Fussball

"Habe mir die letzten Male Hoffnungen gemacht, aber..."

Von bwin
Herzog arbeitete zuletzt als Co-Trainer von Klinsmann
© GEPA

Andreas Herzog hat als Spieler, Trainer und Botschafter schon viel für den österreichischen Fußball getan. Ab November ist der Posten des Nationaltrainers bei der ÖFB-Elf vakant. In diesem Zusammenhang fällt auch immer wieder der Name Herzog als möglicher Kandidat. Im bwin Interview bezieht er zu den Gerüchten um seine Person eindeutig Stellung. Darüberhinaus kann er sich auch einige prominente Namen auf der Bank des Nationalteams vorstellen. Selbstverständlich weiß ein Mann wie der gebürtige Wiener auch, dass der Job heutzutage extrem schwer ist.

Frage: Herr Herzog, ich würde mit Ihnen gerne über einige Gerüchte sprechen, die gerade im Raum stehen. Nachdem der Vertrag mit Marcel Koller als Nationaltrainer zum Ende des Jahres hin aufgelöst wird ist ihr Name häufig im Zusammenhang damit gefallen, wer eventuell der nächste Nationaltrainer von Österreich werden soll. Was ist an diesen Gerüchten dran?

Herzog: Ja, das weiß ich nicht! Bisher sind das nur Gerüchte. Ich habe noch mit niemandem Kontakt gehabt und tue mir ein bisschen schwer, diese Fragen zu beantworten.

Frage: Hat man Ihnen den Posten denn angeboten?

Herzog: Nein, es war so, dass ich vor vielen Jahre schon zwei, drei Mal dass ich in der Situation war wo ich vielleicht kurz davor war, oder wo ich auch ein Kandidat war, Nationaltrainer zu werden, aber das ist in den letzten Jahren nicht passiert. Ich war jetzt fünf Jahre in Amerika, und seitdem ist keine Anfrage gekommen. Außerdem war ja auch Marcel Koller unter Vertrag.

Frage: Würden Sie denn annehmen, wenn man Sie fragt?

Herzog: Ich glaube, dass für jeden Trainer, für jeden österreichischen Trainer es interessant ist, das österreichische Nationalteam zu trainieren, keine Frage.

Frage: Das heißt der Job würde Sie schon grundsätzlich reizen, angenommen, man würde an Sie damit herantreten und fragen "Wollen Sie das machen"?

Herzog: Ja, ich möchte da jetzt ehrlich gesagt nicht zu viel darüber sagen weil immer wenn ich zu viel darüber gesagt habe ist es dann eh nichts geworden. Ich möchte das jetzt ein wenig in Ruhe angehen lassen und schauen, wie sich der ÖFB und die Verantwortlichen dort entscheiden und dann werde ich weitersehen. Die letzten Male habe ich mir Hoffnungen gemacht, und dieses Mal gehe ich die Sache etwas entspannter, etwas lockerer an.

Frage: Das ist mit Sicherheit eine gute Antwort! Aber, einmal angenommen, es sollte jetzt wirklich jemand anderes Nationaltrainer werden und nicht Sie, wen halten Sie denn für geeignet für den Posten?

Herzog: Ich glaube, dass es einige gute Trainer gibt! Ich habe mir jetzt noch nicht so viele Gedanken darüber gemacht, aber in Österreich gibt es sicher einige, ob das jetzt Peter Stöger wäre, Adi Hütter oder Ralph Hasenhüttl, um nur einige zu nennen die auch im Ausland für Furore sorgen. Es gibt aber mit Sicherheit auch einige interessante Trainer die in der österreichischen Bundesliga arbeiten. Aber - es ist nicht meine Aufgabe das zu bewerten oder zu beurteilen. Fakt ist, dass es mehrere Trainer gibt, auch österreichische Trainer, die gute Arbeit geleistet haben und die als Nationaltrainer in Frage kommen könnten.

