Sturm-Trainer Darko Milanic im Interview

"Ich habe überhaupt keinen Kredit mehr"

Dienstag, 05.08.2014 | 11:01 Uhr
Darko Milanic im SPOX-Interview
© GEPA
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Sturm Graz-Coach Darko Milanic im Interview über Totalausfälle, starke Typen, seine Idee, Medien und Kollateralschäden.

Von der Lichtgestalt zum Sündenbock der Grazer Fußballszene. Vor zwölf Monaten sollte Darko Milanic alles richten. Ein Jahr später steht der Slowene vor einem Scherbenhaufen. In Österreich wird Sturm belächelt, von durchschlagendem Erfolg keine Spur. Alles vorbei? Nein. Milanic zeigt sich im SPOX-Interview wie verwandelt. Er lacht, schreit, flüstert, gestikuliert und vor allem: er erklärt. Sich, Sturm, seine Spieler, Gott und die Welt. Darko Milanic, wie man ihn bis jetzt noch nicht erlebt hat.

Arsene Wenger hat gesagt, dass jede Niederlage eine kleine Narbe hinterlässt. Wie viele Narben haben Sie?

Mit Arsenal eine Niederlage zu kassieren, ist natürlich ein großer Unterschied. Dort ist bei einer Pleite Alarmstimmung. Dunkelrot. Ich will damit aber nicht sagen, dass sich Sturm ans Verlieren gewöhnen soll. Ich muss Niederlagen abschütteln. Narbe ist ein großes Wort, aber der Schmerz ist trotzdem groß.

Trainer müssen viel einstecken. Mit den Abgängen von Robert Beric und Florian Kainz haben Sie Tiefschläge kassiert.

Besonders Florian fehlt. Robert ging sehr früh, Florian ist im Saisonverlauf gewechselt. Ich habe auf ihn gebaut. Er war ein Führungsspieler, eine Mannschaft braucht seine Qualitäten. Das Team muss ihn jetzt im Kollektiv kompensieren.

Ein guter Transfer für Rapid, oder?

Florian hat im Frühling gut gespielt. Aber seine Schwankungen sind sehr groß. Von spektakulär bis...puuuuh. Unberechenbar.

Und Beric?

Ich war nie sein Mentor, sondern einfach nur sein Trainer. In Maribor hatte er keine große Belastung. Hier war der Druck nach der hohen Ablösesumme groß. Er hat am Anfang seine Qualität gezeigt, später aber nur noch für die Mannschaft gearbeitet und war verkrampft.

Wie sehen Sie den Kader im Vergleich zur Vorsaison?

Wir hatten einen Plan. Wir wollten um die Leistungsträger aus dem Frühjahr eine Mannschaft bauen. Die Gruppe bestand aus den beiden Goalies, Todorovski, Madl, Vujadinovic, Offenbacher, Klem, Hadzic, Florian Kainz, Schmerböck, Beichler, Beric und Djuricin. Diesen Stamm wollten wir mit einem Innenverteidiger, Stankovic, Sharifi und unseren Talenten ergänzen. Okay. Jetzt hatte Vuja andere Vorstellungen, da konnten wir nichts tun. Bis April habe ich gehofft, er würde bleiben. Und Beric? Kainz? Damit hat kein Mensch gerechnet.

Mit dem jetzigen Kader sollen Sie nun wesentlich besser abschneiden.

Ich habe überhaupt keinen Kredit mehr. Auch die Mannschaft nicht. Da tut es doppelt weh, dass Sharifi für ein halbes Jahr ausfällt. Wenn ich meine Idee umsetzen will, ist sein Ausfall ein riesiges Problem.

Inwiefern?

Wir haben Sharifi geholt, weil er eine offensive Kraft ist. Er schafft es, sich in besondere Positionen zu bringen. Die rechte Seite war da immer eine Schwachstelle. Ohne ihn haben wir ein Spielerprofil, das schwer durchkommt. Wir trainieren auf etwas hin und dann wird durch einen Ausfall alles zerstört.

Vielleicht sollten wir kurz bei den Basics ansetzen. Was ist Ihre Idee?

Ich bin schon letzten Sommer mit einer Idee nach Graz gekommen. Dann habe ich gesehen, dass es so nicht funktioniert. Der Druck, Resultate zu holen, war zu groß. Ich habe alles ad acta gelegt. Das, was alle in Österreich sehen wollen, ist in anderen Ländern wenig gefragt. Volles Risiko, Pressing ohne Rücksicht auf Verluste mit vielen Löchern als Resultat - das sieht man in anderen Ligen selten.

