Wintersport

Wolfgang Kindl vor der Rodel-WM im Interview: "Man muss mit Schmerzen leben können“

Wolfgang Kindl ist zweifacher amtierender Rodel-Weltmeister.
© getty

Wolfgang Kindl hat sich über die letzten Jahre als Österreichs Nummer eins der Rennrodler etabliert. Als Titelverteidiger im Einsitzer sowie im Sprint geht der 30-Jährige in die am Freitag startende Rodel-Weltmeisterschaft in Winterberg (Deutschland). SPOX hat den ÖRV-Profi zum Interview gebeten.

Kindl beschreibt, warum Rodeln kein gesunder Sport ist, und ärgert sich über einen "dummen Fehler", der ihm in der aktuellen Saison womöglich den Gesamtweltcup kostet. Er spricht über den Erfolgslauf des österreichischen Nationalteams bei Olympia und im Weltcup und erklärt, warum er jeden Saunabesuch protokollieren muss.

Außerdem spricht der siebenfache Weltcupsieger über seinen Weg vom Skirennfahrer zum Profirodler und die Möglichkeiten, die sich durch eine zweite Kunstrodelbahn neben jener in Innsbruck/Igls ergeben werden. Für die bevorstehenden Titelkämpfe gibt sich Kindl kampfeslustig.

SPOX: Herr Kindl, wie kommt man auf die Idee, Profirodler zu werden?

Wolfgang Kindl: (lacht) Das ist eine gute Frage. Zu Beginn fuhr ich auch noch Ski-Rennen, sah aber schnell, dass es dort trotz vorhandenen Talents sehr schwierig ist, an die Spitze zu kommen. Es geschah eher zufällig, bei einem Tag der offenen Tür an der Innsbrucker Olympiabahn. Obwohl ich immer als zu klein abgestempelt wurde (Kindl ist 1,66 Meter groß, Anm.) hat es mir von Anhieb getaugt. Ich wollte diese Herausforderung annehmen und es allen zeigen.

SPOX: Wie beginnt denn eine Rodler-Karriere? Wie kann man sich ein Training als Kleinkind vorstellen?

Kindl: Es wird in der Bahn von ganz weit unten gestartet, da man zu Beginn die Lenkbewegungen und das Tempo noch nicht richtig einschätzen kann. Wenn die Trainer sehen, dass es gut funktioniert, arbeitet man sich in kleinen Schritten die Bahn entlang nach oben: Zum Kinder-, Jugend-, Damen-, bis hin zum Herren-Start. Dieser Prozess dauert aber einige Jahre, und der kann mitunter auch schmerzhafte Erfahrungen beinhalten.

Wolfgang Kindl: Rodeln "ein lässiger Adrenalinkick"

SPOX: Dass der Rodelsport auch gefährlich sein kann, zeigt nicht zuletzt der Todesfall des Georgiers Nodar Kumaritashvili bei den Olympischen Spielen 2014. Empfinden Sie Angst, wenn Sie mit über 140 km/h den Eiskanal hinunterrasen?

Kindl: Wenn man Angst hat, ist man fehl am Platz. Man muss sie ausblenden, denn nur dann kann man seine Leistung abrufen. Ein gewisser Respekt muss vorhanden sein, denn man sieht immer wieder, was passieren kann, wenn etwas schief geht. Aber unter uns gesagt: Es ist auch ein lässiger Adrenalinkick, mit 140 km/h oder mehr ins Ziel zu rauschen.

SPOX: Im vergangenen Sommer schlugen Sie den Weg der Ehe ein und heirateten Ihre langjährige Freundin Elena. Sie engagiert sich im Nachwuchs des Rodelverbands und hat dadurch gute Einblicke in die Jugendarbeit. Wie entwickelt sich der Rodelsport in Österreich?

Kindl: Elena ist beim Scouting der Allerkleinsten schon dabei. Mittlerweile wird Rodeln in den Schulen präsentiert, um den Sport den Kindern schmackhaft zu machen. Dort sind zumeist auch pädagogische Fähigkeiten gefragt, das taugt ihr. Im Nachwuchs wird in Österreich in diesem Bereich mittlerweile gute Arbeit geleistet.

SPOX: Ihre Karriere ist unter anderem auch nur möglich, weil Sie als Berufssoldat angestellt sind. Wie sehen Ihre Verpflichtungen in dieser Rolle aus?

Kindl: Das Bundesheer gibt mir eine Absicherung und unterstützt als Arbeitgeber meine Profikarriere. So kann ich mich zu 100 Prozent auf den Sport konzentrieren. Alternativ gäbe es die Möglichkeit, bei der Polizei eine Ausbildung zu machen. Militärische Verpflichtungen gibt es keine, beim einen oder anderen Termin muss ich in Uniform erscheinen. Während des Weltcups müssen wir uns allerdings strikt ans Protokoll halten.

SPOX: Wie sieht dieses aus?

Kindl: Über einen Aktivitätsplan dokumentiere ich meinen Tagesablauf bis ins kleinste Detail. Wir haben nämlich ganz normale Dienstzeiten, und zwar täglich von 7:30 Uhr bis 16:30 Uhr. Ich muss genau angeben, wie mein Tag abläuft. Dazu zählen auch regenerative Maßnahmen wie Dehnungsübungen oder Saunaaufenthalte, solange es eben Teil meines Trainingsplans ist. Die militärische Gründlichkeit muss gegeben sein, dabei sollte man sehr genau sein.

SPOX: Bei den Olympischen Spielen im vergangenen Winter überraschte David Gleirscher mit Gold, Sie mussten ohne Edelmetall aus Pyeongchang abreisen. Wie schwierig war es, diese Enttäuschung im Sommer zu verarbeiten?

Kindl: Im ersten Moment war die Enttäuschung sehr groß, aber ich trauerte dem nicht lange nach. Olympia ist einfach unglücklich verlaufen, das Rennen war mit einem Fehler bereits nach ein paar Sekunden vorbei. In drei Jahren will ich wieder am Start stehen und meine Chance auf eine Medaille nutzen. Mein großes Ziel ist aber der Gesamtweltcup, wo sich der Konstanteste über eine gesamte Saison durchsetzt. Ich war in den letzten vier Jahren immer vorne dabei, leider hat es noch nicht für ganz oben gereicht.

Wolfgang Kindl: Man muss "Baustellen im Griff haben"

SPOX: Heuer starteten Sie famos mit drei Weltcup-Siegen in die Saison - trotz einiger Verletzungen.

Kindl: Bei einem Trainingssturz in Igls verletzte ich mich an meiner linken Hand, die stark geprellt war. Diese ist immer noch nicht ganz ausgeheilt und machte mir lange zu schaffen. Man muss teilweise mit Schmerzen leben können. Auch der Rücken ist häufig betroffen, das kann von einen Tag auf den anderen schnell umschlagen. Bandscheibenvorfälle kommen immer wieder vor.

SPOX: Der Rodelsport zollt also auch seinen Tribut.

Kindl: Man wird einfach nicht jünger. Der Körper musste über die Jahre einiges mitmachen. Das Rodeln an sich ist eben nicht gerade angenehm: Sei es die Position beim Start, oder wie sich Schläge auf der Bahn auf den Rücken- und Nackenbereich auswirken. Dem muss man eben schon im Training entgegenwirken, um seine "Baustellen" im Griff zu haben.

SPOX: Neben Ihnen gab es mit Reinhard Egger einen weiteren Saisonsieger aus dem ÖRV-Lager. Warum kann das österreichische Team die starke Konkurrenz - vor allem aus Deutschland - immer öfter ärgern?

Kindl: Wir sind im Herren-Nationalteam geschlossen stärker geworden. Der interne Druck ist groß, bei sechs verfügbaren Startplätzen im Weltcup musste einer aus unserem Team immer zuschauen, da haben gar nicht alle Platz. Deshalb pushen sich alle zu Höchstleistungen, um überhaupt dabei zu sein. Bei mir selbst wurde der Speed über die letzten zwei, drei Jahre immer besser. Reini war in den letzten Jahren unter seinem Wert geschlagen. David ist jetzt auch im Weltcup erstmals aufs Podest gefahren. Ich bin nicht mehr der einzige, der vorne mitfahren kann, das macht uns stärker.

SPOX: Was für Zuseher schwer sichtbar ist: Österreich machte auch auf dem Materialsektor bedeutende Fortschritte. Welche Änderungen helfen dem ÖRV-Team?

Kindl: Fast schon ähnlich wie zur Formel 1 hat sich die Technologie im Rodelsport in den letzten Jahren mächtig weiterentwickelt. Früher wurden etwa die Kufen per Hand gefertigt. Das Problem war dann allerdings, dass man eine besonders schnelle Kufe dann nicht mehr reproduzieren konnte. Heute wird viel exakter maschinell produziert.

SPOX: Wie treffen Sie die Entscheidung, auf welches Material Sie setzen?

Kindl: Jede Bahn hat ihre eigene Charakteristik. Über die Jahre sammelten wir einiges an Erfahrung und wissen jetzt, welches Material gut funktionieren könnte. Das ist ein wichtiger Schritt, wenn du dir bereits vor der Anreise zu einer neuen Bahn das Testen in den Trainingsläufen ersparst.

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