Ski-WM: Hansi Hinterseer im Interview

"Der Körper steht Felix manchmal im Weg"

Montag, 13.02.2017 | 07:59 Uhr
Hinterseer kennt die Familie Neureuther sehr gut
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Ski-Legende, Schlagerstar, Entertainer - Hansi Hinterseer hat viele Facetten. Obwohl der Kitzbüheler seine sportliche Karriere schon vor Jahrzehnten beendete, ist seine Meinung im Weltcup noch immer gefragt. Bei SPOX lässt der 63-Jährige mit seinen Reform-Vorschlägen aufhorchen. Zudem verrät er seine Meinung zu Lindsey Vonns Plänen, bei den Herren zu starten.

SPOX: Herr Hinterseer, Sie haben 1974 bei der WM in St Moritz Riesentorlauf-Silber geholt. Wie frisch sind die Erinnerungen?

Hansi Hinterseer: Das war eine tolle Sache. Im Slalom bin ich als Kitzbühel-Sieger angereist und gehörte zu den Favoriten. Letztlich wurde ich aber als Drittplatzierter disqualifiziert. Trotzdem war es eine super Weltmeisterschaft. St. Moritz bietet eine traumhafte Kulisse.

SPOX: Österreichs großer Superstar Marcel Hirscher hat bei der WM ein Monsterprogramm vor sich. Im Super-G ist er schon leer ausgegangen. Wie viele Medaillen sind für ihn möglich?

Hinterseer: Das werden wir nach der WM sehen (lacht). Den Sport macht so faszinierend, dass nicht immer alles planbar ist. Unter dem Strich müsste sich für Marcel einiges ausgehen, aber es sind viele Schwünge dazwischen. Das Wetter kann eine Rolle spielen, die Startnummer oder auch ein kleiner Fieberschub, der plötzlich kommt. Bei Großereignissen muss man auf alles gefasst sein.

SPOX: Er ist drauf und dran, den sechsten Gesamtweltcupsieg in Folge zu holen. Ist Hirscher für Sie schon jetzt der beste Skifahrer aller Zeiten?

Hinterseer: Das kann man so nicht sagen. Jedes Jahrzehnt hatte seine Stars. Marcel ist zweifelsohne momentan einer der Besten. Wenn man ihn aber als Besten aller Zeiten bezeichnet, kennt man sich im Skisport nicht aus. Es gab schon so viele großartige Athleten, da kann man sich nicht auf einen festlegen. Man darf auch nicht vergessen, welche technischen Entwicklungen der Sport hinter sich hat.

SPOX: Benjamin Raich kreidete Hirscher zuletzt ein wenig an, zu viel Understatement in seinen Interviews zu betreiben. Teilen Sie diese Kritik?

Hinterseer: Ich kann die Aussagen von Benni nicht beurteilen. Aber ich weiß, dass viele Journalisten von Überheblichkeit sprechen würden, wenn Marcel schon jetzt vom sicheren Gesamtweltcupsieg erzählt. Die Sache ist erst nach dem letzten Rennen zu Ende. Daher sollten die Journalisten Marcels Aussagen akzeptieren. Was soll er denn sonst sagen?

SPOX: Felix Neureuther gehört zu Hirschers größten Konkurrenten. Sie kennen die Familie des DSV-Stars gut. Ist mit ihm bei der WM zu rechnen?

Hinterseer: Er wird sicher alles daran setzen, Gas zu geben. Felix ist jedoch nicht mehr der Jüngste. Der Körper steht einem dann auch manchmal im Weg. Wenn man weiß, welche Schmerzen er mit sich herumschleppt, sind seine Leistungen sowieso unglaublich. Diese Sache tut mir überhaupt weh. Es haben sich in dieser Saison so viele Athleten verletzt, da fragt man sich, wohin sich der Skisport entwickelt. Die Zuschauer vor dem Fernseher bekommen gar nicht mit, wie schnell und schwierig die Pisten sind. Es stellt sich die Frage, ob man die Rennen entschärfen kann.

