Was unterscheidet Roger Federer von anderen dem Alter trotzenden Weltklasseathleten?

Von SPOX Österreich
Roger Federer laboriert an einer Handverletzung
© getty

Jeff Bercovici spricht über sein Buch "Play On" und die Rolle, die die Sportwissenschaft bei der Verlängerung der Karrieren von Roger Federer, LeBron James, Tom Brady und anderen Athleten gespielt hat.

Jeff Bercovici hatte gerade eine Not-OP hinter sich, als er sich diese Frage stellte.

Die Frage kam zu einer Zeit, in der es körperlich gesehen nie schwieriger gewesen war, ein Profisportler zu sein. Wie kommt es dann, dass viele der Besten auch zu den Ältesten zählen?

Bercovici spielte "mehrmals in der Woche" Fußball für einen Verein der örtlichen Fußball-Liga von Brooklyn. Er hatte sich bei einem Training etwas zu viel abverlangt und dabei eine Rückenverletzung zugezogen.

Bei Tenniswetten stehen die Quoten bei 6.00 , dass Roger Federer den Australian-Open Titel holen wird. Er sowie LeBron James und Tom Brady sind auch weiterhin erfolgreiche Athleten, obwohl sie "den für ihre Sportart noch in der letzten Spielergeneration als üblich erachteten Alterszenit weit überschritten haben."

Bercovici, seines Zeichens Journalist, hatte "ein wenig Recherche" betrieben, da ahnte er, dass seine persönliche Neugier sich professionell bündeln lassen könnte, und veröffentlichte 2018 sein erstes Buch mit dem Titel Play On: The New Science of Elite Performance at Any Age.

"Es beleuchtet dieses Phänomen, das uns in der Welt des Sports begegnet, und den Treiber dafür: die Sportwissenschaft", erläutert er.

Bercovici sprach mit ehemaligen Spielern, Trainern und Experten für "Training, Ernährung, Psychologie, operative Eingriffe, sonstige Therapien, Sporttechnologie und Genetik" und kommt zu dem Schluss, dass der "alles entscheidende Faktor" bei der Verlängerung der Sportkarrieren der ist, die körperliche Regeneration in den Vordergrund zu stellen und nicht die körperliche Fitness.

"Der Zeitaufwand, den Spieler für verschiedene Erholungstechniken investieren, ist mit dem von vor 15 Jahren nicht annähernd vergleichbar", sagt er.

Nehmen wir beispielsweise LeBron James: Er spielte in 2017/2018 die beste Saison seiner 15 Jahre währenden Karriere in der NBA und hat die meisten Spielminuten auf dem Konto, die je ein Spieler in der Liga verbuchen durfte - und das im Alter von 33 Jahren.

"Nach jedem Spiel der NBA Finals gab er eine Pressekonferenz. Das Wort, das er am häufigsten äußerte, lautete: ‚Therapie'", führt Bercovici weiter aus.

"Er sprach von einer Vielzahl verschiedener Dinge, von Eisbädern über Kältetherapie bis hin zum Schröpfen, Elektro- und Laserstimulation."

Während diese Technologien - denen typischerweise vom Militär oder privaten Technologieunternehmen der Weg geebnet wurde, die aber Stars wie James brauchen, damit sie diese verbreiten - tatsächlich die körperliche Erholung beschleunigen, leisten sie noch einen weiteren wichtigen Beitrag.

"Athleten sind heute viel verantwortungsbewusster was das Übertrainieren angeht. Dennoch neigen sie dazu, alles aus sich herauszuholen", so Bercovici. "Sie machen und tun so viel sie können, um ihre Leistung zu verbessern."

Er kommt auf das Trainingspensum von Tiger Woods zur Hochzeit seiner Karriere zu sprechen. Bekanntermaßen beinhaltete dieses täglich Langstreckenläufe, Hanteltraining, etliche Stunden auf der Driving Range und eine 18-Loch-Runde.

"Jeder weiß, dass man damit seinen Körper effektiv zugrunde richten kann. Stattdessen stemmen Profisportler heute 90 Minuten lang Gewichte im Fitness-Studio, nehmen dann ein heißes Bad, gönnen sich im Anschluss daran ein Eisbad und all solche Dinge", führt Bercovici aus.

"Dadurch regenerieren sie sich zwar nicht notwendigerweise schneller, aber sie konzentrieren sich auf die Regeneration, statt noch mehr zu trainieren. Das verlängert wirklich ihre Karrieren."

Niemand hat das eindrucksvoller unter Beweis gestellt als Roger Federer, der seit Juni 2018 wieder die Weltrangliste der Tennisherren anführt; und das nur wenige Wochen vor seinem 37. Geburtstag.

Bercovici meint: "Obwohl Federer all die im Buch beschriebenen Entwicklungen durchgemacht hat, ist er wahrscheinlich in der Geschichte des Sports das unglaublichste Beispiel für Langlebigkeit."

Das liegt daran, dass seine Belastbarkeit eine Folge seiner Spielweise ist.

"Würde man von Grund auf einen Tennisspieler konzipieren, käme Roger Federer dabei heraus", sagt Bercovici.

"Ein Kinesiologe kann zum großen Teil Federers fortwährende Stabilität erklären. Er spielt intuitiv schönes Tennis, achtet aber auch darauf, seine gesundheitliche Verfassung auf diesem nie dagewesenen Niveau zu halten."

"Ich halte ihn für das größte Tennisgenie aller Zeiten."

Bercovici erinnert sich an ein zehn Jahre altes Zitat über Federer, wonach dieser sich während der Matches geradezu "leichtfüßig schwebend bewegt".

"Lange bevor man überhaupt darüber sprach, wie dieser Typ Verletzungen vorbeugt oder wie erstaunlich lange er im Tenniszirkus obenauf ist, praktizierte er diese unverwechselbaren und wirkungsvollen Bewegungen", erzählt der Autor.

Bercovici ist mittlerweile wieder fit und hat auf dem Weg der Genesung ein paar der in seinem Buch Play On untersuchten Methoden auch selbst angewandt. Beim Schreiben des Titels fand er heraus, dass alle dauerhaft erfolgreichen Sportler eines gemeinsam haben: die Liebe zu ihrer Sportart.

"Das klingt wie eine Floskel, hat aber viel Wahres an sich."

"Die erste Hürde, die Weltklassesportler überwinden müssen, ist diese: Sie müssen ein Spiel wie eine Aufgabe behandeln und allen Spaß sowie sämtliche Spontanität herausnehmen."

"Hat jemand diese Hürde genommen, aber nach 20 Jahren immer noch diesen Sinn für Spaß, dann ist das ausgesprochen selten. Genau das verbindet diese Menschen, die im Alter von beinahe 40 Jahren immer noch unglaublich hart arbeiten."

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