Sie sprechen von bedingungslosem Vertikalspiel?

Hier ist es ja fast verboten, dreimal quer zu spielen. Immer gemma, immer vertikal. Eine extrafeine Mannschaft wie Salzburg kann das natürlich. Aber jetzt wollen plötzlich alle so spielen. Zack, vom Tormann in die Spitze und selbst Scheißpässe werden von den intelligenten Salzburg-Offensivleuten weiterverarbeitet. Papp, Papp und durch. Rationaler Fußball. Macht Spaß. Ich will ewiges Verschieben auch nicht mehr sehen! Das haben alle satt. Also haben wir in der Vorbereitung etwas anderes trainiert. Pressen, schnell spielen, ab in die Tiefe.

Wenn Djuricin nicht fit ist, können Sie das aber vergessen.

Ohne Djuricin? Dann ist alles verloren. Wir wollen schnell durch die Mitte. Dann ist etwas los. In Grödig haben unsere Fans genau das bekommen. Grödig konnte damit lange nichts anfangen, wir waren da. Aber immer kann man das nicht spielen. Ried ist eine Kopie von Salzburg. Rapid spielt breit. Austria presst und spielt schnell durch die Mitte. Altach steht tief. Wiener Neustadt ist immer anders. Die pressen zwei Spiele, holen sechs Punkte und dann, die nächsten Spiele, (Milanic pfeift laut) ab in den Bunker.

Zurück zu Sturm.

Wir spielen jetzt ohne Flügelstürmer. Das ist für Schloffer und Stankovic ideal, die ziehen gerne in die Mitte. Aber was fehlt uns dann? Tiefe. Dafür haben wir nur noch Djuricin.

Was die Problematik wieder aufwirft, dass Djuricin fit bleiben muss.

(Milanic klopft auf Holz) Er ist fit und gut drauf. Jetzt muss er weiter Tore machen.

Wenn eine tief stehende Mannschaft wie Altach kommt, stößt Ihr Plan aber an Grenzen.

Klar. Darum müssen wir auch andere Spielsituationen trainieren. Aber auch die Jungs müssen sich auf den Spielverlauf einstellen können. Zudem hatten Florian Kainz wie der Rest der Offensive gegen Altach einen schlechten Tag. An einem guten machen sie die gegnerische Abwehr tot, dann kommen Situationen, die man nützen muss. Wie Salzburg es tut. Früher oder später ist der Gegner matt, zack, 1:0. Der Gegner schmeißt die Nerven weg, papp, papp, papp - fünf Stück.

Meine Aussage: Sturm Graz hat zu wenige Spieler, die konstant Leistung bringen und zu oft Totalausfälle.

Völlig richtig. Schloffi hat zum Beispiel letzte Saison in Grödig sensationell gespielt. Wahnsinn. Und nächstes Spiel gegen Rapid?

Furchtbar.

Ich wusste es genau! Ich wusste genau, dass er nicht noch ein Spiel schafft. Aber wie bringe ich ihn weiter? Wenn er die Chance bekommt! Sonst ist er mit 25 kein gestandener Spieler. Ich wusste, dass es für mich besser wäre, wenn ich ihn draußen lasse. Wie hat er gespielt? Brutal schwach. Sehen sie, mit welchen Problemen ich mich beschäftige?

Sind Sie als Coach auch Mentaltrainer?

Ich rede viel mit den Jungs. Ich provoziere, bin ironisch, freundlich - aber immer respektvoll. Immer mit Niveau.

Glauben Sie an psychologische und psychotherapeutische Ansätze?

Klar, das ist wichtig. Aber jeder Spieler muss alles mit sich selbst ausmachen. Ich bin nicht Schloffers Psychologe - er ist sein eigener Psychologe. Er muss sich stark machen! Nicht zwei Tage vor dem Spiel abseits vom Platz Vollgas geben. Das ist jetzt bitte nur ein Beispiel. Er muss immer Tore erzielen wollen und Vorlagen geben. Für den Hunger braucht er mich nicht.

Hat Sturm genug starke Typen in der Mannschaft?