Frage: Ich habe in der Vorbereitung natürlich auch die Interviews gelesen, die sie in jüngster Zeit zu diesem Thema gegeben haben. Matthias Sammer ist auch ein möglicher Kandidat für den Posten. Sie haben dazu aber gesagt, das sei utopisch. Können Sie das vielleicht ein bisschen ausführen?

Herzog: Ich war in Deutschland, in Bremen, und bin vor dem Spiel zum Sky-Interview geholt worden. Und dort wurde mir die Frage gestellt wie ich das sehe, dass Matthias Sammer vom ÖFB als Wunschkandidat gehandelt wird. Und ich habe im Spaß gesagt "Natürlich wäre das eine gute Variante, aber da müsste der ÖFB erst einmal einen Lotto-Sechser machen", weil jemand wie Matthias Sammer natürlich seinen Preis hat, das ist ganz klar. Das war aber auch ein bisschen im Spaß gemeint.

Frage: Aus Ihrer Sicht könnte das also ein Kandidat sein, sollte man sich finanziell einigen können?

Herzog: Das weiß ich nicht. Das muss ja auch er entscheiden, ob er überhaupt Lust hat, das zu machen. Da bin ich auch ganz ehrlich überfragt.

Frage: Ok. Wenn man sich jetzt einmal die Situation im internationalen Vergleich anschaut, oder in Österreich in den letzten Jahren, glauben Sie denn, dass der Job als österreichischer Nationaltrainer dankbar ist? Oder sehen Sie es eher so, dass das ein Schleudersitz sein kann, oder gar eine Karriere beenden kann?

Herzog: Ich denke, dass der Trainerjob momentan kein leichter Job ist, wenn man sieht, wie viele Trainer da ununterbrochen hinausgeschmissen werden, ob das jetzt in der deutschen Bundesliga ist, oder international. Der Druck auf einen Cheftrainer ist extrem hoch, der Erfolgsdruck, und da kann man eben nicht sagen dass man jetzt einmal etwas entwickeln will, sondern am Wochenende müssen immer die Resultate eingefahren, die Punkte geholt werden, sonst wird es für einen jeden Trainer eng. Und ähnlich ist es natürlich auch in der Nationalmannschaft, klar, wenn du Nationaltrainer bist ist natürlich die Prämisse, dass du dich für die Endrunde qualifizierst und daran musst du dich messen lassen.

Frage: Glauben Sie denn, dass sich das in den letzten Jahren geändert hat? Dass der Erfolgsdruck größer geworden ist? Dass der Druck auf die Trainer gestiegen ist? Oder ist das schon immer so gewesen?

Herzog: Ja, es ist schon immer ein gewisser Druck dagewesen, aber ich denke, dass das jetzt immer mehr wird. Der Fußball artet zurzeit ein bisschen aus, auch, weil viel zu viel Geld im Umlauf ist. Dadurch sind viele Werte, die wichtig sind, oder der Fußballsport an sich, gar nicht mehr so im Mittelpunkt. Momentan kommt es mir eher so vor, dass Fußball ein Business ist und keine Sportart, und ich hoffe, dass sich das wieder ein bisschen dahingehend ändert, dass wieder mehr über schöne Spiele gesprochen wird, über Tore, und nicht immer nur über Ablösesummen, was der Neymar kostet, oder dies, oder das. Das ist glaube ich für den Fußball nicht die richtige Entwicklung.

Frage: Mir kommt es schon auch so vor, dass hier zwei Welten immer stärker vermischt werden. Eben einerseits dieses unternehmerische Denken, das ja auch Marcel Koller zum Verhängnis wurde - bei der Entscheidung über seine Zukunft in der Nationalmannschaft wurde ja auch gesagt, dass man eine Mannschaft führen muss wie ein Unternehmen und seine Performance nicht mehr rentabel sei. Sie würden also auch sagen, dass Fußballclubs und -Verbände immer stärker wie Unternehmer agieren und immer weniger für die Fans stattfindet, oder wie würden Sie das formulieren?

