Radsport

Thomas Rohregger im Interview: Peter Sagan? "Solche verrückten Sachen machen ihn heiß"

Von Lukas Zahrer
Sagan zählt aufgrund seiner Erfahrung zum erweiterten Favoritenkreis.
© GEPA

Thomas Rohregger ist als Streckenbeauftragter für die Kurse der UCI Straßenrad-Weltmeisterschaften in Innsbruck verantwortlich. Im Interview mit SPOX erzählt der ehemalige Staatsmeister im Einzelzeitfahren, welche Faktoren bei der Streckenführung ausschlaggebend sind und erklärt, warum Peter Sagan auch in den Tiroler Bergen zum Favoritenkreis zählt.

Außerdem spricht der 35-Jährige ORF-Experte und Sieger der Österreich-Radrundfahrt 2008 vom Feedback, das die Fahrer ihm auf die WM-Strecke geben und bewertet die Medaillenchancen der österreichischen Profis.

SPOX: Die Rad-WM in Innsbruck ist in vollem Gange. Freuen Sie sich, dass es nach monatelangen Planungen nun endlich so weit ist oder überwiegt der Organisationsstress?

Thomas Rohregger: Bei Sport-Großereignissen hätte man fünf Jahre danach noch immer Ideen zur Verbesserung. Primär ist es wichtig, dass wir eine tolle Weltmeisterschaft mit spannenden Rennen auf die Beine stellen und den Fans eine gute Woche bieten. Zudem sollten die Fernsehbilder gut aussehen und alle Kommunikationsmittel optimal genützt werden, damit ein super Produkt präsentiert wird.

SPOX: Sie sind der offizielle Streckenbeauftragte der Weltmeisterschaft. Was darf man sich unter dieser Rolle vorstellen?

Rohregger: Ich war von Beginn an dabei, habe die Strecken konzipiert und sozusagen das Puzzle zusammengebaut. Danach schlüpfte ich in die Rolle des Botschafters für die WM - auf nationaler, aber vor allem auch internationaler Ebene. Das umfasste viele Reisetätigkeiten, um sich mit den Offiziellen der UCI (Radsport-Weltverband, Anm.) auszutauschen und die Werbetrommel zu rühren. Wir wollen immerhin Leute herbekommen, die für eine gute Stimmung sorgen.

SPOX: Was muss man bei der Streckenplanung beachten?

Rohregger: Es geht um drei Parameter. Zum einen muss die Strecke sportlich wertvoll sein. Wir haben uns das Credo auferlegt: Wir wollen eine schwere WM. Tirol hat viele Berge, die wir auch herzeigen möchten, denn im Inntal herumfahren würde wenig Sinn machen. Dabei ist der Streckenabschnitt Höttinger Höll im Finish des Herren-Straßenrennen mit bis zu 28 Prozent Steigung das zentrale Element.

Thomas Rohregger: "Ich habe eigentlich zwei Hüte auf"

SPOX: Die Kurse sind bestimmt kein Honigschlecken. Welcher zweite Aspekt spielte bei der Planung eine Rolle?

Rohregger: Die Strecke soll touristisch wertvoll sein. Der Tourismus ist einer der großen Geldgeber, die wollen dafür natürlich schöne Bilder sehen und geben auch Fixpunkte im Rennen vor.

SPOX: Hübsche TV-Bilder: Check. Zu guter Letzt?

Rohregger: Der allerwichtigste Punkt: Die Streckenführung muss operativ umsetzbar sein. Das muss mit den Behörden abgesprochen sein. Man kann nicht die gesamte Stadt Innsbruck lahmlegen, Krankenhäuser blockieren oder Ähnliches. Wir versuchen, den Eingriff in den öffentlichen Raum so gering wie möglich zu halten.

SPOX: Wie viel gibt bei der Streckenführung die UCI vor?

Rohregger: Prinzipiell spielen sich Weltmeisterschaften auf einem Rundkurs ab. Wir haben uns in Innsbruck für Außenstarts entschieden, weil wir viel vom Umland herzeigen wollen. Ganz festgeschriebene Regeln gibt es nicht, man muss als Organisator allerdings einem Guide Folge leisten. Dieser beinhaltet wesentliche Punkte wie etwa die Anzahl der Autos, die ein Austragungsverband stellen muss. Die Weltmeisterschaft ist einfach das absolute Aushängeschild der UCI, das größte Event des Jahres (die drei Grand Tours - Giro d'Italia, Tour de France, Vuelta a Espana - werden von anderen Organisationen umgesetzt, Anm.). Das soll als Vorbild für die anderen Veranstalter fungieren und ein Vorzeigeobjekt sein, an dem sich die anderen orientieren.

SPOX: Die Rad-WM ist aber nicht ihr einziges Tätigkeitsfeld.