Viele können die Belastung gar nicht tragen. Von Führungsspielern erwarte ich, dass sie sich nicht nur um sich kümmern, sondern andere unterstützen. Madl. Hadzic. Stankovic. Klem. Die müssen das übernehmen. Die Kabine unter Kontrolle zu haben, ist die eine Sache. Am Platz ist das viel schwerer.

Die Rhetorik ist in der Trainingsarbeit enorm wichtig. Sie haben zuletzt auf Sky selbst Sprachbarrieren angesprochen.

Als Ausländer rede ich nicht optimal Deutsch. Selbst Österreicher können oft nicht sagen, was sie ausdrücken wollen. Besonders am Anfang war es schwer.

Können Sie Ihre Ideen artikulieren?

Einige Spieler haben Verständnisprobleme, selbst wenn man Dinge hundert Mal wiederholt. Ich sage etwas, der Spieler geht zwei Schritte weg und hat keine Ahnung mehr, was ich vermitteln wollte. Da ist es egal, welche Sprache ich spreche.

Erzählen Sie mehr.

In einer Gruppe von Menschen ist jeder verschieden. Manche verstehen sofort. Selbst wenn ich in einem Scheißdeutsch spreche. Madl! Er kapiert alles! Offenbacher! Die wissen immer, was los ist. Natürlich machen sie Fehler. Aber sie verstehen.

Wie geht es Ihnen mit den ganz jungen Spielern?

Junge Leute haben ein großes Problem: Sie bekommen zu früh eine Chance.

Bitte?

Sie glauben, das ist positiv. Nein! Das ist ein großer Nachteil für später. Sie kommen zu einfach zur großen Bühne. Dann sind sie plötzlich da und wissen das nicht zu schätzen. Wenn ich zwei Jahre dafür im Keller trainiere, habe ich ein ganz anderes Selbstverständnis. Die geben ihren Platz nie wieder her. In Wien war ich beim Vortrag eines französischen Spezialisten, der mit Arsene Wenger auf Du und Du ist. Der vertritt die gleiche Meinung. In England bekommen 18-Jährige Bombenverträge, ohne etwas geleistet zu haben.

Emmanuel Frimpong zum Beispiel.

Ich weiß nicht. Was hat er bekommen?

Über eine Million Euro pro Jahr.

Okay. (lange Pause) Was will ich noch zeigen, wenn ich in dem Alter Millionen habe? Da gehe ich Holladrio. Völlig normal.

Aber manchmal sind Talente so gut, dass man sie bringen muss.

Schau. Ich spreche nicht gerne über Einzelspieler. Aber Sandi Lovric? Boah. Mit 16. Er pickt immer an meiner Seite und brennt. Bald bekommt er seine Chance. Der ist für eine große Bühne gemacht.

Haben Sie Angst, dass Angebote von Großklubs kommen?

Die werden und müssen kommen. Die sind ja nicht blind. Ich hoffe nur, dass Sturm finanziell stark davon profitiert.

Machen wir einen Rollentausch. Wie beurteilen Sie die mediale Aufarbeitung des SK Sturm?

Ich lese Internetportale gar nicht. Ab und zu bekomme ich mit, wenn wir rasiert werden. Die Zeitung lese ich gerne, wenn wir gewinnen (lacht). Dieses Gefühl brauche ich manchmal einfach. Aber letztes Jahr habe ich nicht oft gelesen (lacht).

Trifft Sie das?

Ich habe in Maribor alles gewonnen und war trotzdem unter Druck. Das ist mein Job. Ich nehme nichts persönlich. Es wird ja meine Arbeit und nicht mein Charakter beurteilt. Glauben Sie mir, ich bin selbstkritisch und nicht in mich verliebt. Mir geht es schon richtig scheiße, wenn wir nicht gewinnen. Aber ich mache mich damit nicht kaputt und werde auch nicht depressiv. Wenn ich heimkomme, falle ich ins Bett und schlafe wie ein kleines Kind. Und in der Früh? Der Akku ist voll und gemma.

Was würde Sie als Sturm-Trainer glücklich machen?

Wenn wir etwas Gutes machen, ist das Publikum sofort da. Die Fans sind hungrig und warten darauf. Sie wollen uns gut spielen sehen, kämpfen ist zu wenig. Jetzt wollen wir statt fünf guten Aktionen 20 machen. Dann haben wir die Leute wieder hinter uns und setzen Energie frei.

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