Marcel Kollers Vermächtnis

Von APA
Freitag, 15.09.2017 | 21:03 Uhr
Marcel Kollers Ära geht nach sechs Jahren zu Ende
© GEPA
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Mit dem Abschied von Marcel Koller wird für Österreichs Fußball-Nationalteam am 31. Dezember 2017 eine Ära zu Ende gehen. Der Schweizer wird zumindest 54 Länderspiele in Serie auf der Bank gesessen haben, er wird in dieser Statistik nur von Wunderteam-Coach Hugo Meisl übertroffen. Er führte die ÖFB-Auswahl in die erweiterte Weltspitze, ehe der Rückfall kam, der nun zur Beendigung der Zusammenarbeit führte.

Als Koller am 1. November 2011 den Job als österreichischer Nationaltrainer antrat, rieb sich nicht nur so manche heimische Fußball-Legende ungläubig die Augen. Der ÖFB besetzte das wichtigste Betreueramt des Landes mit einem hierzulande praktisch unbekannten Coach, der zuvor nach seinem Rauswurf in Bochum über zwei Jahre lang arbeitslos gewesen war.

Kollers Weg zur Euphorie

Aber Koller belehrte seine Kritiker schnell eines Besseren. Dem heute 56-Jährigen gelang es, das schon zuvor vorhandene Potenzial der Mannschaft auszuschöpfen - er formte eine schlagkräftige Truppe und impfte ihr eine konkrete Spielidee, basierend auf Pressing und geordnetem Spielaufbau, ein.

Dadurch begann schon bald der Aufschwung, wenn auch vorerst nur langsam. In der Qualifikation für die WM 2014 reichte es nur zu Rang drei, doch bereits in dieser Ausscheidung vermittelte die ÖFB-Auswahl den Eindruck, nach langen Jahren der Krise wieder den Anschluss an Europas Elite gefunden zu haben.

Den ultimativen Beweis dafür traten die Österreicher in der Qualifikation für die EM 2016 an. Mit neun Siegen und einem Remis sicherte sich das Nationalteam erstmals auf sportlichem Weg einen EURO-Startplatz und löste einen Hype aus, wie es ihn seit der WM 1998 nicht mehr gegeben hatte.

Der größte Erfolg

Das ÖFB-Team stand plötzlich auf Platz zehn der FIFA-Weltrangliste, für ein Heimspiel gegen Liechtenstein wurden binnen Tagen 50.000 Tickets abgesetzt und Spieler wie David Alaba oder Marko Arnautovic avancierten zu Lieblingen der Nation - so wie auch Koller selbst.

Der Schweizer galt als Architekt des Fußball-Wunders, über ihn wurden Bücher geschrieben und mit ihm Werbeverträge abgeschlossen. Doch ausgerechnet als die Mannschaft am Zenit schien und in Frankreich auf der großen EM-Bühne glänzen wollte, setzte man zum Sinkflug an, teils aus eigenem Verschulden, teils aus einer Verkettung unglücklicher Umstände.

Niemand weiß, was passiert wäre, hätte Alaba gegen Ungarn statt der Stange ins Netz getroffen, hätte Aleksandar Dragovic in dieser Partie nicht Rot gesehen und sich Zlatko Junuzovic nicht verletzt. Oder hätte man mit einem Sieg gegen Island doch noch das Achtelfinal-Ticket gebucht.

Niemand weiß aber auch, was passiert wäre, hätte Koller in der EM-Vorbereitung weniger die mentale Erholung seiner Spieler als vermehrt das Training auf dem Platz forciert. Was passiert wäre, hätte er die Warnsignale in den Testspielen davor ernst genommen, bei der EM auf die zu dieser Zeit in Form befindlichen Spieler gesetzt oder nicht ausgerechnet in der Entscheidungspartie gegen Island eine Dreierkette aufgeboten.

Doch nicht nur die EURO, auch deren Aufarbeitung wurde in den Sand gesetzt. Die einzigen Fehler des ÖFB während des Turniers waren laut Sportdirektor Willi Ruttensteiner, dass die Spieler einmal wegen eines Sponsortermins zu spät ins Bett und ein anderes Mal wegen eines Staus zu spät zum Aktivieren kamen.

Ansonsten sei das enttäuschende Abschneiden auf Pech, die schlechte Verfassung einiger Kicker und die angeblich überzogene Erwartungshaltung von Medien und Fans zurückzuführen gewesen. Koller konnte bei sich selbst auch auf mehrmalige Nachfrage keinen Fehler erkennen - zumindest gab er öffentlich keinen zu.

Ab der Zeit rund um die Endrunde erwies sich auch als Bumerang, was das Nationalteam davor stark gemacht hatte. Kollers Festhalten an einem Stamm, unabhängig davon, ob Spieler bei ihren Vereinen zum Einsatz kamen, brachte nicht mehr die gewünschten Ergebnisse.

Ursachenforschung für die verpatzte WM-Quali

In der WM-Qualifikation war das Glück mit dem Auftakt-2:1 in Georgien endgültig aufgebraucht. Dazu gesellten sich das Fehlen eines treffsicheren Goalgetters, Verletzungen von Schlüsselspielern, aber auch hausgemachte Probleme wie jenes der mangelhaften Reaktion auf Umstellungen des Gegners oder der Besetzung des Linksverteidigers.

Weil sich Alaba im Zentrum besser aufgehoben fühlt und Christian Fuchs nach der EM seinen Rücktritt erklärte, setzte Koller zunächst auf Markus Suttner und dann auf Kevin Wimmer, jedoch ohne Erfolg. Mittlerweile etablierte sich Martin Hinteregger auf dieser Position, was zur kuriosen Situation führte, dass Österreichs derzeit bester Innenverteidiger im ÖFB-Team Linksverteidiger spielt und einer der besten Linksverteidiger der Welt im Mittelfeld.

Am Ende waren es für Koller zu viele Baustellen, um als erster ÖFB-Teamchef die sportliche Qualifikation für eine EM und WM zu schaffen. Dennoch hinterlässt er ein Vermächtnis von bleibendem Wert. Die Mannschaft ist weitgehend intakt, hat nach wie vor Qualität und wurde zuletzt mit aufstrebenden Jungen ergänzt. Und der vom Schweizer vorgenommene Professionalisierungsschub rund um das Nationalteam wird wohl auch von Kollers Nachfolger nicht mehr rückgängig gemacht werden können.

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