Das Kämpferherz darf nicht zu Olympia

Montag, 09.04.2012 | 23:03 Uhr
© GEPA pictures

Die Weltranglisten-Siebte wird nicht beim olympischen Turnier in Wimbledon dabei sein, weil sie sich mit ihrem Verband verkracht hat.

Von Christian Albrecht Barschel

Die Teilnahme an den Olympischen Spielen ist das Größte für jeden Sportler. Bei den Tennisprofis sieht die Sache ein wenig anders aus. Zwar möchten die meisten Spieler und Spielerinnen unbedingt am größten Sportevent der Welt teilnehmen, aber der Stellenwert von Olympia im Vergleich zu den Grand-Slam-Turnieren ist deutlich geringer. Was passiert aber, wenn eine Spielerin unbedingt bei Olympia dabei sein will, sich qualifiziert hat und realistische Chancen auf Edelmetall besitzt, aber keine Starterlaubnis bekommt? Genau dieser Fall trifft auf Marion Bartoli zu.

Die Französin hat als Weltranglisten-Siebte ihre Olympia-Qualifikation schon sicher in der Tasche. Bartoli wird aber höchstwahrscheinlich am 27. Juli, wenn die Olympischen Spiele in London beginnen, nicht zum französischen Olympia-Aufgebot zählen. Was ist der Grund? Bartoli hat sich mit dem französischen Verband verkracht. Ein Verhältnis zwischen der Wahl-Schweizerin und ihrem Verband gibt es seit Jahren nicht. Damit Bartoli bei Olympia teilnahmeberechtigt ist, hätte sie zwischen 2009 und 2012 zweimal dem französischen Fed-Cup-Team angehören müssen, einmal davon 2011 oder 2012. So schreiben es die International Tennis Federation (ITF) und das Internationale Olympische Komitee (IOC) vor. Das war allerdings nicht der Fall. Die Französin spielte insgesamt nur zweimal für ihr Heimatland im Fed Cup, das liegt schon acht Jahre zurück. Somit darf die Weltranglisten-Siebte nicht zu Olympia.

Zwist zwischen Familie Bartoli und dem Verband

Der Grund der Streitereien zwischen Bartoli und dem französischen Verband ist Bartolis Trainervater Walter. Die Französin verlangte, um beim Fed Cup dabei zu sein, dass ihr Vater mit ins Trainerteam aufgenommen werden muss. Der Verband blieb jedoch hart und hielt sich an seine Vorgaben, dass beim Fed Cup keine Privattrainer zugelassen sind. Bartoli, die seit Jahren mit ihrem Vater unzertrennlich verbunden ist, wollte die Vorgabe nicht erfüllen und bleibt dem Fed-Cup-Team seither fern. "Das ist ein Thema, über das ich vermeide zu reden, weil es mich die ganze Zeit in eine schlechte Stimmung versetzt", erklärt die Französin.

Mittlerweile hat die 27-Jährige eine Ausnahmeregelung bei der ITF beantragt. "Es ist sehr herzzerreißend für mich. Um ehrlich zu sein, finde ich, dass ich eine Chance auf eine Medaille habe, besonders in Wimbledon auf Rasen, wo ich so viel Erfolg in der Vergangenheit hatte. Ich kann dort nicht hin wegen eines doofen Grundes", echauffierte sich Bartoli. Mit der Einschätzung ihrer Chancen hat die quirlige Französin auch recht. Ihre besten Ergebnisse erzielte Bartoli auf Rasen, wo auch das olympische Tennisturnier stattfinden wird. Die Finalteilnahme 2007 und das Erreichen des Viertelfinals im letzten Jahr in Wimbledon, wo sie Serena Williams besiegte, sprechen eine klare Sprache für Bartoli. Zudem gewann sie vergangenes Jahr das hochkarätig besetzte Rasenturnier von Eastbourne im Finale gegen die spätere Wimbledon-Siegerin Petra Kvitova. Die Chance auf eine Olympiamedaille ist somit groß.

Wenig beliebte Einzelgängerin mit Kämpferherz

Unterstützung erfährt die 27-Jährige vom französischen Sportminister, der sich für eine Olympia-Teilnahme von Bartoli stark macht. Die Chance, dass diesem Antrag stattgegeben wird, tendiert jedoch gegen null. "Voraussetzung für eine Einladung ist, dass man ein gutes Verhältnis mit dem Verband hat", erklärte der französische Tennisjournalist Carole Bouchard gegenüber dem Schweizer Sportportal "sport.ch". Doch ein gutes Verhältnis zwischen beiden Parteien ist meilenweit entfernt.

Bartoli ist schon immer eine Einzelgängerin gewesen und pflegt mit ihren Kolleginnen auf der WTA-Tour keine engen Kontakte. Das letzte Mal, dass sie sich mit einer anderen Spielerin zum Doppel zusammentat, liegt fünf Jahre zurück. Besonders beliebt ist sie weder bei ihren Kolleginnen, noch beim französischen Publikum. Mittlerweile hat sich zumindest das Verhältnis zu den Franzosen verbessert. Seit ihrem Halbfinaleinzug bei den French Open im vergangenen Jahr haben die Zuschauer ihr Herz für die eigenwillige Bartoli etwas geöffnet und zollen ihrer Landsmännin den Respekt, den sie mit ihrem Kämpferherz auch verdient.

Ego von Bartoli zu groß für ein Einlenken

Falls der französische Verband stur bleibt, wird die "Grande Nation" bei Olympia wahrscheinlich von keiner Tennisspielerin repräsentiert werden - unvorstellbar bei einer Tennisnation, die unter anderem mit Amelie Mauresmo, Mary Pierce und Suzanne Lenglen einige Grand-Slam-Siegerinnen stellt. Pauline Parmentier ist derzeit als Nummer 59 die zweitbeste Französin und bangt um ihre Olympia-Teilnahme. Am 11. Juni muss Parmentier in der "bereinigten Weltrangliste" unter den ersten 56 stehen, um definitiv dabei zu sein. Ein Fehlen von französischen Spielerinnen in London hätte auch Auswirkungen auf die männlichen Kollegen. Wenn keine Französin bei Olympia vertreten ist, wird es auch kein französisches Mixed geben.

Die letzte kleine Chance auf eine Olympia-Teilnahme für Bartoli besteht darin, dass sie sich für das Fed-Cup-Relegationsspiel am 21./22. April gegen die Slowakei zur Verfügung stellt und ihren Willen für ein gutes Verhältnis zeigt. Doch das Ego der Französin dürfte jedoch zu groß sein, dass sie über ihren Schatten springt und nach acht Jahren wieder für Frankreich in einem Nationenwettbewerb aufschlägt. Anders als Bartoli ordnen sich Maria Sharapova und die Williams-Schwestern Serena und Venus unter und stellen sich in den Dienst ihres Landes, um unbedingt bei Olympia dabei zu sein. Das dürfte bei der Weltranglisten-Siebten aber nicht der Fall sein, die damit ihren großen Olympiatraum unnötig weggeworfen hat. "Wenn ich nicht in London spiele, dann spiele ich auf der Wii, das fühlt sich genauso an", scherzte Bartoli, die sich mit ihrer Nicht-Teilnahme, wie schon vor vier Jahren in Peking, abgefunden haben scheint. (Foto: GEPA pictures)

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