"Bin mit Koller zu 100 Prozent zufrieden"

Von APA
Sonntag, 19.03.2017 | 13:23 Uhr
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Stillstand stört Willi Ruttensteiner. Der ÖFB-Sportdirektor verweist selbst in Erfolgszeiten gerne auf Möglichkeiten zur Weiterentwicklung. Vor dem ersten Länderspiel des Jahres am Freitag gegen die Republik Moldau gilt es für das Nationalteam aber, wieder in die Spur zu finden. Ein neues Spielsystem könnte dazu beitragen. Der 54-jährige Oberösterreicher im Interview.

Frage: Im A-Nationalteam steht eine Änderung des Spielsystems auf drei Innenverteidiger im Raum. Welche Auswirkungen hätte das auch auf die Nachwuchsauswahlen und die Spielidee des ÖFB im Ganzen?

Ruttensteiner: "Für mich ist das überhaupt nichts Neues. Der moderne Fußball geht dorthin, kein starres Spielsystem zu haben. Heutzutage variiert man innerhalb eines Spieles. Für den Gegner ist es dann wesentlich schwerer, sich einzustellen. Wir haben das in den Spielphilosophien schon seit Jahren drinnen. Wichtig ist, zwischen Spielsystem und Spielphilosophie zu unterscheiden. Das ist ein großer Unterschied. Unsere Prinzipien sind von der U15 bis zum Nationalteam durchgängig, da hat sich nichts geändert."

Frage: Bei der EM hat es gegen Island nicht funktioniert. Ist es auch ein gewisses Risiko, einer Mannschaft ein System aufzuzwingen, das sie möglicherweise noch nicht in der Form beherrscht?

Ruttensteiner: "Das ist ein wichtiger Punkt. Es hat in Frankreich in dem Spiel in der ersten Hälfte nicht so funktioniert, wobei man genauer hinschauen muss. War es wirklich das Spielsystem, oder war es die Form der Spieler? In Phasen der zweiten Hälften wurde mit drei Verteidigern das Spiel aufgebaut, das hat funktioniert. Es ist mit Risiko verbunden, keine Frage. Aber die große Zielsetzung ist es, die Spieler in ihren besten Positionen zu haben. Ich denke schon, dass man das unmittelbare System irgendwo nach den Spielern auszurichten hat."

Frage: Wie stehen Sie diesbezüglich zur stets heiß diskutierten Position von David Alaba? Ist er im Mittelfeld am besten aufgehoben? Oder kann er auch auf dem Flügel - gerade in einem System mit drei Innenverteidigern - sehr viel bringen?

Ruttensteiner: "Das macht er bei Bayern München Woche für Woche. Die Diskussion ist fast ein bisschen müßig. Er hilft uns im zentralen Mittelfeld wahnsinnig, er würde uns auch auf der Seite wahnsinnig helfen. Letztendlich obliegt es dem Trainer, dass er sagt, wo die größte Effektivität im Sinne der gesamten Mannschaft gegeben ist. Marcel Koller stellt ihn ins Zentrum, weil er glaubt, dass er von dort aus der Mannschaft mehr helfen kann. Dass er auch auf der Seite Weltklasse spielen kann, ist sowieso klar."

Frage: Mit Blick auf die laufende WM-Qualifikation: Wie entscheidend ist das Spiel gegen die Republik Moldau?

Ruttensteiner: "Da brauchen wir nicht lange herumzureden: Wir müssen dieses Spiel gewinnen. Wir haben zu Hause Punkte liegengelassen, auch in Serbien, wo wir fantastisch gespielt haben. Diesen Punkterückstand müssen wir aufholen, wenn wir die WM erreichen wollen. Das traue ich der Mannschaft zu, das geht aber nur mit Siegen."

Frage: Wie sehr wird der Teamchef, auch seine Zukunft betreffend, an den Ergebnissen gemessen?

Ruttensteiner: "Ein Teamchef in ganz Europa wird immer an Ergebnissen gemessen. An der Entwicklung der Mannschaft, aber in erster Linie auch an Ergebnissen."

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Frage: Der Vertrag von Marcel Koller läuft mit Ende der Qualifikation aus. Hat es schon Gespräche über seine Zukunft gegeben?

Ruttensteiner: "Nein, wir haben die gleiche Situation wie im sehr erfolgreichen Jahr 2015. Er hat Vertrag bis Ende der Qualifikation mit Option (bei WM-Teilnahme). Ich sehe keinen Grund, da irgendetwas zu verändern. Wenn man mit einem Trainer spricht, ist der Zeitpunkt richtig zu wählen. Ich sehe da auch keine Notwendigkeit. Wir haben ein Länderspieljahr vor uns, da wäre der Zeitpunkt jetzt völlig verfrüht. Der Fokus liegt auf dem Moldau-Spiel."