Herzog: Es ist eben so - wenn man sich die großen Mannschaften ansieht, dann sind das eigentlich keine Fußballmannschaften mehr. Vereine wie Borussia Dortmund sind Aktiengesellschaften, und da hat man natürlich dann gewisse Verantwortlichkeiten, die sich ausschließlich am sportlichen Erfolg messen lassen. Da kann man dann nicht mehr sagen man baut in Ruhe über Jahre etwas auf, sondern man hat direkt den Erfolgsdruck. Ähnlich ist es auch bei kleineren Mannschaften - hier sind die Erwartungen zwar nicht ganz so hoch, aber wenn man bestimmte Erwartungen nicht erfüllt wird sofort der Trainer in Frage gestellt. Und wenn man dann die Nerven verliert ist der Trainer der erste der gehen muss. Es hat sich aber in den letzten Jahren auch gezeigt, in der deutschen Bundesliga, dass Trainerwechsel gar nicht so viel bringen. Denn wenn eine Mannschaft schlecht ist und es kommt ein neuer Trainer reißen sich die Spieler vielleicht kurz zusammen, merken aber nach ein bis zwei Monaten dass sie eben doch nicht gut genug sind und der Trainer-Effekt verpufft wieder. Das hat man im vergangenen Jahr gerade in der deutschen Bundesliga sehr sehr häufig gesehen - Mannschaften die zu Beginn der Saison schlecht waren haben auch zum Ende der Saison hin nicht den großen Qualitätssprung geschafft.

Frage: Wenn wir das jetzt einmal auf die österreichische Nationalmannschaft umlegen: Glauben Sie denn, dass die Mannschaft einfach nicht gut genug ist, um auf internationalem Niveau entsprechende Leistungen einzufahren, oder kann man das ein Stück weit auch Marcel Koller zum Vorwurf machen?

Herzog: Man darf jetzt dem Marcel Koller nicht zu viel Vorwürfe machen. Er hat sich für die Europameisterschaft qualifiziert zum ersten Mal in der Geschichte, und dafür muss man ihm auch den entsprechenden Respekt entgegenbringen. Aber - Fakt ist - dass durch die Qualifikation die Erwartungen in Österreich wieder extrem hoch waren, bei der Europameisterschaft und jetzt bei der WM-Qualifikation. Und da hat die Mannschaft leider nicht das umsetzen können, was sie vorher in der Qualifikation gezeigt hat. Und das ist natürlich immer wieder ein Problem. Die Erwartungen werden immer höher und höher, und wenn sich dann nicht der erwartete Erfolg einstellt ist meistens der Trainer schuld. Das ist eben part of the business.

Frage: Wenn wir jetzt von Erwartungen sprechen: Meinen Sie jetzt die Erwartungen seitens der Fans, des ÖFB, der Sponsoren...?

Herzog: Von allen! Von allen die beteiligt waren. Auch als Spieler oder Trainer hast du dann große Erwartungen. Als Trainer sieht man das ganze wahrscheinlich immer noch am realistischsten, weil man ja sieht was die Mannschaft kann und wo Stärken und Schwächen liegen. Und dass bei einem Land wie Österreich schon sehr viel zusammenpassen muss wenn du dich qualifizieren willst. Das beginnt schon bei der Auslosung, dass man in eine Gruppe kommt in der nicht auch Deutschland, Frankreich oder Spanien sind und der Gruppensieg relativ schwer zu erreichen ist, aber auch dass deine Spieler bei der Qualifikation dann absolute Top-Form haben. Das war bei der letztjährigen Qualifikation der Fall, leider nicht bei der diesjährigen.

Frage: Das heißt man kann auch fast ein bisschen sagen, dass Österreich Pech damit hatte, dass die WM-Qualifikation nicht funktioniert hat?