Rohregger: Ich habe eigentlich zwei Hüte auf: Neben der Rolle als WM-Streckenbeauftragter bin ich bei der UCI auch als technischer Delegierter tätig. Vor wenigen Wochen war ich in Japan, um die Strecke für die Olympischen Spiele 2020 auszusuchen. Auch bei Kandidaten für die UCI Straßen-Weltmeisterschaften sehe ich mir die Strecken im Detail an. Ich entwickle also diese Regularien weiter und schreibe am Konzept mit, was im Detail einzuhalten ist.

Rad-WM: Weltmeister im Straßenrennen der Herren der letzten Jahre

JahrOrtWeltmeisterNation
2017Bergen (Norwegen)Peter SaganSlowakei
2016Doha (Katar)Peter SaganSlowakei
2015Richmond (USA)Peter SaganSlowakei
2014Ponferrada (Spanien)Michal KwiatkowskiPolen
2013Toskana (Italien)Rui CostaPortugal
2012Valkenburg (Niederlande)Philippe GilbertBelgien
2011Kopenhagen (Dänemark)Mark CavendishGroßbritannien
2010Geelong (Australien)Thor HushovdNorwegen

SPOX: Wie kommt ihr Design der WM-Strecke bei den Profis an?

Rohregger: Es wird ein sehr schweres Rennen mit über 250 Kilometern und knapp 5.000 Höhenmetern. Das Feedback der Fahrer war sehr gut, wir haben nämlich endlich wieder eine schwere WM, bei der die Bergfahrer gewinnen können. Ich glaube aber an einen großen Favoritenkreis, denn ich favorisiere zwei Typen von Fahrern.

SPOX: Und zwar?

Rohregger: Zum einen eben die klassischen Bergfahrer wie Vincenzo Nibali, Nairo Quintana, Thibaut Pinot oder Simon Yates. Zum anderen muss man auch mit den sogenannten Puncheuren rechnen, die bei den Klassikern immer vorne dabei sind. Dazu zählen Leute wie Greg van Avermaet oder Antonio Valverde, die auch spät im Rennen in der Lage sind, einen steilen Kilometer Vollgas zu fahren. Die südliche Runde ist eher etwas für die Kletterkünstler. In der Hölle muss man so richtig reindrücken können, wie man so schön sagt. Das könnte jenen Leuten, die richtig hohe Laktatwerte produzieren und Rampen hochsprinten können, besser liegen. Von den Nationen her sind daher die Italiener, Spanier, Kolumbianer, Franzosen und Belgier hervorzuheben.

Thomas Rohregger: "Peter Sagan zählt zum Favoritenkreis"

SPOX: Hat Superstar Peter Sagan bei dieser Strecke eine Chance, seinen vierten Weltmeistertitel in Folge zu holen?

Rohregger: Es kommt ganz darauf an, wie man das Rennen anlegt. Für mich ist Sagan immer noch ein großes Thema, denn genau solch verrückte Sachen reizen ihn besonders. Dadurch lässt er sich ein bisschen heiß machen. Er zählt in jedem Fall zum erweiterten Favoritenkreis.

SPOX: Sie haben die einzelnen Nationen bereits angesprochen. Wie stehen die Chancen der Österreicher?

Rohregger: Wir haben derzeit ein super Team: Patrick Konrad als Kapitän, Georg Mühlberger, Lukas Pöstlberger, Michael Gogl, Georg Preidler und Felix Großschartner. Das ist eine starke Mannschaft mit international etablierten Athleten, wir sind sehr gut aufgestellt und das lässt uns darauf hoffen, dass das österreichische Team auch vorne mitfahren kann.

Rad-WM in Innsbruck: Das Programm der UCI Weltmeisterschaft

DatumRennenKategorieUhrzeit/Sieger
23.09.2018MannschaftszeitfahrenDamenCanyon
23.09.2018MannschaftszeitfahrenHerrenQuick-Step
24.09.2018EinzelzeitfahrenJuniorinnenRozemarijn Ammerlaan (NED)
24.09.2018EinzelzeitfahrenHerren U23Mikkel Bjerg (DEN)
25.09.2018EinzelzeitfahrenJuniorenRemco Evenepoel (BEL)
25.09.2018EinzelzeitfahrenDamenAnnemiek van Vleuten (NED)
26.09.2018EinzelzeitfahrenHerrenRohan Dennis (AUS)
27.09.2018StraßenrennenJuniorinnenLaura Stigger (AUT)
27.09.2018StraßenrennenJuniorenRemco Evenepoel (BEL)
28.09.2018StraßenrennenHerren U2312.10-16.50 Uhr
29.09.2018StraßenrennenDamen12-17 Uhr
30.09.2018StraßenrennenHerren09.40-16.40 Uhr
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