Frage: Wann wäre der Zeitpunkt ein guter? Im Sommer?

Ruttensteiner: "Vor der EM in Frankreich war es vom Zeitpunkt her richtig. Man hat die Qualifikation geschafft, es hat dann im Frühjahr sehr gute Gespräche vom Präsidenten mit dem Teamchef gegeben, mit einer rechtzeitigen Einigung."

Frage: Wie sehr sind Sie in den Prozess eingebunden?

Ruttensteiner. "Von der sportlichen Seite ist das zu 100 Prozent akkordiert. Es gibt aber auch noch die wirtschaftliche Seite. Zudem ist der Teamtrainer ein Beschluss des Präsidiums. Vom Ablauf her ist es so, dass ich als Operativer meine fachliche Meinung abgebe. Ich habe dem Präsidenten berichtet, dass die Arbeit von hoher Qualität ist. Die Qualität der Arbeit hat sich vielleicht sogar erhöht, auch wenn die Punkte nicht so stimmen. Das klingt vielleicht schwer nachvollziehbar, ist aber eine ehrliche Aussage."

Frage: Selbst bei einem Verpassen der Qualifikation wäre eine vorzeitige Verlängerung mit Marcel Koller also vorstellbar?

Ruttensteiner: "Ich möchte nicht über Verlängerungen oder Vertragsverhandlungen sprechen, weil das jetzt kein Thema ist. Aber soviel: Marcel Koller hat das Team von 2011 bis 2015 auf Rang zehn der Weltrangliste geführt. Seither gibt es eine Abwärtsentwicklung auf Platz 34. Für mich ist er in beiden Phasen der gleiche Trainer, die gleiche Persönlichkeit. Er hat auch überhaupt nichts an Motivation verloren, mit dieser Mannschaft zu arbeiten. Das sagt alles. Ich bin mit seiner Arbeit zu 100 Prozent zufrieden. Das heißt aber nicht, dass ich mit den Punkten zufrieden bin, die wir gemacht haben. Das ist er selber auch nicht."

Frage: Welche Dinge kann man aus so einer schwierigen Phase lernen?

Ruttensteiner: "Eine Situation wie 2015 ist im Fußball die größte Herausforderung. Du bist hoch oben und solltest eigentlich Veränderungen setzen, um dieses Niveau halten zu können. Etwas zu verändern, das funktioniert, ist das Schwierigste. Das ist etwas, das ich bei Bayern oder Barcelona bewundere: Die gewinnen die Champions League und verändern dann Dinge innerhalb der Mannschaft. Das ist die große Kunst, immer wieder Impulse zu setzen, um kontinuierlich vorne zu bleiben."

Frage: Julian Baumgartlinger hat das vor einigen Wochen in einem "Standard"-Interview angesprochen. Im Moment des Erfolges habe man es verpasst, den nächsten Schritt zu setzen. Gefällt Ihnen das von einem Führungsspieler?

Ruttensteiner: "Auch aus diesem Grund ist er zum Kapitän gemacht worden, weil er sich wahnsinnig entwickelt hat. Er ist jetzt eine reife Persönlichkeit. Er ist auch im internationalen Fußball tätig und reflektiert diese Dinge. Diese Aussage von einem Spieler beeindruckt mich."

Frage: Wenn man sich das Teamgefüge als Ganzes ansieht: Wie sehr sind Dinge, die bei der EM in Frankreich möglicherweise nicht reibungslos funktioniert haben, zwischen den Spielern gekittet? Ist die Mannschaft wieder so eine Mannschaft, wie sie 2015 war?

Ruttensteiner: "Natürlich bist du enttäuscht, wenn du dir viel vornimmst und die Punkte nicht machst. Aber wenn irgendjemand sagt, dass in diesem Team das Teamgefüge nicht stimmt, dann lügt er. Das ist einfach die Unwahrheit. Ich sehe, wie die Spieler miteinander umgehen, nach dem Essen einen Kaffee trinken und sich unterhalten. Die Mannschaft, das Gefüge, die Beziehung zum Trainer stimmen zu 1.000 Prozent. Dass Niederlagen schwieriger zu tragen sind, ist auch klar."

Frage: Man kann auch an Niederlagen wachsen.

Ruttensteiner: "Ich sehe die beiden Spiele im Frühjahr als entscheidende Spiele. Gegen Moldau müssen wir gewinnen, in Irland punkten. Wenn es gelingt, zwei Siege zu liefern, starten wir vom mentalen Bereich her hervorragend in den Herbst. Dann kann die Mannschaft auch das Unmögliche schaffen, nämlich die Qualifikation für Russland. Ich traue ihr das zu. Wir haben alles daran gesetzt, einen Neustart zu beginnen."

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