Herzog: Nein, das möchte ich nicht sagen. Pech ist immer eine Ausrede. Man hat in der letzten Qualifikation Spiele durch einen günstigen Spielverlauf und durch viel Selbstvertrauen gewonnen. Dieses Mal hat man unnötig Punkte liegen lassen, und dann kommt man eben in Situationen wo man schon gegen Wales gewinnen muss, dann gegen Georgien. Dadurch wächst der Druck immer weiter und der Mannschaft fehlen Erfolgserlebnisse und die Lockerheit geht verloren, die du vor dem Tor brauchst um ein Tor zu schießen.

Frage: Kann man das an einzelnen Personen festmachen, oder ist das eine Team-Leistung oder eben Nicht-Leistung die da stattfindet?

Herzog:Nein, an einzelnen Spielen festmachen ist schwierig, aber, so wie ich gesagt habe: Wenn sich Österreich qualifizieren will muss die ganze Mannschaft richtig gut sein, aber vor allem müssen die drei, vier Top-Spieler in jedem Spiel den Unterschied ausmachen können. Und das ist eben dieses Mal nicht gelungen.

Frage: Was könnte man denn vielleicht anders machen? Darin, wie man das Team zusammenstellt, wie man die Vorbereitungen macht? Was wären ihre Tipps für die österreichische Nationalmannschaft?

Herzog: Das kann ich nicht beurteilen weil ich jetzt die letzten sechs Jahre beim österreichischen Team nicht dabei war, ich weiß auch nicht wie das der Marcel Koller gemacht hat, ich weiß nur wie ich es früher gemacht habe als U21-Nationaltrainer und wie ich es jetzt mit Jürgen Klinsmann in Amerika fünf Jahre gemacht habe: Ich würde eben schauen was uns in den letzten Jahre geholfen hat, ich würde vielleicht einige Kleinigkeiten ändern, aber das muss man natürlich im Bezug auf eine neue Mannschaft immer neu adjustieren.

Frage: Ganz konkret gefragt: Gibt es denn aus Ihrer Sicht Hoffnung für die österreichische Nationalmannschaft, dass sie irgendwann auch auf internationalem Parkett etwas darstellt, oder wird das auch in Zukunft eine Mannschaft sein die nicht wirklich relevant ist.

Herzog: Naja, wenn wir über Österreich sprechen ist es natürlich etwas Anderes, als wenn wir über Deutschland oder Spanien reden, die nur über Titel sprechen. Für uns wäre es schon ein Erfolg, wenn wir uns für Endrunden qualifizieren. Das wäre nicht nur für den Ruf des österreichischen Fußballs sehr gut, das sieht man auch, das hat sich in den letzten Jahren sehr gut entwickelt, dass viele Österreicher im Ausland spielen, in Top-Ligen, das ist für die Entwicklung jedes einzelnen Spielers sehr gut, und davon hat auch die Nationalmannschaft profitiert. Aber wichtig ist, dass man auch auf internationaler Ebene wieder Erfolge einfährt. Damit man eben wieder bei Welt-Runden dabei ist. Das kann schnell gehen! Das habe ich am eigenen Leib gespürt als Spieler: Wenn du dich qualifizierst ist es super und das ganze Land ist in Fußballfieber. Schaffst du dann die nächste Qualifikation nicht, bist du wieder nur Ski-Nation. So ist Österreich, wie es leibt und lebt, und da muss man eben schauen, dass man das halbwegs stabilisiert und jede Chance nutzt um sich zu qualifizieren.

Frage: Glauben Sie denn, nachdem die Damen-Mannschaft jetzt sehr erfolgreich gespielt hat und sehr schön, dass das vielleicht auch einen Effekt hatte auf die Wahrnehmung des österreichischen Fußballs?

Herzog: Die Damen haben jetzt natürlich einen Erfolg gefeiert mit dem niemand gerechnet hat. Und das war absolut fantastisch, da kann man ihnen nur dazu gratulieren. Und sie haben den Männerfußball unter Druck gesetzt, denn sie haben gezeigt was möglich ist bei einer Endrunde, und das sollte jetzt natürlich auch das Ziel sein für das österreichische Männer-Nationalteam!

Das Interview mit Andreas Herzog führte bwin.

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung