Sampras, Courier und die Tränen von Melbourne

Donnerstag, 12.01.2012 | 11:41 Uhr
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tennisnet.com blickt aufs Viertelfinaldrama der Australian Open 1995 zurück, als Sampras um seinen schwerkranken Trainer trauerte.

Von Christian Albrecht Barschel

Als Pete Sampras am 24. Jänner 1995 zu seinem Viertelfinale gegen Jim Courier bei den Australian Open antritt, weiß er noch nicht, dass es sein emotionalstes Spiel in seiner Karriere werden wird. tennisnet.com blickt auf das Duell der beiden US-Amerikaner zurück, in dem Sampras vor einem Millionen-Publikum Tränen um seinen erkrankten Trainer Tim Gullikson weint.

Für die Tennisfans im ausverkauften Flinders Park in Melbourne ist es ein absoluter Leckerbissen. Mit der aktuellen Nummer eins der Welt Sampras und dem Weltranglisten-Elften Courier treffen in der Night Session die Titelträger der letzten drei Jahre im direkten Duell aufeinander. Sampras tritt als Titelverteidiger an, Courier konnte die Australian Open 1992 und 1993 gewinnen. Die beiden US-Amerikaner sind gute Freunde, aber gleichzeitig Rivalen.

Sampras in Sorge um schwerkranken Trainer

Das Viertelfinale wird dabei von einem traurigen Ereignis überschattet. Tim Gullikson, der Trainer von Sampras, bricht während des Turniers mit einem Schwächeanfall zusammen und muss ins Krankenhaus. In den Monaten zuvor war Gullikson bereits zweimal in Ohnmacht gefallen. Am Tag des Spiels reist Gullikson mit seinem Zwillingsbruder aus Melbourne ab, um sich weiteren Untersuchungen zu unterziehen. Später wird bei ihm ein Gehirntumor diagnostiziert, woran er ein Jahr später stirbt. Mit dem mulmigen Gefühl, dass sein Trainer und Freund schwerkrank ist, geht Sampras in das Match. Aber auch Courier lässt die Situation nicht kalt. Der Trainer von Courier ist eng mit den Gullikson-Brüdern befreundet. Es wird ein Abend, der nicht nur den beiden Protagonisten ewig in Erinnerung bleiben wird.

Gleich zu Beginn des Matches zeigt sich, wo die Reise hingeht. Sampras spielt bei seinem Aufschlag bedingungslos Serve-and-Volley. Courier hingegen bleibt lieber an der Grundlinie und versucht mit seinen krachenden Grundschlägen die Ballwechsel zu bestimmen. So entwickelt sich vor allem bei den Aufschlagspielen von Courier ein munteres Spielchen mit vielen sehenswerten Ballwechseln. Im ersten Satz geben sich beide Spieler bei eigenem Aufschlag keine Blöße. Ohne einen Breakball geht es ins Tiebreak. Sampras serviert dort einen Doppelfehler zum 3:4, holt sich das Minibreak aber wieder zurück. So scheint es jedenfalls, aber ein Ausruf des Linienrichters wird vom Schiedsrichter zum Unmut von Sampras überstimmt. Der Punkt wird wiederholt. Courier zieht auf 6:3 davon und gewinnt das Tiebreak mit 7:4.

Kein Break in den ersten beiden Sätzen

Auch der zweite Satz macht da weiter, wo Satz eins aufgehört hat. Es ist ein zähes Ringen auf sehr hohem Niveau. Courier lässt im ersten Spiel die ersten beiden Breakchancen im Match ungenutzt. Immer wieder bestimmt Courier bei den längeren Ballwechseln das Tempo und diktiert diese mit seiner knallharten Vorhand. Sampras sucht seine Chance in der Offensive, sobald sein Landsmann zu kurz spielt. Doch Courier bietet Sampras wenige Chancen an und lässt auch im zweiten Satz keinen Breakball gegen sich zu. Es geht erneut ins Tiebreak, in dem Courier sein bestes Tennis auspackt. Mit 7:3 sichert sich der zweifache Melbourne-Sieger auch das zweite Tiebreak und steht nach zwei Stunden Spielzeit mit einem Bein im Halbfinale.

Sampras lässt sich von dem 0:2-Satzrückstand aber nicht beeindrucken. Schon im Achtelfinale gegen den Schweden Magnus Larsson hatte er diesen Rückstand in einen Sieg umgemünzt. Bei 1:1 im dritten Satz hat Sampras endlich seinen ersten Breakball, den er auch eiskalt nutzt. Der Knoten beim Weltranglisten-Ersten ist damit geplatzt. Er nimmt Courier zum 6:3-Satzgewinn ein weiteres Mal den Aufschlag ab und verkürzt in den Sätzen.

Courier fast schon im Ziel, Sampras fängt an zu weinen

Nach Couriers Break zum 3:2 im vierten Satz scheint die Partie aber gelaufen zu sein. Courier wirkt fitter und frischer als Sampras, der in seiner gewohnten Art und Weise etwas benommen über den Platz trabt. Bei einer 4:3-Führung vergibt Courier aber insgesamt drei Spielbälle und serviert ausgerechnet einen von seinen zwei Doppelfehlern im gesamten Match. Sampras schafft das Break und ist nun obenauf. Ihm gelingen nun auch die schwierigsten Schläge, und er nimmt seinem Landsmann zum Satzausgleich ein weiteres Mal den Aufschlag ab. Courier verschlägt bei Satzball gegen sich dabei einen leichten Schmetterball.

Im entscheidenden Satz wird es schließlich emotional. Sampras beginnt mit Aufschlag und kann zum ersten Mal im Match in Führung gehen. Kurz vor dem Spielgewinn zum 1:0 fängt der Weltranglisten-Erste zu weinen an. Der von so vielen als Tennis-Roboter verschriene Sampras zeigt seine Gefühle und weint um seinen kranken Trainer - und das vor einem vollen Stadion in Melbourne sowie vor einem Millionen-Publikum an den Fernsehgeräten. Auch während des Seitenwechsels laufen Tränen über sein Gesicht.

Sampras räumt später mit Mythos auf

"Als ich in meinem Stuhl während des Seitenwechsels saß, begann ich über Tim nachzudenken. Ich dachte an Tim im Krankenhaus zurück, wie verletzlich und traurig er war. Einen Moment später brach ich auseinander. Diese ganze Sache hatte sich in mir aufgestaut. Die kraftvollen Emotionen, die ich die ganze Zeit verdrängt hatte, mussten und wollten heraus. Es war nicht meine Art, Dinge rauszulassen, schon gar nicht bei einem Tennismatch. Deshalb wusste ich nicht, wo ich mit meinen Gefühlen hin sollte. Dass ich meine Gefühle kontrollieren wollte, machte es dabei noch viel schlimmer", schildert Sampras später diesen Vorfall in seiner Biografie "A Champions's Mind".

Nach dem Seitenwechsel spielt Sampras unter Tränen weiter. Später wird angenommen, dass ein Ruf eines Zuschauers für den Gefühlsausbruch bei Sampras gesorgt hat. Doch davon distanziert sich der US-Amerikaner in seiner Biografie. "Es gibt einen Mythos über den gesamten Vorfall. Die Idee, dass mein Zusammenbruch begann, als ein Fan schrie 'Auf geht's Pete. Tu es für deinen Coach'. Doch das ist nicht wahr. Ich habe den Kerl nicht einmal gehört", klärt Sampras die Situation auf.

Couriers Zuruf bringt Sampras zurück in die Realität

Sampras kann nicht aufhören zu weinen. Bei 1:1 und 30:0 ruft Courier ihm zu "Bist du in Ordnung, Pete? Wir können das auch morgen zu Ende bringen". Der Morgen ist längst schon da und ein neuer Tag in Melbourne ist angebrochen. Sampras glaubt, dass sich Courier über ihn lustig macht. Er serviert ihm danach zwei Asse um die Ohren und bleibt in Führung. "Jims Bemerkung hat mich geärgert. Es hat mich aber aus meiner schrecklichen Lage befreit. Ich musste mich neu sortieren. Ich wusste nicht, wie ich die Bemerkung auffassen sollte. Die Fans haben darüber gelacht", sagt Sampras später über die Situation. Trotz ihrer Freundschaft zueinander, sprechen beide in den nächsten Jahren nie über diesen Vorfall.

Nach Couriers Zuruf ist Sampras aus seiner gefühlten Ewigkeit befreit. "Das waren wahrscheinlich die längsten zehn Minuten meines Lebens. All das ist vor einem vollen Stadion und vor einem internationalen Fernsehpublikum passiert. Die Leute konnten sehen, wie mich drehe und winde so wie bei einem Käfer unter einem Mikroskop. Es war qualvoll, aber Jims böser Witz brachte mich wieder in die Realität zurück, und ich antwortete darauf gut."

"Ich weiß, dass du tot bist, weil ich tot bin"

Trotz der sichtlichen Erschöpfungen und Krämpfe halten beide das Niveau weiter ganz oben und verteilen keine Geschenke. Sampras holt sich in einem spektakulären Spiel das entscheidende Break zum 5:3, obwohl Courier fünf Spielbälle zum 4:4-Ausgleich hat. Anschließend serviert der Weltranglisten-Erste das Match sicher nach Hause. Nach knapp vier Stunden um 1:09 morgens verwandelt Sampras seinen ersten Matchball zum 6:7 (4), 6:7 (3), 6:3, 6:4, 6:3-Erfolg gegen Courier und steht im Halbfinale. Beide umarmen sich am Netz. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man auch annehmen, dass Sampras der unterlegene Spieler ist. Denn er wirkt wie ein begossener Pudel, der sich von Courier trösten lässt. "Ich weiß, dass du tot bist, Pete, weil ich tot bin", sagt Courier.

"Gewinnen oder verlieren. Es war eins der besten Matches, an denen ich teilgenommen habe. Ich habe nicht aufgegeben und alles versucht, um zu gewinnen. Wir haben beide viel Herz dort draußen gezeigt", sagt Sampras später in der Pressekonferenz. "Wir hatten Krämpfe, wir mussten der Intensität Tribut zollen. Aber wir haben nie nachgelassen. Ich wusste früh im zweiten Satz, dass dies etwas Besonderes in unserem Leben ist. Ich kann mich nicht schlecht fühlen, so verloren zu haben", ergänzt ein trotzdem stolzer Courier. Es scheint so, als ob Sampras bestimmt ist, diese Australian Open zu gewinnen. Doch im Finale unterliegt der Weltranglisten-Erste seinem Landsmann Andre Agassi in einem weiteren hochklassigen Spiel. Tim Gullikson verstirbt schließlich am 3. Mai 1996, und Sampras verliert damit einen guten Freund und Mentor. (Foto: GEPA pictures)

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