Die große Stunde von Noah schlug bei den French Open 1983. Mit 23 Jahren befand er sich in der Form seines Lebens und ging als Nummer sechs der Setzliste in Paris an den Start. In den Wochen zuvor hatte Noah bereits die Sandplatzturniere in Madrid und Hamburg gewonnen. Seine starke Form nahm er dann auch mit in sein Heimturnier. Nach vier glatten Siegen setzte sich Noah im Viertelfinale gegen Ivan Lend, die Nummer drei der Setzliste, durch und erreichte sein erstes Halbfinale bei einem Grand-Slam-Turnier. Ein bisschen Glück war auch auf der Seite des Franzosen. Denn im Halbfinale wartete nicht wie erwartet die Nummer eins der Welt Jimmy Connors, sondern sein Landsmann Christophe Roger-Vasselin. Die Nummer 230 der Welt nahm den topgesetzten Connors sensationell aus dem Turnier und realisierte ein rein französisches Halbfinale.

Gegen seinen Landsmann Roger-Vasselin hatte Noah leichtes Spiel und gab nur drei Spiele ab. Im Endspiel wartete der Titelverteidiger, der 18-jährige Mats Wilander. Noah hatte den Schweden im Griff und überzeugte mit Serve-and-Volley und Chip-and-Charge auf dem langsamen Pariser Sandplatz. Nach 2:24 Stunden und dem 6:2, 7:5, 7:6 (3) gegen Wilander ließ sich Noah jubelnd in den Sand fallen. Er hatte als erster Franzose seit 37 Jahren die French Open gewonnen. Noah stieg zum Nationalhelden auf und wurde von seinen Landsleuten verehrt.

Erfolge im Davis Cup und Fed Cup

Mit dem Ruhm umzugehen, musste Noah erst einmal lernen. "Wenn du ein Champion wirst, lernst du viele Sachen. Aber niemand lehrt dich, wie man mit dem plötzlichen Ruhm umgeht", erklärte Noah. Die weitere Tenniskarriere von Noah war geprägt von schnellen Autos, hübschen Frauen, dem gelegentlichen Rauchen eines Joints und der Leidenschaft für Musik. Trotz der vielen Ablenkungen abseits des Platzes war Noah auch auf dem Tennisplatz immer wieder erfolgreich. 23 Turniersiege und Platz drei in der Welt standen für den Franzosen zu Buche, der nach seinem Triumph in Paris aber nur noch ein Grand-Slam-Halbfinale (Australian Open 1990) erreichte.

Dennoch gelang Noah die erfolgreiche Titelverteidigung in Paris - auf eine besondere Art. 1984 gewann er mit seinem Landsmann Henri Leconte die Doppelkonkurrenz bei den French Open. Sogar die Doppelweltrangliste führte Noah für insgesamt 19 Wochen an. 1991 beendete er seine aktive Tenniskarriere. Im gleichen Jahr wurde er zum Davis-Cup-Kapitän von Frankreich berufen. Das Team gewann 1991 unter seiner Führung sensationell den Davis Cup - den ersten Titel für Frankreich seit 59 Jahren. 1996 wiederholte Noah das Kunststück mit dem zweiten Triumph in seiner Amtszeit. 1997 und 1998 betreute er neben dem Davis Cup auch das Fed-Cup-Team von Frankreich. Die Doppelbelastung half nur dem Fed-Cup-Team. Während er 1997 die Damen zum Titel führte, stieg er mit den Herren im Davis Cup ein Jahr nach dem Titelgewinn aus der Weltgruppe ab. Noah wurde der erste Trainer, der sowohl den Davis Cup als auch den Fed Cup gewann.

Megastar in Frankreich

Noah ist in seiner Heimat ein Megastar. Schon in seiner aktiven Zeit als Tennisspieler wurde ersichtlich, dass der Franzose nicht nur gut mit dem Schläger und dem gelben Filzball umgehen kann, sondern auch mit seiner Stimme. Noah baute sich ein zweites berufliches Standbein auf und startete eine Karriere als Musiker. Noah ist als Sänger in den französischsprachigen Ländern extrem erfolgreich. Mehrere Alben von ihm schafften es auf Platz eins. Der Name Noah ist auch heute in der Sportwelt ein fester Begriff. Sein Sohn Joakim ist Basketballprofi und spielt seit 2007 für die Chicago Bulls in der NBA.

Für viel Wirbel sorgte Noah im Jahr 2011, als er die spanischen Sportler des umfassenden Dopings beschuldigte. "Wie kann ein Land von einem Tag auf den anderen den Sport dominieren? Haben sie bahnbrechende Trainingstechniken und Methoden entdeckt, die sich kein anderer vorstellen konnte?Wenn du nicht den magischen Zaubertrank hast, ist es schwer zu gewinnen", äußerte sich Noah über die sportlichen Erfolge der Spanier in den letzten Jahren. Die passende Lösung, um Chancengleichheit herzustellen, hat Noah auch parat. "Wir werden nicht in der gleichen Weise behandelt wie die Mehrheit unserer Kontrahenten aus den anderen Ländern. Die beste Haltung, die man annehmen kann, ist Doping zu erlauben. Und dann hätte jeder den magischen Zaubertrank."

Problem im mentalen Bereich?

Ob es am Fehlen des magischen Zaubertranks liegt, dass die französischen Herren keine Grand-Slam-Turniere gewinnen, sei mal dahingestellt. Noah führte 2003 in einem Interview folgende Gründe an, warum es mit den großen Titeln bei seinen Landsleuten nicht klappe. "Ein Grund ist es, dass viele Leute nicht mehr auf Sand aufwachsen. Ich war wahrscheinlich in der letzten Generation, die auf Sand aufgewachsen ist, weil ich im Süden von Frankreich geblieben bin. Deshalb passte mein Spiel viel besser zum Sand. Nun kommen alle Leute aus Paris, wo sie die meiste Zeit im Winter verbringen und in der Halle auf Hartplätzen spielen."

Woran liegt es also nun, dass die große Tennisnation Frankreich seit Jahrzehnten zwar immer eine schlagkräftige Davis-Cup-Mannschaft stellt, aber keinen Grand-Slam-Sieger hervorgebracht hat? Für Gilbert Ysern, dem Turnierdirektor der French Open, liegt es nicht am zentralen Förderungssystem des französischen Verbandes, sondern dass die Mentalität eines Spielers viel wichtiger sei. "Wir haben keinen Einfluss darauf, was ein Champion benötigt, weil entweder haben sie es im Inneren, oder eben nicht. Es fehlt ihnen an kleinen zusätzlichen technischen Fähigkeiten oder an der physischen Kraft. Und wenn man ihnen zuhört, liegt das Problem im mentalen Bereich. Ein Champion ist wahrscheinlich einer, der nicht diese gewisse Bescheidenheit hat, der auch sagen kann, wenn er gerade verloren hat: 'Ich bin stärker als er'."

Gasquet sieht düstere Zukunft

Auch Noah schlug in die gleiche Kerbe ein. Er zeigte sich im vergangen Jahr kurz vor Beginn der French Open enttäuscht darüber, dass Jo-Wilfried Tsonga keine Chance für einen französischen Titelträger sah. "Es ist zwecklos zu sagen: 'Dieses Jahr werde ich gewinnen'. Wie auch immer, Träumen vom Siegen ist schön. Die schlimmste Sache ist, überhaupt nicht vom Triumph zu träumen. Was passiert ist, dass die Franzosen nicht mal vom Siegen träumen. Französische Spieler sind auf anderen Belägen besser, was schade ist, weil sie nicht die Chance haben, gut zu Hause zu spielen."

Bei den diesjährigen French Open gehen die französischen Spieler mal wieder nur als Außenseiter ins Turnier. Ein Heimsieg eines Franzosen würde schon einer kleinen Sensation gleichkommen. Sollte die derzeitige Generation um Tsonga, Richard Gasquet, Gilles Simon und Gael Monfils kein Grand-Slam-Turnier gewinnen, droht den Franzosen die Fortsetzung der Titeldürre um viele Jahre. Das glaubt jedenfalls Gasquet. "Wir haben eine großartige Generation. Deshalb denke ich, dass wenn wir in den nächsten Jahren keinen Grand Slam gewinnen, wir mindestens zehn weitere Jahre warten müssen", äußerte sich Gasquet vor Turnierbeginn in Paris. Sollte der derzeitigen Generation weiterhin das Sieger-Gen bei den Grand Slams fehlen, stehen den französischen Tennisfans weiterhin schwere Zeiten bevor. (Foto: GEPA pictures)

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