SPOX: Neureuther nicht der einzige DSV-Profi, der momentan in der Weltspitze mitfährt. Tun deutsche Erfolge dem Ski-Weltcup gut?

Hinterseer: Das ist sehr wichtig. Die ganze Industrie profitiert davon. Athleten wie Felix, Linus Strasser oder Andreas Sander müssen die Leute in Deutschland auf den Skisport heiß machen. Wir brauchen den Nachwuchs. Früher gab es in der Weltcupspitze mehr Rennfahrer aus verschiedenen Ländern, die Siegambitionen hatten. Schade, dass dem heute nicht mehr ganz so ist.

SPOX: Neureuther hat zuletzt weitreichende Reformen für den Ski-Weltcup gefordert. Unter anderem schlug er die Abschaffung des Super-Gs vor. Was halten Sie davon?

Hinterseer: Da stimme ich ihm zu. Die Speed-Spezialisten werden entgegen, sie hätten gerne zwei Disziplinen. Das ist schon auch verständlich. Aber die Idee hinter dem Super-G war, eine Mischung aus Abfahrt und Riesentorlauf zu finden. Momentan hat ein Techniker jedoch kaum Siegchancen, da die Super-Gs abfahrtsähnlich gesetzt sind. Das genaue Mittelmaß zu finden, ist schwierig. Meiner Meinung nach muss sich die FIS überhaupt einmal Gedanken machen.

SPOX: Was meinen Sie damit?

Hinterseer: Der Rennkalender sollte auf einen Zeitraum von Dezember bis Ende Jänner gestrafft werden. Nach der Weltmeisterschaft oder Olympia könnten Showrennen als eigene Rennserie stattfinden, um den Skizirkus in Städten und neuen Ländern zu promoten. Wenn momentan ein Rennen in Nordamerika gefahren wird, schaut außer den Serviceleuten und Freunden der Athleten keiner zu.

SPOX: Muss die FIS also mehr über den Tellerrand hinausblicken?

Hinterseer: Dieses Thema wird eh schon lange diskutiert. Jetzt starten bald Champions League und Formel 1. Da interessiert sich kein Mensch mehr für den Weltcup. Man muss sich überlegen, wie man den Sport dennoch attraktiv macht. Als ehemaliger Skifahrer faszinieren mich die Rennen. Im Fernsehen kann aber kaum vermittelt werden, wie herausfordernd dieser Sport ist. Man sieht die Geschwindigkeit und Brutalität nicht.

SPOX: Lindsey Vonn würde gerne in Lake Louise bei der Herren-Abfahrt antreten. Können Sie diesem Vorhaben etwas abgewinnen?

Hinterseer: Mitfahren kann sie ja. Lake Louise ist nicht mit Kitzbühel zu vergleichen. Ich halte Lindsey für eine fantastische Skifahrerin. Für sie ist diese Idee eine tolle Marketing-Sache, aber ich weiß nicht, was es bringen soll. Es gibt Herren- und Damenrennen.

SPOX: Also ist dieses Vorhaben für Sie sportlich wertlos?

Hinterseer: Wenn Lindsey die Herren schlagen würde, stimmt etwas mit dem System nicht. Es ist großartig, was sie geleistet hat und wie sie nach ihren Verletzungen zurückgekommen ist. Natürlich kann sie das einmal ausprobieren, aber ich glaube nicht, dass das zukunftsweisend ist.

SPOX: Abschließend zu einem anderen Thema. Ihr Neffe Lukas steht beim FC Ingolstadt unter Vertrag und gehört der österreichischen Nationalmannschaft an. Wie intensiv verfolgen Sie seinen Weg?

Hinterseer: Ich schaue mir seine Spiele gerne an und fiebere mit ihm mit. Es ist toll, dass er es überhaupt in die deutsche Bundesliga geschafft hat. Das macht mich schon stolz.

SPOX: Lukas hat zuletzt erklärt, bei einem entsprechenden Angebote wäre er für einen Wechsel nach China offen. Würden Sie ihm zu so einem Schritt raten?

Hinterseer: Das muss er wissen. Er hat gute Leute um sich herum, die ihn beraten. Er wird schon das Richtige tun.

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